Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Neues von der Bowienale

And she’s hooked to the silver screen.

Bis zum zweiten Tag der Berlinale gab’s erst drei David-Bowie-Sichtungen – der Mann ist eben einfach diskreter als Elvis oder Kurt Cobain, die alle zwei Minuten irgendwo als Schimmelfleck auf einer Hotel-Minibar-Tür in der Hauptstadt erkannt werden. Bowie, so outriert er sich auf der Bühne und auf Plattencovern manchmal gab, bevorzugt als künstlerische Strategie vom Jenseits her dieselbe, die auch seine besten Songtexte veredelt hat – die Anspielung, die auch dann funktioniert, wenn man gar nicht weiß, worauf sie anspielt – wie etwa viele Leute das Cover seines Albums „low“ von 1977 mochten und mögen, denen nie aufgefallen ist, dass das Foto unter dem Plattentitel, das Bowie als Außerirdischen in Nicolas Roegs Film „The Man Who Fell To Earth“ zeigt, zusammen mit jenem Plattentitel ein Wortspiel ergibt, denn es ist eine Profilaufnahme: „Low Profile“ – auf deutsch würde „to keep a low profile“ etwas wie „sich zurückhalten“ oder „sich nicht in den Vordergrund spielen“ bedeuten, und so muss die Berlinale eben auch nicht lange an die große Glocke hängen, dass sie diesen bedeutenden Mann so kurz nach seinem Tod noch einmal ehren will.

Davod Bowie 1976 in Nicholas Roegs "The Man Who Fell To Earth"© picture alliance / United Archives/IFTNDavid Bowie in Nicholas Roegs „The Man Who Fell To Earth“

„The Man Who Fell To Earth“ lief 1976 hier im Wettbewerb und wird zur Erinnerung daran wie an den Hauptdarsteller in diesem Jahr nochmal gezeigt, während der Rest der Berlinale vor Andeutungen der Fortexistenz Bowies eben eher leise summt: Ein außer Konkurrenz gezeigter Film von Dominik Moll zum Beispiel heißt „Des nouvelles de la planète Mars“, und dabei denkt man natürlich an Bowies Song „Life on Mars“, der vom Kino handelt und von einem Mädchen, das sich in den Vorführsaal zu retten versucht, vor einem blöden Leben, „Now she walks through her sunken dream/ To the seat with the clearest view/ And she’s hooked to the silver screen“, und das könnte doch genau die Frau sein, mit der sich Philippe Mars in Molls Drama auseinandersetzen muss, „eine gerade aus der Klinik entlassene junge Frau.“ In die Klinik gehören ja nach Ansicht gewisser Spießer sowieso alle Kunstschaffenden, und speziell die Filmleute sind allesamt „Kooks“, Bekloppte, wie eine Figur in „Hail, Caesar!“ erklärt, dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale von den Brüdern Joel und Ethan Coen.

François Damiens in Dominik Molls Wettbewerbsbeitrag „News from Planet Mars“© BerlinaleFrançois Damiens in Dominik Molls Wettbewerbsbeitrag „News from Planet Mars“

Das im Alltagsenglisch nicht allzu gebräuchliche Wort „Kooks“ für Spinner ist aber, wie die geisterhafte Hand des Schicksals es nun mal will, der Titel eines weiteren Bowie-Songs auf genau derselben Platte „Hunky Dory“ von 1971, auf dem sich auch „Life on Mars“ findet. „Kooks“ handelt unter anderem davon, wie rührend sich der Sänger um eine von ihm angesungene Person kümmert: „I bought you a pair of shoes / A trumpet you can blow / And a book of rules“, und da Bowie ein Genie war, handelt der Film „Genius“ von Michael Grandage, den man auf der Berlinale ebenfalls sehen wird, selbstverständlich von jemandem, der Künstlern und anderen Kooks bei ihren ersten Gehversuchen geholfen (pair of shoes), für sie Werbung gemacht (a trumpet) und ihre Werke korrigiert (a book of rules) hat, nämlich dem berühmten Lektor Max Perkins, der unter anderem einen von Bowies Lieblingsautoren und Stilbewusstseins-Ideengebern förderte, F. Scott Fitzgerald, im Film gespielt von Guy Pearce, dessen künstlerischer Durchbruch bekanntlich der Film „Memento“ (2000) war, in dem nicht nur Musik von Bowie verwendet wird, sondern dessen Regisseur außerdem Christopher Nolan war, in dessen Film über einander duellierende Magier, „The Prestige“, Bowie 2006 den Elektrizitätsforscher Nikola Tesla spielte.

Colin Firth und Jude Law in Michael Grandages „Genius“© BerlinaleColin Firth und Jude Law in Michael Grandages „Genius“

Der wohl letzte schauspielerische Auftritt Bowies dürfte seine merkwürdige Performance im Video zum Song „Lazarus“ gewesen sein – das Lied heißt wie das Musical, in dem der Schauspieler Michael C. Hall, bekannt als Fernseh-Serienmörder „Dexter“, am Broadway den Außerirdischen spielen durfte, der im Mittelpunkt von Roegs auf der Berlinale jetzt wieder gezeigtem Film steht. In dem Musikvideo zu „Lazarus“ steigt Bowie unter anderem in einen Schrank – ein Moment, zu dem der Musikerin Anja Plaschg („Soap and Skin“) unlängst einfiel: „Ich assoziiere damit seinen Kleiderschrank, aus dem er sein Leben lang seine Kostüme geholt hat. Er nimmt sich nun also selbst, sein letztmögliches Kostüm.“

Wie das mit solchen Rollen ist, muss Anja Plaschg wirklich wissen – sie liest im Film „Die Geträumten“ über die Liebesbeziehung zwischen der Dichterin Ingeborg Bachmann und dem Dichter Paul Celan die Briefe Bachmanns vor, und das war bestimmt nicht leichter, als es für Michael C. Hall war, eine von Bowie zuerst interpretierte Rolle auszufüllen. Wo man „Die Geträumten“ sehen kann? Im Rahmen der 66. Berlinale, war ja klar.

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