Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

„Ich dachte, meine Karriere ist mit 38 Jahren vorbei“

###Jury-Präsidentin Meryl Streep auf dem roten Teppich. (Foto: Maria Wiesner)

Wenn Meryl Streep irgendwo auftaucht, beginnt ein Rennen und Schieben, das man so in Berlin zuletzt beim Fall der Mauer gesehen haben dürfte. So auch am Sonntag vor dem Theater „Hebbel am Ufer“, 800 Personen passen offiziell hinein. Schon Stunden vor Beginn ihres Auftritts bildeten sich Schlangen um den Block. Streep sollte hier als Präsidentin der Berlinale-Jury den „Berlinale Talents Campus“ eröffnen, eine Veranstaltungsreihe des Festivals für den Filmnachwuchs. Der drängte sich vor dem Haupteingang, an der Kasse und vor den Türen zum Theatersaal. Als diese sich dann öffneten,begann der Hürdenlauf über Theatersessel: Jeder wollte in die erste Reihe. Stellen Sie sich das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“ mit festgeschraubten Stühlen vor. Nur wer dabei schon im Kindergarten knallhart seine Mitstreiter mit dem Hintern vom Stuhl stieß, hatte eine Chance. „Das ist ja geradezu animalisch“, seufzte eine junge Österreicherin. Da soll noch einmal jemand behaupten, junge Filmemacher hätten keinen Ellenbogen.

Streep kam pünktlich, im lockeren schwarzen Kleid, die Haare lose zusammengenommen, zwei fragile silberne Creolen – so unangestrengt, als sei sie an diesem Sonntagmorgen eigentlich zum Brunch unterwegs. Und als säßen alle nicht in einem abgedunkelten Theater, sondern irgendwo über Brötchen und Kaffee, fing sie an, über ihre Karriere zu plaudern. Filmhistoriker Peter Cowie leitete die Veranstaltung und fragte Streep zunächst zu ihren frühen Schauspielerfahrungen im Film „Deer Hunter“ (1978). „Beim Casting hatte ich fast keinen Text zu lernen“, erinnerte sich die Schauspielerin. „Das Drehbuch enthielt nur die Dialogzeilen von Robert De Niro und ich musste stark improvisieren. Erst dachte ich, das sei so eine Technik des Regisseurs Michael Cimino, aber als ich dann für den Dreh engagiert war, bemerkte ich, dass sie das Drehbuch einfach noch nicht fertig hatten.“ Sie improvisierte den ganzen Film hindurch und fand es großartig. „Herrlich, dachte ich, ich kann sagen, was ich will.“

Dass dies selbst beim Film nicht immer der Fall war, lernte sie schnell. Und auch, dass es manchmal Zeit braucht, um sich in eine Rolle komplett einzufinden. „Für ‚Jenseits von Afrika‘ (1985) haben wir sechs Monate lang gefilmt. Das hat damals einfach so lange gedauert, weil wir mit richtigem Filmrollen drehten und nichts digital war. Durch diesen langgezogenen Produktionsprozess aber hatten wir Zeit, tiefer in die Rollen einzutauchen und den Film in ganz anderer Tiefe zu begreifen. Manchmal braucht es eben Zeit, um die verschiedenen Bedeutungsebenen eines Drehbuchs auszuloten“, sagte sie und fügte mit einem Seitenhieb auf die Digitalisierung hinzu: „Heute ist das anders. Wir sind durchtechnologisiert. Keiner gibt einem mehr Zeit, weil man den Film durch die ganze Technik auch viel schneller fertig haben könnte.“

Geschichten der ersten Ehefrau

Dass sie der Vergangenheit aber nicht in allen Dingen nachhängt, wurde schnell klar, als sie auf ihr Alter angesprochen wurde. „Ich dachte ja, meine Karriere wäre mit 38 Jahren vorbei“, sagte sie. „Normalerweise bekam man ab 40 nur noch Rollen als Hexe oder alte Schreckschraube angeboten“, sagte Streep und fügte mit einem Lächeln hinzu: „Ich aber habe erst in der Musicalverfilmung ‚Into the Woods‘ (2014) eine Hexe gespielt.“

Die heute 66 Jahre alte Schauspielerin erinnerte sich noch gut daran, wie es den Darstellerinnen in ihrer Jugend ging. „Schauen Sie sich doch nur einmal ‚All about Eve‘ (1950) mit Betty Davis an. Sie spielt die alternde Film-Diva, dabei war sie damals erst 48 – also genauso alt wie Sandra Bullock heute ist.“ Mittlerweile gebe es mehr interessante Rollen für Frauen jenseits der 40.

Allerdings, so fügte Streep auf eine weitere Nachfrage hinzu, gebe es noch immer große Diskrepanzen bei der Filmförderung, wenn es um Filme über (ältere) Frauen gehe. „Der Kunstbetrieb ist von der Vielfältigkeit der Gremien abhängig, die das Geld geben. Ihr Geschmack entscheidet darüber, welche Filme gemacht werden und welche nicht.“ Leider seien in den wichtigen Positionen aber noch immer viel zu häufig Männern am Ruder, die sich nicht für die Geschichten „ihrer Mütter oder ihrer ersten Ehefrau“ interessieren würden. Großes und zustimmendes Gelächter bei den Filmschülern.

Für die nächsten Fragen wurde um das Mikrofon beinahe so hart gekämpft wie um die Stühle: Wie sie ihre Skripte auswähle, wollte man wissen. (Streep: „Ich bin für jedes einzelne dankbar und denke, es könnte das letzte sein, das sie mir anbieten.“) Ob ihr Image ihr wichtig sei. (Streep: „Na, nicht wirklich. In einer so langen Karriere können Sie sich Eitelkeiten doch überhaupt nicht leisten.“) Oder wie sie sich auf neue Rollen vorbereite. (Streep: „Musik hilft mir sehr dabei.“)

Nach beinahe zwei Stunden verließ Meryl Streep unter stehendem Applaus die Bühne. Die Nachwuchsfilmtalente verließen den Raum nun geordnet. Aber es ist nicht auszuschließen, dass Meryl Streeps Erscheinen nun gerade in einem anderen Teil Berlins für Platzstürme sorgt.

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