Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Kurz ist groß

Szene aus "Bai Niao" von Wu Linfeng© BerlinaleSzene aus „Bai Niao“ von Wu Linfeng

Jeden Abend um 22 Uhr geschieht im Cinemaxx 3 auf der Berlinale etwas, das viel zu selten geschieht: Einige Filme kriegen Zeit und Platz, die normalerweise mit schmalen Voraussetzungen arbeiten müssen, bei der Herstellung wie bei der Vorführung.

Kurze Filme sind das, aber große – zum Beispiel die halbe Stunde, die man mit „Bai Niao“ verbringen darf, „Weißer Vogel“ von Wu Linfeng aus China: Ein Junge duscht, ein Junge geht zum Friseur, lungert in der Tanzhalle herum, liegt auf dem Bett. Später trifft eine Cousine aus Amerika ein, deren Haar wie mit schwarzer Tusche auf die Leinwand gegossen aussieht, wenn es geregnet hat.

Hätte ich das Programmheft nicht gelesen, wüsste ich nicht, dass der Junge HIV-positiv ist, es gibt nur ein paar Andeutungen – ein anderer, der sich von ihm eine Wasserflasche geben lässt, sagt, er fürchte keine Ansteckung. Die halbe Stunde ist eine ganze Welt, und eine, die man sonst nicht sähe, nicht so klar, nicht so tief und weit: Stimmt das, ist das Neonlicht in Chinas nächtlichen Städten wirklich anders als bei uns, das Rot schüchterner, das Grün mulmiger, das Gelborange erdiger, oder sind das exotische Träume, die man für den Jungen und das Mädchen träumen will, weil sie so alleine sind, weil er auch ohne Krankheit etwas wie eine Isolationsnot ertragen muss in seiner beeindruckend stillen Präsenz, und weil die beiden erst in letzter Minute des kurzen, intensiven Abenteuers einen echten Kontakt herstellen?

Es hat geregnet, sie umhüllt ihn liebevoll-scheu mit weißen Handtüchern, und dann kommt schon der Abspann, der Titel: „White Bird“, und das bereits poetische Schlussbild vom Körper in Handtüchern, in Wärme, wird endgültig zum Gedicht.

 

###© BerlinaleSzene aus Akihito Izuharas „Vita Lakamaya“

Ganz anders dann die 8 Minuten „Vita Lakamaya“ aus Japan, von Akihito Izuhara: Eine ganz altmodische, wie mit kleinen Lichtwürmchen aus lebenden Kreidestrichen gemalte, pulsierende Animation, bei der man zuerst in bleicher Krakelschrift auf Schwarz den rätselhaften Titel liest, der das Leben in einem Land jenseits von Analog und Digital benennt.

Ein Katzen-Fuchs-Menschenwesen liegt zwischen Blättern in einem waldigen, friedlichen, irgendwie traurigen Schlaf, alle möglichen Sorten Käfer krabbeln über das Geschöpf, die Kamera fährt vom Kopf, der im Bild unten liegt, ganz langsam hoch, bis eine religiöse Prozession von aufrecht gehenden, mit seltsamen Gewändern verhüllten Maulwurfs- oder Mäuse- oder Hamster- oder Heinzelmännchensektenangehörigen vorüberzieht, von Fischen begleitet, die schlängeln, als wären sie Skeptiker. Dann kommt eine Wespe in Embryonalhaltung, von der man denkt: Wenn der Kosmos einen Bauchnabel hat, so müsste der aussehen. Als nächstes erkennt man Füße – es ist eine zweite Menschenfuchskatze, oder die erste am Ende eines Zyklus von Leben und Vergehen, jedenfalls hat es blaue Haare, und die Blätter drumherum sind braun.

Was ist das, was von diesem Film ausgeht, dass sich beim Zuschauen Härchen auf der Haut aufstellen, wo gar keine sind, zum Beispiel innen im Kopf? Man kann diesen Trip vermutlich nach diesem Festival nie mehr so durchträumen, es wird dieses Ding vielleicht mal auf irgendeiner Kurzfilmauswahl-DVD geben, oder im Netz, aber wo nimmt man dann die Freude her, die man empfindet, wenn so eine süß-salzige Seltenheit vorbei ist und alle im Saal klatschen, dass man denkt: Ja, genau so wie dieses Klatschen, so fühle ich mich. Wie sagt doch die Bergpredigt? „Die kurzen Filme werden die größten sein.“

1