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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Wenn das eine Serie wird, gucke ich überhaupt nichts anderes mehr

Die älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht an diese Familie.© dpaDie älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht an diese Familie.

Da sitzt man also und ahnt nichts Böses, im Panorama der Berlinale, um sich einen Dokumentarfilm anzuschauen, der irgendwas damit zu tun hat, dass man im Rumänien der Ceaucescu-Diktatur zwar fast nichts im Fernsehen geboten bekam, aber doch immerhin „Dallas“ – wie das war, was daraus wurde, ein bisschen osteuropäische Mentalitätsgeschichte, mit angekündigten Gastauftritten von Patrick Duffy, der als Bobby Ewing in „Dallas“ berühmt wurde – also Zerstreuung, milde Belehrung über Zeitgeschichtliches, als Zwischenmahlzeit, bevor man es wieder mit schwerer Kunst oder leichter Kost an der Spielfilmfront zu tun bekommt, auf diesem breiten und langen Festival. Und was muss man erleben? Die Geburt eines neuen Gesetzes: Wer für die Biederkeit, mit der heute Fiktionen im Kino die Welt, wie sie nun mal ist, auf irgendeine Art beweinen, verbessern oder fantastisch verneinen, einfach zu originell, zu intelligent und mit zu viel Schöpferkraft geschlagen ist wie diese  Livia Ungur und dieser  Sherng-Lee Huang, muss eben einen Dokumentarfilm machen.

 Was ist denn das? „Hotel Dallas“? Das ist eine wahre Montagepracht, und sie enthält unter anderem: 1. Schwarzweiß nachgestellte Liebesdreieckszenen, gespielt von Kindern, die später als Diktator und Diktatorin auch noch erschossen werden, dabei aber außerdem Doubles von „Dallas“-Figuren sind, welche aber putzige Pionier-Uniformen tragen und „gegen die Imperialisten“ kämpfen wollen. 2. Ein Sonnenblumenöl-Unternehmer und Betrüger, der sich im kapitalistischen Taumel nach dem Zusammenbruch des rumänischen Armuts- und Eiserne-Faust-Sozialismus ein Imperium aufbauen will und dabei vorgeht wie der sprichwörtlich skrupellose J.R. in der Fernsehserie, der er außerdem einen Hoteltempel errichtet, bevor man ihn erwischt und einbuchtet. 3. Eine junge Frau, die in gewisser Weise Livia Ungur selbst ist, eine Hälfte des kreativen Duos hinter diesem Film, andrerseits aber eine rundum symbolische Inkarnation der Hoffnung, als Cowgirl verkleidet in die Welt der Bildenden Kunst zu finden, wo man schlafend arbeitet, aber auch im Traum noch mehr bei Bewusstsein ist als die Alltagsmenschen im Wachzustand. 4. Die Stimme, und später die Präsenz, von Patrick Duffy, das heißt, eigentlich von Bobby Ewing, der mit der jungen Frau, welche zugleich Regisseurin und deren unerfüllbare Erwartung an sich selbst ist, auf Englisch redet, worauf hin sie ihm auf Rumänisch antwortet – was funktioniert, wie der Film selbst erklärt, weil es Untertitel gibt. 5. Szenen von unbeschreiblichem Zartsinn, mit dem die Figuren, ob lebende Menschen oder deren Schatten in Wunschwelten, eingesponnen werden wie arme Würmchen in Kokons, wo sie zu Schmetterlingen reifen dürfen – einmal sitzt das Cowgirl, plötzlich unerklärlich geschrumpt, in einem Backwartenkarton, der zur Camera Obscura umfunktioniert wurde, im Schneidersitz, raucht und erklärt, was das ist, Kunst, und man möchte sofort Künstlerin werden oder eine lieben oder retten oder wie oder was.
 
Und so geht das durchweg: Ein Weihnachtsessen bei armen Philosophen, eine Geschichte von echtem und falschem Käse, ein Besuch auf einem sehr lustigen Friedhof und ein anderer in einer sehr traurigen Momentaufnahme vom Erwachsenwerdenmüssen – nein, nicht mal die zwei absoluten Blödmänner, die bei der Pressevorführung gerade an den mehrdeutigsten, bei aller Komik geheimnisvoll lieblichsten Stellen dieses Meisterwerks dauernd wie vom Schwachsinn gestochen Wiehern und brüllend lachen mussten, konnten dieses Erlebnis verderben, ja auch nur berühren. Man schämte sich beinah ein wenig, als das magische Erlebnis fertig war, dass man den Tölpeln anfangs gezürnt hatte, denn „Hotel Dallas“ ist so voller Mitempfinden, so voller Anteilnahme für alle, die da vorkommen, dass man denkt: Doch, Menschenfreundlichkeit, die muss ich ab spätestens morgen auch mal lernen. Und wenn es nicht klappt, will ich wenigstens so bald und so oft wie möglich „Hotel Dallas“ von, man merke sich die zwei, Livia Ungur und Sherng-Lee Huang wieder sehen.
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