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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Die dunkle Seite des fliegenden Auges

„Bevor wir überhaupt einen Drohnenangriff vornehmen, muss eine fast vollständige Gewissheit herrschen, dass keine Zivilisten getötet oder verletzt werden“, sagte Amerikas Präsident Barack Obama im Mai 2013. „Es gibt keine Gewissheit, ob jemand, den die Drohne im Visier hat, Zivilist ist oder nicht“, sagt Heather im Dokumentarfilm „National Bird“. Sie ist Mitte 20 und bereits Militär-Veteranin – und sie will, dass die Welt weiß, was mit dem Drohnen-Programm schief läuft.

Die investigative Journalistin Sonia Kennebeck hat für ihr Doku-Langspiel-Debüt drei Militär-Aussteiger  vor die Kamera bekommen. Eine davon ist Heather. Die junge Frau war mehrere Jahre Analystin im amerikanischen Drohnenprogramm. Das heißt, sie war in einer Militärbasis in Amerika stationiert, saß dort vor einem Bildschirm und sah sich die Aufnahmen der Drohnen an, die gerade über Afghanistan kreisten – und sie analysierte, ob das Ziel, das richtige war und ob ein Abschuss gerechtfertigt wäre. „Und nicht nur das, wir blieben so lange live mit der Drohnenkamera dabei, bis sich der Staub nach einem Abschuss gelegt hatte und wir sicherstellen konnten, dass die Ziele auch alle getroffen waren. Manchmal hieß das die Leichenteile zählen“, erinnert sich die junge Frau.

###Luftaufnahmen mit Hilfe einer Drohnenkamera

Aus der Perspektive einer Drohne werden Menschen zu kleinen Punkten. Diese Aufnahmen kennt man aus den Nachrichten. Aber wer kann sich schon vorstellen, wie es ist, wenn täglich Drohnen über einem kreisen? Kennebeck will, dass ihre Zuschauer im Westen den Perspektivwechsel machen. Sie hat in Amerika Luftaufnahmen mit einer Kameradrohne gemacht: Sonnige Straßen, gediegene Wohngegenden, ein Tennisplatz und überall die kleinen Menschenpunkte. Und in dem Moment hat sie einen, denn man denkt unweigerlich: So sieht das also aus, wenn sie Drohnenüberwachung bei Fußballspielen einsetzen. Oder wegen der Terrorgefahr während eines Großereignisses. Alles ganz hell und bunt und beängstigend klar erkennbar. Und dennoch weiß man nicht, was jeder einzelne dieser Menschen-Punkte im Schilde führt.

Es war der Job der ehemaligen Analystin Heather, das vorherzusagen. Nach wenigen Monaten im Dienst trug sie sich mit Suizidgedanken und wollte in eine andere Abteilung versetzt werden, „in der man Menschen nicht beim Sterben zusehen musste“, sagt sie. Ihr Vorgesetzter habe es abgelehnt. Noch heute habe sie keine therapeutische Betreuung für ihre Posttraumatischen Störung finden können, da die Psychotherapeuten erst vom Militär eine Sicherheitsfreigabe erhalten müssen.

Sonia Kennebeck begleitete Heather und die beiden anderen Drohnen-Aussteiger über mehrere Jahre mit der Kamera. Sie hat lange für ihr Projekt und dessen Finanzierung gekämpft. Am Ende schaffte sie es, sich die Unterstützung von Wim Wenders zu sichern, der das Projekt als ausführender Produzent begleitete. Viel Zeit erforderte allein die Recherche dieses komplexen Themas.

###Regisseurin Sonia Kennebeck

Nach der Vorführung ihrer Dokumentation auf der Berlinale musste sich die junge Regisseurin dennoch der Publikumsfrage stellen, ob sie ihre Interviewpartner nicht etwas einseitig ausgewählt habe. „Es ist ein durchaus ausgewogener Film“, verteidigte Kennebeck ihr Werk. „Wir hatten natürlich sämtliche Militärbasen nach Interviews und Drehgenehmigungen angefragt. Die zögerten ihre Antworten aber immer weiter hinaus. Oder wiesen uns gleich ab“, sagte sie. Ein Hinweis hierauf innerhalb der Dokumentation hätte den Vorwurf der Einseitigkeit aber von Anfang an entkräftet. Stattdessen schneidet Kennebeck ihren Protagonisten die Werbevideos des Drohnen-Programms und die beschwörenden Aussagen Obamas entgegen, der das Programm als einzige Lösung im Kampf gegen den Terror verteidigt. Das ist nicht immer die subtilste Lösung, hat aber auch nicht den Populismus einer Michael-Moore-Dokumentation. Und eine Haltung zu einem Thema zu haben sollte eigentlich ein Kompliment und kein Vorwurf an einen Filmemacher sein.

###Überlebende eines Drohnenangriffs in Afghanistan

Mit eben jener Haltung lässt sich auch das letzte Drittel des Films erklären. Da kommen Überlebende eines Drohnenangriffs in Afghanistan zu Wort: Mütter, kleine Geschwister, ein Vater. Sie alle waren in einem Familienkonvoi von drei Wagen unterwegs, als amerikanische Militärpiloten sie ins Visier nahmen. Die Drohne folgte ihnen über Stunden. Kennebeck hat das Originalvideomaterial besorgt und die Gesprächsprotokolle. Die Dialoge ließ sie über die Originalaufnahmen nachsprechen. Sie sind zynisch, die Soldaten machen sich über die Menschenpunkte auf ihren Schwarz-Weiß-Bildschirmen lustig, wollen an diesem Tag unbedingt einen Abschuss durchführen. „Trigger-happy“ nennt die ehemalige Analystin Heather das später, der Wunsch so viele Feinde wie möglich zu töten, auch wenn berechtigte Zweifel von Seiten der Analysten bestehen, dass die Punkte auf ihren Monitoren keine Terroristen sind, sondern Familien mit Kindern.

Die Aufnahme des Abschusses werden in voller Länge gezeigt. Muss man so viel Brutalität dem Publikum zumuten? Vielleicht sollte man sich stattdessen fragen: Schaut man nicht all zu oft einfach weg, wenn es um dieses Thema geht? Zu weit ist Afghanistan von uns entfernt, zu abstrakt wirken die Drohnen-Diskussionen in der Politik. Wegschauen ist viel bequemer. Das war auch für Kennebeck ein Grund diesen Film zu machen. „Ich will mit meinem Film eine größere Transparenz bei dem Thema einfordern“, sagte die junge Regisseurin nach der Berlinale-Vorführung. „Und ich möchte, dass unsere Gesellschaft mehr über dieses Programm diskutiert.“ National Bird könnte das durchaus schaffen.

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