Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Ehrenbär für Michael Ballhaus

###Kameramann Michael Ballhaus

Fast wäre aus Michael Ballhaus und Rainer Werner Fassbinder nichts geworden. Als der Kameramann das erste Mal auf den deutschen Autorenfilmer traf, sah dieser ihn nur verächtlich an. „Sie sind also dieser Fernseh-Heini, sagte Fassbinder zu mir“, erinnert sich Ballhaus und lacht herzlich. Denn schnell wurde Fassbinder klar, dass Ballhaus der Mann war, der seine filmische Vision kreativ umsetzen konnte – und der sich dabei auch nicht beklagte, wenn das Tempo für die einzelnen Aufnahmen sehr hoch war. „Das hat mir später für meine Zusammenarbeit mit Martin Scorsese geholfen, der auch so eine Vielzahl an Aufnahmen wollte, die man normalerweise innerhalb des Zeitplans nie hätte durchziehen können“, so Ballhaus.

Der mittlerweile 80 Jahre alte Kameramann sitzt auf der Bühne des Hebbel-Theaters in Berlin und erzählt jungen Filmemachern aus seinem Leben – und man möchte ihm gern Stundenlang dabei zuhören. Denn auch wenn ihm einige Namen entfallen und der Berliner Fotograf Jim Rakete, der durch diese Hommage-Veranstaltung der „Berlinale-Talents“-Reihe führt, ihm dann assistieren muss, malt er für seine Zuhörer alle Details in den schönsten Farben aus. So wie es nur ein Kameramann kann.

Da ist zum Beispiel jene Anekdote über die Erfindung seiner berühmten 360-Grad-Kamerafahrt. „Wir drehten ‚Martha‘ und Fassbinder wollte das Auseinanderdriften der beiden Hauptfiguren in einer Szene herausarbeiten. Also schlug ich vor, einmal komplett mit der Kamera um sie herum zu kreisen. Das war sehr kompliziert. Wir mussten Kameraschienen im Kreis verlegen, die Schauspieler mussten sich auch drehen und die größte Herausforderung war, dass der Schauspieler Karl-Heinz Böhm am Ende der Szene über die Kameraschienen steigen musste“, so Ballhaus. Jeder andere Kameramann hätte diese Idee wohl für zu schwierig gehalten, aber Regisseur Fassbinder war begeistert. „Wir drehten und alles klappte. Nur der Schritt von Böhm über die Schienen fiel etwas groß aus. Wenn man das weiß und die Szene schaut, sieht man das ziemlich genau.“

Dennoch hatte Ballhaus mit dieser Aufnahme sein Markenzeichen gefunden. „Später haben alle angefangen, das zu kopieren und dann habe ich es immer weniger verwendet“, sagt er. In seinen berühmtesten Filmen ist die 360-Grad-Kamerafahrt aber immer auch mit dabei. In „Goodfellas“ zum Beispiel, wenn Ray Liotta seine Freundin durch den Hintereingang des Copacabana-Clubs hineinschmuggelt. „Die gesamte Kamerafahrt durch die Küche geht im Kreis herum, wir fahren sogar zur gleichen Tür wieder hinaus, zu dem wir hineinkamen. Man bemerkt es nur nicht, weil so viele in der Küche durch das Bild wuseln. Das Filmteam hatte nur wenig Zeit, um draußen vor dieser Tür den Club herzurichten“, so Ballhaus.

Aber das ist noch nicht die stärkste Erinnerung, die er an die Dreharbeiten zum Mafia-Epos „Goodfellas“ hat. Regisseur Martin Scorsese konnte es demnach gar nicht blutig genug zugehen. „Mehr Blut, mehr Blut, rief Martin immer, wenn jemand erschossen werden sollte. Oder: Könnten wir hier nicht noch etwas Hirn zeigen?“, sagt Ballhaus und rutscht mit körperlichem Unbehagen auf die vorderste Stuhlkante. „Ich bin für sowas einfach nicht gemacht, ich hab mich da übergeben.“ Dennoch drehte er mit Scorsese weitere – nicht minder gewalttätige – Filme wie „The Departed“ und „Gangs of New York“, für den er seine dritte Oscarnominierung bekam. Erhalten hat er die begehrte Trophäe noch nicht. In Berlin aber ehrt ihn die Berlinale am Donnerstagabend mit dem goldenen Ehrenbären für seine herausragenden Leistungen und zeigt im Anschluss noch einmal „Gangs of New York“ – auch wenn dessen Handlung dem Kameramann selbst wohl zu blutig sein dürfte.

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