Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Toni Erdmann

Schallendes Gelächter in der Vorführung eines deutschen Films, das ist schon etwas sehr Ungewöhnliches an der Croisette. Ein deutscher Film überhaupt. Und dann dies: „Toni Erdmann“ von Maren Ade. Giggeln, als zum ersten Mal Peter Simonischek mit seinem falschen Gebiss auftritt, später lauthalses Lachen, wenn er eine Perücke dazunimmt Szenenapplaus für Sandra Hueller, die ein Lied schmettert und kaum einen richtigen Ton trifft. Kein Klamauk. Und am Ende umfassende Begeisterung.

Was ist passiert? Maren Ade hat mit „Toni Erdmann eine Filmkomödie gedreht, in der es um einiges geht, das ernst ist – um Familienbeziehungen und um das, was Leute, die so beschäftigt sind wie die Unternehmensberaterin Ines in Bukarest, die Sandra Hüller spielt, life-work-balance nennen. Um Sex mit Kollegen. Um Sexismus unter Kollegen. Und um Humor. Wann er hilft, wer ihn versteht, und wann auch mal gut ist. Das ist ungewöhnlich. Eine Komödie, die sich um Humor dreht. Viele Überraschungen für einen einzigen Film. Unvorsehbar für alle, die vom deutschen Kino nichts erwarten außer einem neuen Film der Alten oder Fuck ju Göhte 3.

Die Idee ist gewagt, funktioniert aber. Peter Simonische spielt Winfred, einen Vater, der keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter Ines, gespielt von Sandra Hüller, findet und deshalb die Figur des Toni Erdmann erfindet, einen angeberischen Möchtegern-Coach, der überall da auftaucht, wo Ines ihn nicht brauchen kann. Aber eben nicht als ihr Vater, sondern als diese Kunstfigur unter einer lächerlichen Perücke und mit einem Faschingsgebiss, und auch sonst würde er nicht gerade den Preis des Schauspielers des Jahres gewinnen (Peter Simonischek aber schon). Alle durchschauen, dass er nicht ist, wer er vorgibt zu sein, aber das trifft in gewisser Weise, wenn auch ohne falsche Zähne, auf alle anderen zu, die mitspielen. Ines, die einerseits hart verhandelt, sich andererseits aber auch gönnerhaft von einem Geschäftspartner als Einkaufsberaterin von dessen Frau hergibt. Ihr Chef, der sie vermeintlich fördert, aber ihr den Weg abschneidet. Aber auch Winfried, der bald Toni Erdmann wird, ist nicht das Vorbild des richtigen Lebens. Er ist sentimental. Ennervierend. Er kennt die Welt und ihre Härten nicht, in der Ines sich in Bukarest bewegt. Er will etwas mehr Glück für seine Tochter und läßt nicht locker. Und die Augenblicke, in denen sich zwischen den beiden kurz eine Verbindung herstellt, sind von großer Schönheit, wahr, bei alldem, was ihnen vorausgeht.

Wer unbedingt meckern will, kann sagen, ja, der Film ist mit annäherend drei Stunden zu lang. Ja, einige Szenen laufen ins Leere. Aber eine Szene wie die, in der Winfreds alter Hund sich zum Sterben unter einen Busch legt, während sein Herrchen neben dem Napf einschläft, und am nächsten Morgen in unspektakulärer Belechtung, mattem Licht, das nicht viel Kontur schafft, zu der Hundeleiche geht und noch einmal kurz das Fell streichelt, darin liegt vielleicht schon alles, worum es hier auch geht. Was Leben ist. Warum es sich lohnt, mal still zu halten. Ein toller Film. Mit einigen Chancen hier, vermute ich.

 

 

25