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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Das unbekannte Mädchen

Die Regisseure Jean-Pierre Dardenne (r.) und Luc Dardenne mit Adèle Haenel in Cannes© ReutersDie Regisseure Jean-Pierre Dardenne (r.) und Luc Dardenne mit Adèle Haenel in Cannes

Nach etwa dreißig Filmen in einer Woche verstellt sich das Wahrnehmungssystem. Es beginnt zu erkennen, was unerkannt bleiben könnte, weil es unwesentlich, nicht erkenntnisfördernd und überhaupt vollkommen nutzlos ist. Zum Beispiel dies:

Wieviele Filme beginnen mit dem Geräusch eines startenden, stoppenden, schlecht geschalteten oder hochdrehten Automotors? Mehr, als Sie denken. Eine Weile kam es mir so vor, alle fingen so an. Bevor es überhaupt ein Bild gibt. Der Rumäne „Sieranevada“, mit dem in Cannes der Wettbewerb begann. Da ging es los. Da hörte man die gesamte erste Szene hindurch dieses Auto, weil der Mann, dem es gehörte, alles mögliche außerhalb des Wagens tat, einen Stau verursachte, was mehr Motorenlärm brachte, und den Motor nicht ausstellte. Gleich der nächste Film, „Rester Vertical“ , ging genauso los. Mann im Auto. Allerdings nicht in Bukarest, sondern auf einer einsamen französischen Landstraße. Ohne Bild hörte es sich aber erstmal genauso an. „Toni Erdmann“: Ein Postwagen ist das erste, was wir hören. Und so ging es weiter, Film für Film, und dabei handelte keiner von Autos.

Und dann dies, heute früh. Dunkle Leinwand, der Film beginnt, der Ton kommt: Ein Atmen. Etwas schwer, aber deutlich erkennbar. Ein Mann atmet. Er hat ein Emphysem und eine Bronchitis oben drauf, so erfahren wird, als der Ton sich von ihm abwendet, die Ärztin ihr Stetoscop niederlegt und ihre Diagnose gibt. Auch das eine vollkommen nutzlose Information, denn der Mann verschwindet und taucht nie wieder auf. Aber immerhin lernen wir auf diese Weise die Ärztin kennen, um die sich der Film dreht.

Adèle Haenel in einer Szene des Films© Festival de CannesAdèle Haenel in einer Szene des Films

„La fille inconnue“ heißt er, gedreht von den Brüdern Dardenne, die hier schon alles mehrfach gewonnen haben in den letzten Jahrzehnten, was es zu gewinnen gibt, darunter zwei Goldene Palmen, und die trotzdem wieder dabei sind. Ich erwarte von ihnen, wenn sie schon wieder da sind, ein Meisterwerk. Etwas in der Liga von „Le gamin au velo“ von 2011 oder „Deux jours, une nuite“ von vorletztem Jahr, warum sonst sollten sie wiederkommen? Aber sie kamen, mit dieser wenig preiswürdigen Arbeit über ein totes Mädchen und die Frage, ob es hätte gerettet werden können und wer es überhaupt ist. Wie immer bei den Dardennes auch diesmal: absolute Reduktion auf eine moralische Frage. Ein Versäumnis, das tödliche Folgen hat. Ist das Schuld? Lässt sie sich wiedergutmachen? Durch ein anderes Leben? Die Examinierung dieser Fragen, das ist alles, was der Film tut. Keine Backstories. Kein Ausweg. Aber auch keine Leidenschaft für die Frage, die er so maliziös betrachtet, keine Wärme für eine der Figuren, eine schematische Übung in dem Fach, das die Brüder Dardenne eigentlich bestens beherrschen.

Die Ärztin hat übrigens auch ein Auto. Ihre Praxis liegt an einer Schnellstraße. Wenn sie das Fenster zum Rauchen öffnet, dröhnt der Motorenlärm herein.

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