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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Wo der Kellner Schläge kriegt

Der Palazzo del Cinema auf dem Lido© dpaDer Palazzo del Cinema auf dem Lido

„Buon giorno, sto cercando . . . ich suche die Via Rodi, ist die hier irgendwo?“ – „Keine Ahnung, ich wohne hier nicht.“ – „Nie gehört. Fragen Sie mal in der Apotheke.“ – „Ich muss weiter, ich habe zu tun.“ Mein Hotel liegt in der Via Rodi, und die Busstation, an der ich ausgestiegen bin, ist nur hundert Meter Luftlinie entfernt. Trotzdem wäre ich ohne Google Maps nicht hingekommen. Es ist, als wollte man sich in Berlin-Wilmersdorf nach dem sowjetischen Ehrenmal in Treptow durchfragen: Kenn‘ wa nich, ham wa nich, geh’n wa nich hin.

Ich denke deshalb gar nicht daran, irgend jemandem zu erklären, wie er zum Filmfestival in Venedig kommt – dass er erst mal raus muss aus der Stadt, mit dem Vaporetto zum Lido, auf den schmalen Landstreifen, der das Meer von der Lagune trennt, dann noch mal eine gefühlte Ewigkeit mit dem Bus, bis rechts vorne eine Art weiß angestrichene Flachgarage auftaucht, vor der ein Scherzbold rote Dreiecke aus Schaumstoff aufgepflanzt hat; das ist der alte Festivalpalast. Der neue sollte ein paar Meter weiter vorn entstehen, aber das nötige Geld versickerte irgendwo im Flachwasser der Bürokratie, und jetzt thront dort ein roter Kasten in Leichtbauweise, den man, weil ringsum ein paar Bäumchen stehen, „Pala Giardino“ getauft hat. Weiter hinten erhebt sich das Casinò, das alte Lido-Kasino, auf dessen labyrinthische Unübersichtlichkeit man sich wenigstens verlassen kann. Hier residieren, oft hinter roten Gardinen versteckt, auf drei Etagen diverse Presse-Einrichtungen, bei denen oft die eine Hand nicht weiß, was die andere tut; in einer Ecke gibt es Kataloge und Taschen, in einer anderen Pressehefte, in einer dritten die begehrten Festival-Ausweise, die man bei jedem Betreten des Geländes um die drei Hauptgebäude vorzeigen muss, damit der Polizist mit der MP um den Hals auch weiß, dass man das Kino nicht in die Luft sprengen will. Man kann jedenfalls stundenlang im Casinò herumirren, ohne je alle seine Geheimnisse zu ergründen, und vielleicht ist der rotgesichtige norwegische Filmkritiker, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe (wir nannten ihn „Trondheim“), ja immer noch darin unterwegs.

Genug gemeckert. Im Ernst glaubt ja niemand zu Hause in Deutschland, dass Filmegucken in Venedig wirklich Arbeit ist. Und es ist ja tatsächlich ein Traum, um Mitternacht aus dem Kino zu kommen, und draußen liegt der Lido mit all seinen Panini-Ständen und rotten Luxushotels, und das Meer rauscht von ferne, und die Pinien flüstern. Nur muss man halt am nächsten Morgen um halb neun wieder im Kino sitzen, und dann um elf, und dann um fünf, und dann wieder um halb acht, und so geht das zehn Tage lang, und am Ende hat sich der Zauber doch ein wenig abgenutzt.

Die italienische Schauspielerin Sonia Bergamasco bei der Eröffnung des Festivals© dpaDie italienische Schauspielerin Sonia Bergamasco bei der Eröffnung des Festivals

Das Festival hat seine Eröffnungsparty in diesem Jahr aus Solidarität mit den Erdbebenopfern in Süditalien abgesagt. Statt dessen ging ich zum Empfang der Branchenzeitschrift „Variety“ auf der Dachterrasse des Hotels Danieli neben der Seufzerbrücke, einem, wie es hieß, hoch angesagten Event. Kaum stand ich oben, fuhr wie auf Befehl einer jener Kreuzfahrt-Riesen durch den Giudecca-Kanal, deren gewaltige Schrauben dafür sorgen, dass Venedig noch etwas schneller im Boden versinkt als ohnehin unvermeidlich. Das Buffet, das zu Ehren des Jurypräsidenten Sam Mendes (des Regisseurs von „American Beauty“ und „Revolutionary Road“) unter dem Motto „Revolutionary Beauty“ stand, war etwas weniger spektakulär als im letzten Jahr, es puzzelte Fischiges, Fleischiges und Gemüsiges auf eine mir eher undurchsichtige Weise zusammen, wie es ja auch Festivalwettbewerbe tun. Ansonsten gab es verschiedene Spielarten mehr oder weniger erfolgreicher Schönheitschirurgie zu sehen, Chiara Mastroianni, die Tochter des großen Marcello (dass sie ihrem Vater immer ähnlicher sieht, ist hier ausnahmsweise ein Kompliment) trat an die Brüstung und ließ sich fotografieren, und eine Dame reiferen Alters sprach mich an und zog mich in ein Gespräch mit zwei weiteren reifen Damen, die allesamt in Venedig wohnen, eine von ihnen sogar in einem Palazzo.

Wie es denn da mit der Heizung sei, wenn der Winter naht, wollte ich wissen. Ach, sagte die Signora, dann komme halt der Klempner kurz vorbei und sehe nach dem Ding, und anschließend laufe für ein paar Monate alles tadellos. Im übrigen müsse man sich halt ein bisschen wärmer anziehen. Da stieg für einen Augenblick eine Vision in mir auf: Venedig und die Berlinale tauschen ihre Plätze, Berlin wird wieder zum Sommerfestival, und die Stars und die Kritiker bibbern im Februar in Ski-Anoraks und Pelzmänteln am Lido … na, vielleicht doch lieber nicht.

Die letzte Meldung: Auf dem Markusplatz ist ein Kellner von sechs holländischen Touristen krankenhausreif geschlagen worden, als er versuchte, die Holländer von dem Tisch seines Cafés zu vertreiben, an dem sie die in einer Gelateria gekauften Milkshakes verzehrten. Die Aggressoren konnten zunächst zur Vaporetto-Station Zattere flüchten, wurden aber dort von den Carabinieri dingfest gemacht.

Porca miseria.

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