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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Jäger und Sammler

Das Ereignis von Wim Wenders‘ neuem Film „Die schönen Tage von Aranjuez“ waren die 3D-Brillen, die es am Eingang zur Pressevorführung um neun Uhr morgens gab. Sie waren rot, sie, waren riesig, und sie waren cool. In David Lynchs „Mulholland Drive“ gibt es einen Regisseur, der leicht als Wim-Wenders-Karikatur zu erkennen ist. Er trägt ständig unmögliche Brillen zu unmöglichen Kurzhaarfrisuren. Die 3D-Brille aus Venedig hätte zu ihm gepasst. Für mich wäre sie die ideale Verkleidung für die nächste Verleihung des Deutschen Filmpreises gewesen. Leider musste ich mein Exemplar am Ausgang wieder abgeben. Die roten Brillen, erklärte mir die Kollegin von der „Süddeutschen“, werden in Venedig wiederverwendet. Ihre eigene hatte einen deutlich sichtbaren Schmierfilm, den sie erst mit einem Taschentuch abwischen musste. Wenn ich mich im Kino so umschaue, gibt es doch eine Menge Leute, deren gebrauchte 3D-Brillen ich lieber nicht tragen möchte.

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Aus Denis Villeneuves „Arrival“ hätte ich gern das Raumschiff mitgenommen, mit dem die Außerirdischen in Montana landen. Das Ding sieht von weitem aus, als hätte es Salvador Dalí für einen Hersteller von Lautsprecherboxen entworfen, es ist schön dunkelgrau, vorne konvex und hinten konkav, und wenn man eine entsprechend große Hand hätte, läge es sicher gut in der Hand. Die Aliens, die in „Arrival“ unsere Erde besuchen, brauchen, so sagen sie, in dreitausend Jahren unsere Hilfe. Ich hätte das Objekt also noch einige Generationen lang weitervererben können, bevor es wirklich wieder zum Einsatz gekommen wäre. Unglücklicherweise lösen sich am Schluss von Villeneuves Film sämtliche zwölf Alien-Raumschiffe, die in verschiedenen Teilen der Welt Anker geworfen haben, in Luft auf, sobald die Menschen die Message der Besucher aus dem All verstanden haben. Woran hat mich das erinnert? Richtig: an den Trick, mit dem sich der Zauberer im Kindertheater am Ende selbst zum Verschwinden bringt. Die ältesten Kniffe sind eben immer noch die besten.

Filmfestivals sind Paradiese für Jäger und Sammler. Wenn man genau hinschaut, findet man in jedem Film irgendeinen Gegenstand, in dem die Essenz der Geschichte aufgehoben ist. In dem Eröffnungsfilm „La La Land“ von Damien Chazelle ist es der hölzerne Hocker, den Ryan Gosling aus irgendeiner Versteigerung gerettet und auf dem angeblich Chet Baker persönlich gesessen hat, in „The Light Between Oceans“ von Derek Cianfrance das silberne Kinderglöckchen, das Michael Fassbender und Alicia Vikander bei dem Baby in dem angeschwemmten Boot finden und das die Polizei am Ende auf ihre Spur führt. Das Kino ist eine Kunst des Immateriellen, der Schemen und Schatten, aber gerade deshalb greifen wir so gern nach den Requisiten, die es in seinem Spiel mit Sinn und Bedeutung auflädt. Wenn man genügend solcher Dinge zusammenbringt, könnte man am Ende eine eigene Geschichte der Filmfestspiele von Venedig 2016 erzählen. Eine Geschichte, in der ein Raumschiff, ein Hocker und eine Kinderglocke in einem Kinosaal zusammentreffen. Aber nur im Kopf.

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