Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Großwildjäger

Ein Bild. Eine Szene. Ein Augenblick, und die Welt sieht anders aus, wechselt ihre Stimmung, ihre Farben, ihren Geruch.

27692-Safari_4© Filmfestival VenedigFoto Filmfestival Venedig

In Ulrich Seidls Dokumentarfilm „Safari“, der außer Konkurrenz im Hauptprogramm von Venedig läuft, erlegen österreichische Jagdtouristen auf dem Gelände einer Hunting Lodge in Ostafrika eine Giraffe. Der Schuss fällt, man hört, wie etwas Schweres zu Boden sackt, dann sieht man das Tier. Es liegt auf der Erde, der lange Hals wie ein welker Blütenstengel zur Seite abgeknickt. Aber es ist nicht tot. Als einer der Jäger nach ihm greift, hebt es den Kopf und schwingt ihn in panischer Trauer hin und her. Einmal. Noch einmal. Ein letztes Mal. Dieser Moment ist das Erschütterndste, was ich in diesem Jahr im Kino gesehen habe.
Die Filme von Ulrich Seidl haben mir nie gefallen. Die Art, wie er die Leute, die er zeigt, dazu bringt, sich zu entblößen, indem er ihnen jene fünfzehn Minuten Unsterblichkeit verspricht, auf die wir nach Warhol alle ein Anrecht haben, war mir von Grund auf zuwider. Auch in „Safari“ gibt es wieder diese Szenen, in denen die Menschen in die Kamera schauen, als steckte ihr besseres Ich darin, und uns die Fratze ihrer Selbstgewissheit zeigen, ihrer Eitelkeit, ihrer Gier. Es gibt die frontal aufgenommenen Monologe, die Seidl so geschickt arrangiert hat, dass daraus kleine Geschichten werden, Porträts der Monster von nebenan. Aber die Tiere, ihre Körper, ihre Blicke, ihr Sterben vermag Seidl nicht zu manipulieren, und so kann ich sagen, dass die Giraffe der einzige Mensch ist, dem ich in „Safari“ begegnet bin.
Die Jagd auf Tiere ist der Anfang der Menschheit. Die erste Gesellschaft war eine Jägergesellschaft. Aber zu dem Pakt, der die jagenden Hominiden mit ihren Opfern verband, gehörte von Anfang an deren mystische Verehrung. Lascaux und die Chauvet-Höhle sind die Kathedralen der Vorzeit. Die Tiere waren Götter. In „Safari“ sind sie Objekte der Wellness. Es sind nicht die Erzherzöge, Stahlbarone und Hemingways, die in diesem Film ihre Flinten zücken, sondern die bessergestellten Niemande aus unserer Mitte. Weil aber der magische Zauber (und Fluch), dessen letzte Funken im spanischen Stierkampf verglühen, bei den Safari-Urlaubern nicht mehr existiert, wird die Jagd zum Genussmittel. Töten als bezahlte Ekstase mit Frühbucherrabatt. Die Großwildjagd als Schule der Gourmets. Das Fleisch einer Antilope, sagt eines der sechs Paare, die Seidl für seinen Film interviewt hat, sei ein Traum. Und da dachte ich an das Kino.

27698-Safari_2© Filmfestival VenedigFoto Filmfestival Venedig

Auch die Stars, deren Bilder das Kino seit gut hundert Jahren in die Welt schickt, waren einmal für uns ein Traum. Papa Razzo, der große Jäger, führte die Urhorde an, die sie mit ihren Blitzlichtern zur Strecke brachte. Seinen Namen hatte er von Fellini bekommen, seine Ausbildung auf dem Hollywood Boulevard und den Straßen der Reichshauptstadt Berlin. Seit ein paar Jahren aber hat das Smartphone die Zahl der Jäger vertausendfacht. Wir sind alle zu Mitläufern der Horde geworden, die auf das große Wild anlegt. Deshalb sind zwei Dinge passiert: Die Bilder, die wir erbeuten, als Profis oder Amateure, sind immer gleichförmiger geworden. Und zugleich werden sie immer mächtiger. Die Stars, die letzten Stellvertreter der Götter, werden von ihren eigenen Images aufgesogen, ihren Abbildern auf Millionen Endgeräten. Und die Zuschauer, ihre Verehrer, erzeugen und horten so viele Bilddateien, dass sie für das Sakrileg, den stillen Frevel, der seit Anbeginn im Vorgang des Bildermachens liegt, kein Gespür und kein Gefühl mehr haben.
Als ich nach der Vorführung von „Safari“ zu dem roten Kubus kam, der seit diesem Jahr auf dem Festivalgelände steht, liefen gerade ein paar italienische Fernsehstars über den roten Teppich. Eine blonde Frau in der Mitte sah genau so aus wie die Schauspielerin, die vorgestern auf einem Foto in den Tageszeitungen in einem Designerkleid durch das flache Wasser am Lido-strand geschritten war. Vielleicht war sie ihr auch nur ziemlich ähnlich. Die Passanten ringsum holten dennoch ihre Telefone heraus und drückten auf die Auslöser. Lieber ein Bild zu viel als eins zu wenig.
Die Jagd geht weiter.

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