Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Die Stunde des Schlitzers

Reden wir über Zahlen. In der täglich erscheinenden Festivalzeitschrift „Ciak“ lese ich, dass eine Publikumskarte für die Abendvorstellung im Palazzo Grande 45 Euro kostet. Das klingt moderat im Vergleich zu einem Parkettsitz im La Fenice, aber man fragt sich doch, was Leute empfinden, die für den Preis eines anständigen Menüs im „Corte Sconta“ Mel Gibsons „Hacksaw Ridge“ oder Ana Lily Amirpours No-future-Hackbraten „The Bad Batch“ sehen. Ein Kinobesuch war immer ein Blind Date, aber in Venedig braucht man schon sehr viel Enthusiasmus (oder Abgebrühtheit), um nicht jeden zweiten Film für Geldverschwendung zu halten. Oder man zahlt einfach nur dafür, mit Mel oder Keanu in einem Saal zu sitzen

Wenn man die Produktionskosten aller Filme, die auf dem Festival laufen, zusammenrechnete, dürfte wohl knapp eine halbe Millarde Euro dabei herauskommen. Buchmessen und Opernfestspiele bieten billigere Produkte an. Aber im Kino ist auch die Spreizung zwischen den Hungerleidern und den Nabobs der Branche viel größer als anderswo. Die teuersten zehn Filme des Festivals dürften allein an die 250 Millionen gekostet haben, mit Antoine Fuquas Remake der „Verwegenen Sieben“, das zum Abschluss außer Konkurrenz gezeigt wird, als einsamem Spitzenreiter. Dahinter kämen zwanzig weitere Produktionen, die zusammen etwa hundert Millionen auf die Waage bringen. Der ganze Rest, mehr als hundert Filme, hat sicher nicht mehr hundert bis hundertdreißig Millionen Euro verbraucht. Das Kino ist eine Ständegesellschaft, und die Kluft zwischen Fürsten und Bauern ist nicht geringer als im Mittelalter, das uns als Inbegriff der Finsternis gilt.

Excelsior1

Stippvisite im Hotel „Excelsior“. Hier hat das Festival seinen Ursprung, und hier war noch in den neunziger Jahren das Zentrum der internationalen Film-Community, der Ort, an dem die Schauspieler-Interviews, die Regisseursgespräche, die Konferenzen zur Zukunft des Kinos stattfinden. Heute wirkt das Hotel wie der Schauplatz einer mittleren Branchenmesse. Im Parterre hat sich der „Italian Pavilion“ ausgebreitet, eine Folge von Räumen, in denen die nationale Filmindustrie ihre Waren und Wahrzeichen ausbreitet. Die Presseagentinnen aus London, Paris und New York, die früher auf den Fluren im südlichen Trakt residierten, sind verschwunden; der größere Markt in Toronto hat sie aufgesogen. Im Untergeschoss, wo es zu den weißen Zelten geht, vor denen Visconti die Strandszenen in „Tod in Venedig“ gedreht hat, fand ein Empfang für einen kanadischen Film statt, aber ich sah nur Italiener, die Spumante tranken und Marshmallows kauten. Nur ein paar Schweden prosteten sich im Foyer gegenseitig zu. Offenbar plant das schwedische Kino, von dem auf dem Festival selbst nichts zu sehen ist, hier für die nächsten Jahre ein Comeback.

Excelsior2

Gibt es eigentlich auch Auszeichnungen, die man ablehnen darf? Gerade hat der amerikanische Schauspieler und Regisseur James Franco für seinen Film „In Dubious Battle“, der in einer Nebenreihe läuft, den Preis der Mimmo Rotella Stiftung empfangen. Mimmo Rotella, lese ich auf Wikipedia, war ein Künstler, der in den fünfziger Jahren die ästhetische Qualität abgerissener und aufgeschlitzter Kinoplakate entdeckte. Seine „Manifesti lacerati“ klebte er anfangs in einzelnen Streifen auf die Leinwand, später ging er dazu über, Plakatrückseiten zu verwenden oder intakte Plakate mit neutralem Papier zu überkleben. Der Premio Rotella ist mit jeweils einem originalen Werk des Künstlers dotiert und wird alljährlich verliehen. Leider war das Kunstwerk in „Ciak“, wo ich die Meldung fand, nicht abgebildet.

Szene aus James Francos "In Dubious Battle"© Filmfestival VenedigSzene aus James Francos „In Dubious Battle“

Weitere Vorschläge für von Künstlern gestiftete Kinopreise: Der Jeff Koons Award für die schamloseste Selbstvermarktung. Der Georg-Baselitz-Preis für einen Film, in dem die Kamera auf dem Kopf steht. Die Wolfgang-Beltracchi-Medaille für das erfolgreichste Stilplagiat. Die Damien Hirst Cup für die Verwendung von Formaldehyd zur Filmkonservierung.

Preisträger fänden sich allemal.

5