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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Eine Geige genügt

Was das Kino betrifft, habe ich einen ganz einfachen Geschmack (und jetzt kommt kein Oscar-Wilde-Zitat): Ich mag Filme, die wissen, was sie tun, und können, was sie wollen. Und die mit den Dingen und Menschen, mit denen sie ihr Spiel treiben, sorgsam umgehen, also auch mit mir, meinen Sinnen, meinen Nerven, meiner Zeit. Das klingt simpel, ist aber ziemlich kompliziert; gerade das, was man gemeinhin als erzählerische Ökonomie bezeichnet, ist vielen heutigen Regisseuren fremd. Robert Bresson hat es in seinen „Noten zum Kinematografen“ auf die gültige Formel gebracht: „Wenn eine Geige genügt, nicht zwei verwenden.“

Deshalb misstraue ich den Filmen von Lav Diaz. Und noch mehr misstraue ich den Lobliedern, die auf diese Filme gesungen werden. Ich glaube nicht, dass eine Geschichte dadurch wahrhaftiger wird, dass sie sechs oder acht Stunden dauert. Ich glaube auch nicht, dass man den philippinischen Dschungel intensiver erlebt, wenn man ihn sich einen ganzen Tag lang anschaut statt für eine normale Spielfilmlänge. Die Lav-Diaz-Gemeinde behauptet, seine Filme schenkten uns die totale Immersion, die Versenkung in das ganz Andere, eine fremde Welt. Aber die totale Immersion ist eine Illusion, eine Täuschung, im überzüchteten Hollywoodkino genauso wie im asketischen Autorenkino der Philippinen. Das ist ja gerade der Witz am Medium Film, dass es alles, was es zu sagen und zu zeigen gibt, in zwei oder meinetwegen auch drei Stunden sagt und zeigt. (Sofort fallen mir Gegenbeispiele ein: „Out One“, „Shoah“ … aber das sind die großen, die ewigen Ausnahmen.)

Für Lav-Diaz-Verhältnisse ein Kurzfilm: Szene aus "Ang Babaeng Humayo (The Woman Who Left)"© Filmfestival VenedigFür Lav-Diaz-Verhältnisse ein Kurzfilm: Szene aus „Ang Babaeng Humayo (The Woman Who Left)“

Jetzt aber muss ich bei den Diaz-Fans teilweise Abbitte leisten. „Ang Babaeng Humayo“ („The Woman Who Left“), der neue Film von Lav Diaz, der hier im Wettbewerb läuft, dauert vier Stunden, ist also für Diaz-Verhältnisse ein Kurzfilm, und in dieser Zeit erzählt er eine dramatische Geschichte auf beinahe reportagehafte Art. Eine Frau wird nach dreißig Jahren aus dem Arbeitslager entlassen, in dem sie wegen einer falschen Mordanklage eingesperrt war, ihr Mann ist tot, ihre Kinder sind weggezogen oder verschollen, und nun macht sie sich auf, um sich an dem Urheber der Intrige, einem Kleinstadtmafioso, der einmal ihr Lover war, zu rächen. Sie taucht unter, verkleidet sich, kauft eine Waffe, verbündet sich mit den Erniedrigten und Beleidigten des Viertels, und zuletzt bekommt sie ihre Chance.

Aber auf dem Weg dorthin tritt sich der Film doch wieder breit. Er spielt „Nachtasyl“, in der XXL-Version. Er breitet den Katalog des Elends aus. Der Preis für diese Ausführlichkeit ist das Wimmelbildhafte, ausgemalt Wirkende, das alle Lav-Diaz-Filme haben, die ich kenne. Ich bin auch nicht sicher, ob das schwarzweiße, digital nachgebleichte Filmmaterial, das Diaz verwendet, wirklich der Wahrheitsfindung dient. Wir sollen keine Farben sehen, weil sie uns vom Wesentlichen ablenken, das ist klar. Aber die Welt, in der diese Geschichten spielen, ist farbig, sie gehört zu unserer Welt, auch wenn sie zehntausend Meilen entfernt ist. Lav Diaz sperrt sie in einen Guckkasten, in dem seine kinematografische Vernunft ihr Grau in Grau malt.

Die großen Schauspieler ziehen eine tiefere Spur: Szene aus "The Bleeder" von Philippe Falardeau.© Filmfestival VenedigDie großen Schauspieler ziehen eine tiefere Spur: Szene aus „The Bleeder“ von Philippe Falardeau.

Als ich in den italienischen Zeitungen las, wie sich Natalie Portman auf ihre Rolle als Jackie Kennedy in „Jackie“ vorbereitet hat, mit Lesen, Filmegucken, Sprachtraining, Kleiderproben, Netzrecherche, musste ich an einen Film denken, den ich am Anfang des Festivals gesehen habe. „The Bleeder“ erzählt die Lebensgeschichte von Chuck Wepner, dem Boxer, der 1975 fünfzehn Runden gegen Muhammad Ali durchstand und zum Vorbild für Silvester Stallones „Rocky“ wurde. Der Hauptdarsteller, der diesen Film so mühelos über hundert Minuten trägt wie ein Athlet einen Säugling, kam mir bekannt vor, aber ich konnte ihn beim besten Willen nicht einordnen. Ich musste bis zum Abspann warten, um zu erkennen, dass es Liev Schreiber war. Liev Schreiber, den ich nach „Manchurian Candidate“ und „Alles ist erleuchtet“ für einen Over-Actor gehalten habe, einen Übertreiber, und der schon in „Spotlight“ und „Fading Gigolo“ unfassbar gut war. Es ist wahr, das Kino ist eine Kunst der Stars: „Jackie“ ist ein Natalie-Portman-Film, „La La Land“ gehört Ryan Gosling und Emma Stone. Aber die großen Schauspieler wie Liev Schreiber ziehen eine tiefere Spur. Ohne sie würden die Filme noch glänzen, aber nicht mehr sprechen. In Venedig bekam Schreiber am vergangenen Freitag den Preis, den die Sonnenbrillenfirma Persol für visionäre Kinotalente gestiftet hat.

Manchmal sind Sponsoren eben doch für etwas gut.

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