Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Auch Zwerge haben einmal groß angefangen

Am Samstagnachmittag hätte ich wieder einmal gerne Russisch gekonnt. Dann hätte ich näher verstanden, was denn im Original den englischen Untertitel „bloodthirsty dwarfs“ erforderlich gemacht hat. Es gab jedenfalls Szenenapplaus im Haus der Berliner Festspiele, das mit ukrainischen Patrioten und Sympathisanten des zwischen Russland und EUropa eingezwängten Landes gut gefüllt war. Den Mann, der von den „blutdürstenden Zwergen“ spricht, hat die European Film Academy unter ihre Fittiche genommen – vergeblich allerdings, denn Oleg Sentsov sitzt in Sibirien in einem Hochsicherheitsgefängnis. Er soll 2034 entlassen werden, geht allerdings davon aus, dass das System Putin sich vorher erledigt haben wird. Damit hat er sich aber vielleicht nur Mut zugesprochen.

Die Vorführung des Films „The Trial. The State of Russia vs Oleg Sentsov“, einer estnisch-polnisch-tschechischen Koproduktion, war eine Art Solidaritätsveranstaltung. Vor dem Betreten des Saals bekam man einen gelben Karton in die Hand gedrückt, der dann bei der Photo Op nach dem Film zu erheben war: Free Oleg Sentsov. Ich habe an dieser Demonstration nicht teilgenommen, weil ich es versäumte, einen Karton zu nehmen, unterstütze aber die Forderung.

Sentsov ist ein ukrainischer Filmemacher, der das Pech hatte, auf der Krim zu leben und zu arbeiten. Er ist ein Mann mit vielen Talenten, jahrelang hat er sich vor allem unter Computerspielern bewegt, über die er dann auch einen Film gemacht hat: „Gamer„. Als Russland die Krim annektierte, blieb er vor Ort. Es wäre wohl klüger gewesen, nach Kiew oder Odessa zu gehen, dann könnte er heute vielleicht an der Berlinale teilnehmen, mit einem eigenen Film. So aber wurde er ein Fall, denn russische Autoritäten beschuldigen ihn, Anschläge in verschiedenen Städten auf der Krim geplant zu haben, darunter auf eine Leninstatue in Simferopol.

Aus dem Prozess, in dem er schließlich zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde, gibt es in Askold Kurovs Dokumentarfilm interessantes Material, von dem nicht ganz klar ist, wie es zustandekam. Nach der Verkündung des Urteils holt Sentsov noch einmal aus und hält eine lange Rede über Mut und Feigheit, am Beispiel des Pontius Pilatus aus dem Roman „Der Meister und Margarita“ von Bulgakov.

Unvermutet ist die Berlinale mit dieser Angelegenheit wieder in einer Situation, in der sie zuletzt vor 1989 war: Sie macht Ostpolitik. Während des Kalten Kriegs war das Festival immer auch ein Ort, an dem auszuhandeln war, wie man am besten mit den Regimes auf der anderen Seite umgehen sollte. Einladungen von Filmen aus dem Ostblock waren per se „politisch“, aber auf eine diffizile Weise (ähnlich verhält es sich heute vor allem mit dem Iran und ein bisschen auch mit der Volksrepublik China). Immer ging es darum, die oft schwer durchschaubaren Kräfteverhältnisse in den totalitären Bürokratien irgendwie einzuschätzen, und die richtigen Kräfte zu stützen, oder auch mal die falschen, damit sie den richtigen ein wenig Luft verschafften.

In „The Trial“ gibt es eine großartige Szene, in der der Regisseur Alexander Sokurow sich an den russischen Präsidenten wendet. Die Gelegenheit ergibt sich bei einem runden Tisch, einer Art Audienz, die Vladimir Vladimirowitsch seinem Volk und erlesenen Vertretern gewährt. Sokurow macht einen pragmatischen Vorschlag: Man könnte doch diese leidige Angelegenheit Sentsov aus der Welt schaffen. Putin aber reagiert listig: Ein Gnadenakt ist nicht angebracht, das würde der Unabhängigkeit der Justiz Abbruch tun.

Eben von dieser „Unabhängigkeit“ spricht Sentsov auch in dem Moment, in dem er auf die „bloodthirsty dwarfs“ zu sprechen kommt. Hat er überhaupt den Plural verwendet? Jetzt bin ich mir gerade gar nicht mehr so sicher, vielleicht war es auch ein Flüchtigkeitsfehler in den Untertiteln. Hat er am Ende Putin selber gemeint? Und nicht nur dessen System?

Die polnische Regisseurin Agnieszka Holland (hier im Bild mit Askold Kurov), Vorsitzende der European Film Academy, hatte schließlich noch halbwegs gute Nachrichten mitgebracht: Oleg Sentsov ist durch die Haft nicht gebrochen. Er ist an den Herausforderungen sogar gewachsen. An diesem Sonntag läuft Hollands neuer Film „Pokot“ im Wettbewerb der Berlinale. Ich werde ihn mit etwas anderen Augen sehen, nachdem „The Trial“ meine ostpolitischen Sinne wieder geschärft hat.

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