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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Durch die Wüste

Am Freitag begann sich die Berlinale für mich plötzlich zu reimen. Normalerweise ist das ja so, dass man von einem Film in den nächsten geht, und man müsste die Minuten dazwischen eigentlich für eine Art Deprogrammierung nützen, um sich auf etwas ganz Neues einzustellen. Das klappt natürlich nie, im günstigsten Fall hilft einem der typische Small Talk in den Foyers, um sich gerade so weit zu zerstreuen, dass es danach wieder mit der Konzentration klappt. Am Freitagnachmittag aber gab es zwischen zwei Filme aus ganz unterschiedlichen Sektionen eine thematische Brücke, und es fügte sich, dass ich sie tatsächlich ganz knapp hintereinander sah: Beide handeln von Mexiko, dem Land, das erst noch herauszufinden hat, wie es für eine Mauer bezahlen wird, die es künftig von den Vereinigten Staaten von Amerika trennen soll.

„El mar la mar“ (Forum) ist ein halber Experimentalfilm über die Sonora-Wüste. „La libertad del diablo“ (Special) ist ein schockierender Bericht über die Gewalt der Drogenkartelle und der Exekutive. Als zwischendurch ein Gebirgszug zu sehen war, den ich aus dem Film davor wiederzuerkennen meinte, war das so etwas wie ein Reim, ein ästhetischer und intellektueller Akkord – also genau das, was ein Filmfestival mit seiner Verdichtung auch erreichen will. Allerdings blieb ich danach bei der Frage hängen, ob es zwischen so unterschiedlichen Ansätzen im Dokumentarischen überhaupt so etwas wie eine Rückkopplung oder ein Echo geben kann, das über eine simple visuelle Analogie hinausgeht.

Dass es mit „El mar la mar“ eine besondere Bewandtnis haben würde, war schon vor der Vorführung zu erkennen. Zum ersten Mal war das Cinemaxx 6, wo die Pressevorführungen des Forums stattfinden, so richtig voll, der Film begann mit einer Viertelstunde Verspätung. Das hat wohl damit zu tun, dass sich um das Sensory Ethnography Lab der Harvard-Universität in den letzten Jahren ein Hype entwickelt hat. J.P. Sniadecki, der „El mar la mar“ zusammen mit Joshua Bonnetto gemacht hat, kommt von dort, und steht für diese Kombination aus Filmkunst und Sozialwissenschaften, die zuletzt einige höchst spannende Arbeiten hervorgebracht haben. Verena Paravel und Lucien Castaing-Taylor, die 2013 mit dem grandiosen „Leviathan“ schon in Berlin waren, haben dieses Jahr ebenfalls einen Film im Forum: „somniloquies“.

Man braucht eine Weile, bis man sich in „El mar la mar“ zurechtfindet, denn die Bilder sind oft zu detailreich oder hart am Rande der Abstraktion, doch allmählich wird klar, dass dies in erster Linie ein Film über eine Landschaft ist (so wie auch „Leviathan“ vor allem ein Film über diese elementare Landschaft des Meeres war). Die Sonora-Wüste ist aber nicht nur ein lebensfeindliches Territorium zwischen Kalifornien und Arizona, sondern eben vor allem eine Grenzregion zwischen den USA und Mexiko. Wenn es jemals eine Mauer geben sollte, hier müsste sie verlaufen. De facto gibt es aber schon eine, im übertragenen Sinn, denn es ist extrem schwer, sich hier durchzuschlagen. Immer wieder ist von Menschen die Rede, die auf ihrem Weg durch die Wüste verdurstet sind. El mar la mar ist ein Filmgedicht, das man zugleich als eine Klage über diese Toten sehen kann wie auch als eine Relativierung der Anthropozentrik. In der Wüste hat der Mensch eigentlich nichts verloren.

Dass ich gleich danach in „La libertad del diablo“ von Everardo Gonzalez ging, hatte vor allem mit dieser Euphorie zu tun, die sich zu Beginn eines Festivals manchmal einstellt: da will ich es mit dem Programm noch aufnehmen, mein Bestes geben, so viel wie möglich in einen Tag packen. Dabei bräuchte man im Grunde schon für das Erlebnis von „El mar la mar“ eine angemessene Verarbeitungszeit, und wenn man dann wenige Minuten später so schockierende Dinge erfährt, wie sie die Protagonisten in „La libertad del diablo“ erlebt (und verübt) haben, dann müsste man eigentlich ins Grübeln kommen über das Menschengeschlecht als solches – ein Effekt übrigens, auf den das intensive Erlebnis eines Filmfestivals tatsächlich oft hinausläuft.

In dem Film von Everardo Gonzalez sind es die Masken, die man nicht mehr los wird. Hier berichten Menschen von Entführung, Folter und Mord, von Grausamkeiten, die sie als Opfer oder Täter erlebt haben. Sie tun es maskiert, womit vor allen ein Umstand deutlich wird: Gewalt pflanzt sich fort, man kann sich ihr nur entziehen, indem man sich unkenntlich macht. „La libertad del diablo“ ist stark auf Wirkung hin konzipiert, aber ich war mir die ganze Zeit hindurch nicht sicher, welche genau. Mit seiner hochgerüsteten Technik (einer super gefinkelten Tonspur und morbider Atmo) ist das auch ein Beispiel für ein neueres dokumentarisches Kino, das in der Aufmerksamkeitsökonomie nicht zurückbleiben will. Es passt irgendwie, dass „La libertad del diablo“ im Berlinale Special läuft, der Sektion, die sich vor allem durch Wahllosigkeit auszeichnet.

Ich hatte jedenfalls mehr als genug nachzudenken, als ich schließlich noch in die Akademie der Künste ging, zum Forum Expanded. Manchmal bleibt einem nichts anderes übrig, als einfach sein Programm durchzuziehen.

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