Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Irgendwas mit Schlafen

Am Sonntagabend habe ich im Forum Expanded in der Akademie der Künste den vielleicht unheimlichsten Film aller Zeiten gesehen. Ich weiß, das klingt jetzt arg großspurig, aber ich glaube, ich kann das halbwegs begründen. somniloquies von Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel enthält genau das, was der Titel verspricht: Jemand spricht im Schlaf. Es ist der Songwriter Dion McGregor. Er starb 1994, er spricht also aus dem Jenseits oder aus dem Grab. Vor allem aber sprach nicht in dem Sinn er selbst, sondern es sprach aus ihm.

Viele Leute reden im Schlaf, aber nur bei Dion McGregor war dieses Phänomen so ausgeprägt, dass sein Mitbewohner Michael Barr irgendwann begann, die nächtlichen Sprechakte mitzuschneiden. 1964 kam eine Auswahl auf einer Schallplatte heraus: „The Dream World of Dion McGregor“. Um das Ungewöhnliche dieser Angelegenheit besser zu begreifen, muss man sich nur einmal überlegen, wie das wäre, wenn an unserem eigenen Bett nachts ein Tonband mitliefe. Der Schlaf schafft ja einen eigenen Raum, wir sind irgendwie in uns selbst verschlossen, es hat etwas Grundverkehrtes, wenn das von außen dokumentiert wird.

Dion McGregor war während seines Schlafens in höchstem Maße lebendig. Er spielte Rollen, war dramatisch, man könnte richtiggehend Rhetoriken seiner Traumarbeit heraushören, und manchmal verfiel er auch in eine unverständliche Privatsprache, dann wurde aus den somniloquies eine andere Form von Glossolalie, gewirkt nicht vom Heiligen Geist, sondern von den Geistern in seiner Psyche. Castaing-Taylor und Paravel haben auf eine Pointe, die das Material hergab, nicht verzichtet, und aus guten Gründen: an einer Stelle beschäftigt Dion McGregor sich mit dem Wort „semantics“, er dreht es und wendet es, und das ist umso fesselnder, als er ja nicht weiß, was er sagt. Er produziert eine Bedeutung, die aus dem Vegetativen kommt.

„somniloquies“ ist ein Hörspiel, zu dem die beiden Filmemacher das machen, was das Tonmaterial nahelegt: sie haben den Akt der Intrusion, des Eindringens in die intimste Sphäre, mit der Kamera verdoppelt, indem sie schlafende Menschen gefilmt haben. Und zwar nicht einfach hellwach, wie in Andy Warhols „Sleep“, sondern auf eine sehr, man könnte sagen, somnambule Weise, auch erotisch, ein sanftes Umspielen von Körpern, die kaum einmal deutlich aus der Unschärfe der Nacht hervortreten.

Die wilden Abenteuer, die sich in Dion McGregors Äußerungen andeuten, finden vielleicht ganz ähnlich im Inneren dieser „sleeper“ statt, von denen wir im Abspann auch die (meisten) Namen erfahren, die also wie Schauspieler fungieren (einer von ihnen ist lustigerweise der in unseren Kreisen nicht ganz unbekannte, ehemalige Kritiker von „Le Monde“, Jean-Michel Frodon). Die Schläfer nehmen die Dramen von Dion McGregor in sich auf, Bild und Ton ergeben ein osmotisches Ganzes, aber vollständig absorbieren kann kein Medium dieses Höchst-bei-sich-und-vollkommen-außer-sich-Sein, das die Schallplattenindustrie nur in Ansätzen begriff, als sie aus dem „sleeptalking“ eine Sensation zu machen versuchte.

In dem anschließenden Publikumsgespräch erzählten Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel (mein Handyfoto ist unscharf, aber das passt in diesem Fall sehr gut), dass ein Kollege an der Harvard Universität sie auf das Material aufmerksam gemacht hatte: „Ihr seid doch gerade an irgendwas mit Schlafen dran.“ So funktioniert akademisches Arbeiten am Sensory Ethnography Lab, von dem schon in meinem Eintrag von vorgestern die Rede war. Nun, da ich dies notiere, habe ich auch noch ein wenig nachgesehen, was man von Dion McGregor so wissen kann. Es gibt da sicher eine Menge herauszufinden, ich will es für den Moment aber mit diesem Video bewenden lassen: Barbara Streisand singt „Where is the Wonder“, einen Song, den McGregor ausgerechnet mit jenem Michael Barr verfasst hat, der oft mit dem Tonband am Rande seiner Dream World saß und der Nachwelt einen der merkwürdigsten Schätze bescherte, die man sich denken kann.

 

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