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Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

Politik ist eine Frage des Könnens

Die Nachrichten über die spanische Bewegung Podemos habe ich am Wochenende mit gesteigertem Interesse verfolgt. Das hat mit einem Film zu tun, der mich mit den Protagonisten intensiv vertraut gemacht hat. Er läuft im Panorama und trägt den ganz und gar nicht ironisch gemeinten Titel „Politik, eine Gebrauchsanweisung“ (Política, manual de instrucciones). Podemos ist ja gerade dabei, herauszufinden, ob man eher eine richtige Partei oder eine basisdemokratische Radikalopposition sein möchte. Und es geht wohl auch um die Frage der Radikalität des Programms: je weiter links und je utopischer man mit den Ansprüchen ist, desto stärker läuft das auf politische Isolation hinaus. In Deutschland würde man diese Debatte unter dem Stichwort Bündnisfähigkeit führen.

Durch den Film von Fernando León de Aranona bekommt man nun einen Blick in das Innere dieser Auseinandersetzungen, der umso interessanter ist, als man sie damals erst ahnen konnte. Dokumentiert werden die Monate vor der ersten landesweiten Wahlteilnahme von Podemos im Dezember 2015. In dieser Zeit formierte sich aus einer Protestbewegung gegen die Austeritätspolitik eine relativ orthodoxe politische Gruppierung, mit einem Spitzenkandidaten, dem Politologen Pablo Iglesias, und mit einem Apparat, der sich vor allem durch die Jugendlichkeit der meisten Beteiligten auszeichnet. Inigo Errejón, einer der wichtigsten Strategen, ist Jahrgang 1983. Auch er ist Politikwissenschaftler. Inzwischen steht er bei Podemos für einen realpolitischen Flügel, der sich am Wochenende dem Wunsch nach „unidad“ („Einheit“) unterordnen musste.

Auf Errejón wurde ich schon im letzten Jahr aufmerksam, weil er auch da schon in einem Film auftauchte. Pere Portabella legte damals mit Informe General II. El nou rapte d’Europa einen Bericht über das vor, was man polemisch manchmal die „diskutierende Klasse“ nannte. Er durchmisst ein intellektuelles Feld, in dem im besten Sinne demokratische Praxis aus Gesprächen erwachsen könnte. Einer, der damals schon herausstach, ist Inigo Errejón. In „Politik, eine Gebrauchsanweisung“ ist er nun eine der beiden wesentlichen Figuren, die andere ist sein Freund Pablo Iglesias, der auch mit seiner Erscheinung eher an das alternative Milieu erinnert, während Errejón auf eine fast schon programmatische Weise „preppy“ wirkt.

Früher hätte man einen Film wie „Politik, eine Gebrauchsanweisung“ wohl zum Direct Cinema gezählt, also zu dem Versuch, sich mit der Kamera inmitten eines komplexen Geschehens gleichsam unsichtbar zu machen. „Primary“ (1960) von Robert Drew ist diesbezüglich das herausragende Beispiel. Es macht auch den Unterschied zu dem Dokumentarfilm von Fernando León de Aranona deutlich, der fast noch „näher dran“ ist, der aber ein wenig diese Beobachterdistanz vermissen lässt, die sich in einem Blick manifestiert, der selber etwas wissen will. Um es unverblümt zu sagen: „Politik, eine Gebrauchsanweisung“ gleicht eher einem „making of“, mit dem eine junge Bewegung einen Einblick in ihre eigene Entstehung gibt, aber eben auch vollkommen zu ihren eigenen Bedingungen.

Die Unterschiede zwischen PR und Kino sind fließend, auch das ein Zeichen einer Zeit, die Medien nicht mehr automatisch als „gegenüber“ erlebt, sondern ganz selbstverständlich als Verlängerung der eigenen Arbeit. Podemos ist aber eben auch in seiner Medienarbeit alternativ. Kein anderer Politiker würde sich jemals so filmen lassen, wie Iglesias (auf dem Bild unten mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras) es hier tut, ein Auge immer auf seinem Handy, auf dem groß das Logo der griechischen Syriza prangt.

Die Frage nach der Zukunft Europas wird mich auf dieser Berlinale noch weiter beschäftigen, morgen steht der fünfstündige „Combat au bout de la nuit“ („Fighting Through the Night“) auf dem Programm, eine umfassende Darstellung der griechischen Krise „von unten“.

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