Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Der (arabische) Frühling kommt jedes Jahr von Neuem

Dass das Mittelmeer als das Mare Nostrum traditionell den Süden mit dem Norden eher verbindet als trennt, kann man auch an gewissen geographischen Wahlverwandtschaften ablesen: Frankreich ist aus offensichtlichen historischen Gründen besonders an Algerien gebunden, die Niederlande haben eine starke Beziehung zu Marokko, weil viele Menschen dort einen entsprechenden Migrationshintergrund haben. Deutschland beschäftigt sich gerade sehr mit Tunesien. Alle drei Länder haben im Vergleich mit anderen muslimisch geprägten Nachbarn immerhin eine Filmproduktion, wenngleich man in den Credits häufig erkennen kann, dass es längst einen gemeinsamen Bezugspunkt für das Kino im arabischen Raum gibt: es ist Katar, das kleine Emirat am Persischen Gold, das in so viele Aktivitäten investiert, davon auch viele imstrittene.

Wie immer man den Islam genauer verstehen möchte, den Katar verficht, bilderfeindlich ist er nicht. Die Subventionen fließen bis an das westliche Ende des Maghrebs. Und sie sind offensichtlich nicht ideologisch einschlägig motiviert. Anders könnte man die Unterstützung eines Films wie „House in the Fields“ („Tigmi n Igren„) von Tala Hadid nicht erklären, der es sich zum Ziel gesetzt hat, das Publikum mit einer weiblichen Perspektive auf den Fortschritt des konfrontieren. Und zwar von einem Punkt aus, an dem zwei marokkanische Mädchen vom äußersten Rand aufbrechen: ein Dorf im hohen Atlas, von dem aus schon Casablanca beinahe unerreichbar wirkt.

Khadija ist 16, ihre ältere Schwester Fatima soll demnächst heiraten. Khadija hat Träume, sie will einen Beruf ergreifen, sie sieht sich in erster Linie als unabhängig, aber sie ist in eine Familie eingebunden, die nach uralten Traditionen lebt. Tala Hadid hebt die unausweichlichen Konflikte nicht hervor, sie würdigt auch die Schönheit der Landschaft, und hat ihren Film in das Zeichen der Jahreszeiten gestellt: im Frühling hat man das Gefühl, alles könnte möglich werden.

Von diesem berührenden Dokumentarfilm könnte man eine Abzweigung nehmen, die das Forum mit der diesjährigen Miniretrospektive anbietet. In den letzten Jahren waren es vorwiegend weniger bekannte japanische Regisseure, die auf diese Weise dem Kanon hinzugefügt wurden. In diesem Jahr hat sich der Blick nach Marokko gewendet, ausgehend von dem Porträtfilm „Crossing the Seventh Gate„, den Ali Essafi einem großen Vertreter der marokkanischen Kultur gewidmet hat: Ahmed Bouanani lebte vor seinem Tod im Jahr 2011 in einem ähnlich entlegenen Dorf wie die Leute aus „House in the Fields“.

Mit Bouanani verbindet sich aber eine entscheidende Phase der marokkanischen Geschichte, ja des gesamten Raums südlich des Mittelmeers, denn er begann als Künstler in der Zeit der arabischen Modernisierung, die in den sechziger Jahren für einen historischen Moment zwischen Casablanca und Kabul für Aufbruchsstimmung sorgte. Die Gründe für das Scheitern dieser Modernisierung sind viel zu kompliziert, um sie mit einem einzelnen Film zu ergründen.

Bouanani, der als Außenseiter endete, blickt auf ein Leben zurück, das von Rückschlägen bestimmt war, aber auch von dem Versuch, in einer Geschichte des nationalen Kinos (die er zu schreiben versuchte) so etwas wie ein Fundament für ein Selbstverständnis als marokkanischer Citoyen zu gewinnen. Dass die Berlinale unter dem Titel „Autour de Bouanani – Another Moroccan Cinema“ die paar Filme nun zeigt, die von Bouanani und seinen Mitstreitern überliefert sind, wird die Spannungen zwischen Nord und Süd nicht entscheidend verringern, aber mehr kann ein Filmfestival nun einmal nicht tun, als durch konkrete Begegnungen die Sicht auf die Welt zu differenzieren.

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