Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Intensität aus den Archiven

Ein bisschen hatte es auch mit dem inneren Paparazzo in mir zu tun, dass ich am Mittwochnachmittag einen Abstecher zu den Berlinale Talents machte. Andres Veiel war dort angekündigt, einen Tag nach der Weltpremiere seines Dokumentarfilms „Beuys“. Im HAU 2 (Hebbel Theater am Ufer) sollte er mit dem brasilianischen Kollegen Joao Moreira Salles sprechen, der mit „In the Intense Now“ (Bild) für einen der Höhepunkte der Panorama Dokumente gesorgt hatte. Ich war neugierig, ob Veiel eine Andeutung davon erkennen lassen würde, was so eine Teilnahme am Berlinale Wettbewerb mit einem macht: die erhöhte Sichtbarkeit geht ja auch mit einem Risiko einher, und „Beuys“ war keineswegs einhellig auf Zustimmung gestoßen.

Es war dann aber alles ganz normal, so, als wäre das alles schon eine Weile her, und man könnte in aller Ruhe noch einmal anschauen, wie weit die schwierige Übung gelungen war, über einen der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts einen Montagefilm zu machen, der den Experten auch noch etwas Neues bringen konnte, dabei aber das große Publikum nicht vergaß. Veiel sprach mehrfach von einem Tunnel, durch den man sich während des Schnitts bewegt: 400 Stunden Material auf knapp zwei Stunden zu verdichten, da darf es einen wirklich nicht wundern, dass das fünf oder mehr Jahre dauert.

2008 war Veiel zu Beuys zurückgekehrt, nachdem er ihn – das ließ er in einer Nebenbemerkung erkennen – früher sogar abgelehnt hatte, weil er sich zu stark auf den Kunstmarkt eingelassen hatte. Als Geldtheoretiker war Beuys aber allenfalls ein Disruptor, der dem Kapitalismus zwar ein Ablaufdatum zudichtete, um eine brauchbare Alternative aber auch verlegen war. Das ist eben das Dilemma und das Privileg eines Künstlers, der sich im Zweifelsfall nicht festlegen lassen muss darauf, wie die Erweiterungen seiner Zuständigkeit sich zu praktischen Konkretionen verhalten.

Veiel und Salles ließen es wechselseitig nicht an Höflichkeiten mangeln, es war aber der brasilianische Kollege, der prägnanter die Rolle des dokumentarischen Films in einer Situation beschrieb, in der das Fernsehen mit seinem Drang, alles in Information zu verwandeln, großen Druck ausübt. „In the Intense Now“, eine sehr persönliche Reflexion auf revolutionäre Momente, auf die Salles zurückschaut, lebt von einer Nachträglichkeit, die auch sehr persönlich motiviert ist, denn es sind Filmaufnahmen seiner Mutter aus dem kulturrevolutionären China, die einen Ausgangspunkt bilden. Dazu kommt Material aus dem Prager Frühling, und generell aus dem Jahr 1968. Salles war in diesem Jahr noch ein Kind, und seine Familie im Exil in Paris, wohin nahezu die ganze kulturelle und intellektuelle Elite des Landes nach der Aufrichtung einer Militärdiktatur in den sechziger Jahren geflüchtet war. Wie sich die Intensität des revolutionären Moments in alten Filmaufnahmen bewahrt, das untersucht Salles mit dem melancholischen Gestus eines, der selbst nicht mehr einer heroischen Generation entstammt.

Zum Ende des Gespräches hin tauchte dann noch eine Fragestellung auf, die sich tatsächlich auf die gesamte diesjährige Berlinale beziehen lässt: Gibt es vielleicht einen Boom an Filmen, die ihr Material vor allem aus den Archiven holen? Andres Veiel sprach mehrfach von einer „Schatztruhe“, nicht ohne auch eine berechtigte Klage zu führen: die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten lassen sich ihre alten Bestände üppig abgelten, wenn man sie für einen Film braucht. Dabei sollten sie doch klarerweise Gemeingut sein, open access.

Auf jeden Fall aber ist deutlich zu erkennen, dass die Aufarbeitung der riesigen Bewegtbildbestände, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, uns noch lange beschäftigen wird. Über einen Mann wie James Baldwin wird man in Zukunft sicher auch weiterhin Bücher schreiben, aber man muss ihn nur ein paar Minuten lang in einer Talk Show oder vor Studenten sprechen sehen, um zu ermessen, wieviel stärker ein Film ihn als Persönlichkeit zugänglich machen kann. „I am Not Your Negro“ von Raoul Peck ist ein Paradebeispiel eines intellektuellen Porträts in Bildern und Tönen.

An „Beuys“ kann man aber auch die Grenzen dieses audiovisuellen Biographismus erkennen. All die Kontroversen, von denen er umgeben war, verlieren sich in Andeutungen und manchmal auch in den Tricks einer Montage, die in diesem Fall oft auch buchstäblich alles nur anklickt, wobei die Fingerfertigkeit einer digitalen Wisch- und Popup-Generation auf die analogen Verhältnisse eines Kontaktbogens übertragen wird. Den Paparazzo in mir hatte ich längst vergessen, als ich auf dem Weg nach Hause schon zu recherchieren begann, was man denn zur Kapitalismuskritik von Beuys lesen könnte.

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