Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Täglich frisches Obst

Das Festival geht auf die Zielgerade. Für mich bedeutet das: heute habe ich noch einmal einen ambitionierten Tag, mit fünf Filmen bis nach Mitternacht. Es bedeutet aber auch, dass nun schon die Zeit der Preise beginnt. Man kriegt ja nur die Hälfte mit. Selbst die Filmförderung gibt nicht einfach Geld, sondern nennt das gleich Award, wie ich einer Presseaussendung des Co-Production Market entnehmen (20000 Euro für „The Wife of the Pilot“, das nächste Projekt von Anne Zohra Berrached, im Vorjahr mit „24 Wochen“ im Wettbewerb; die Projektförderung läuft unter dem leicht pompösen Titel Eurimages Co-Production Development Award).

Gestern wurde dann der Heiner-Carow-Preis 2017 vergeben, ausgelobt von der DEFA-Stiftung, die damit an den Regisseur aus der DDR erinnern will, der 1989 mit „Coming Out“ einen der wichtigsten Filme der Wendezeit herausbrachte (Premiere war 1990 im Berlinale-Wettbewerb zu einer Zeit, als die Welt auf dem Kopf zu stehen schien). Die diesjährige Preisträgerin ist Annekatrin Hendel mit „Fünf Sterne„, der heute noch eine Vorstellung im Cinestar 7 hat.

Es ist kein einfacher Film, aber einer, den man schwerlich vergessen wird. Der Titel bezieht sich auf ein Luxushotel in Ahrenshoop, wo die Filmemacherin mit einer Freundin Quartier bezieht. Es gibt täglich frisches Obst, das ist schon mal toll. Ines Rastig ist in einer äußerst schwierigen Situation: sie hat keine Wohnung, und sie hat Krebs. Die beiden Frauen kennen einander seit Jahrzehnten, es wird nun aber nur um die eine gehen, die vor der Kamera zu sehen ist: zumeist sitzt sie vor dem Computer, manchmal geht sie nach draußen zum Rauchen, einmal wälzt sie sich im Schnee.

Als sie ankommen, gibt es kein WLan, wenn das nicht repariert wird, wäre das eine Katastrophe, denn Ines Rastig lebt ihr Leben zu ganz wesentlichen Teilen digital. Ihr Freund ist in Amerika, im richtigen Leben hat sie ihn noch nie gesehen, sehr offenherzig spricht sie über den Sex, den man auf Skype haben kann. Noch deutlicher lässt sie die Verletzungen erkennen, die man erlebt, wenn sich auf Facebook jemand in eine enge Freundschaft drängt.

Ines Rastig hat einmal zur DDR-Boheme gehört, nach einer Trennung war die große Wohnung in Berlin-Mitte nicht zu halten. Auf dem entfesselten Immobilienmarkt in Berlin spielt es keine Rolle, dass die Bezirke auch ihre Traditionen haben, ein Flair von früher. Das Zimmer in Ahrenshoop, das Annekatrin Hendel für ein Stipendium zur Verfügung gestellt bekam, wird zu einem Notquartier für eine Freundin, die vor einem verpfuschten Leben sitzt. So könnte man es sehen, so sieht sie es aber nicht, das wäre ja nicht auszuhalten.

Der Heiner-Carow-Preis für Annekatrin Hendel hat eine gewisse Logik, denn seit 2011 hat sie mehrfach in Dokumentarfilmen das Nachleben der DDR untersucht („Vaterlandsverräter“, „Anderson“). „Fünf Sterne“ kann allerdings keine ganz einfache Wahl gewesen sein, denn die Filmemacherin präsentiert sich hier in einer höchst ambivalenten Rolle – immer mitten im Raum, aber nicht zu sehen, voller Anteilnahme, wobei ihr aber auch jederzeit bewusst gewesen sein muss, dass sie da etwas abgreift, dass sie sich in ein Self-Publishing, wie es Ines Rastig mit ihren Fotos auf Facebook macht, einklinkt und es auf eine ganz neue Ebene hebt.

Das dokumentarische Kino hat die Grenzen der Intimität immer weiter zurückgeschoben, inzwischen gibt es kaum mehr Tabus, und doch hinterlässt „Fünf Sterne“ einen zwiespältigen Eindruck, nicht zuletzt deswegen, weil Ines Rastig sich dazu nicht mehr äußern kann. Zweifellos ist dieser Film das Zeugnis einer Freundschaft, das Unbehagen kommt vielleicht vor allem da her, dass das Leben diese Freundschaft in eine so radikale Schieflage gebracht hat, und dass Annekatrin Hendel genau diese Schieflage zu der Form ihres Films gemacht hat.

Heute Abend geht der Reigen der Preise mit den Teddy Awards im Haus der Berliner Festspiele weiter, bevor am Samstag die Goldenen Bären vergeben werden. Vielleicht hat der Film ja eine Chance, auf den ich zu Beginn eher intuitiv gesetzt habe, ohne ihn selbst gesehen zu haben: „On Body and Soul“ von Ildikó Enyedi. Manchmal begleiten einen Filme eine Weile als Vorstellung, bevor man sie dann endlich sehen kann. Das ist gar nicht die schlechteste Form, mit dem Kino zu leben.

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