Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Das Archiv in meinem Inneren

Mit den fünf Filmen, die ich mir vorgenommen hatte, ist es am Freitag nichts geworden. Aus dem dritten bin ich nach zwanzig Minuten hinausgegangen, dabei war der gar nicht schlecht: El Pacto de Adriana aus Chile. Er beginnt mit diesem Geräusch, das inzwischen zu einer Signation für einen bestimmten Typus von Filmen geworden ist, die Wählscheibe von Skype, die so tut, als würde beim Verbindungsaufbau für einen Chat tatsächlich eine Nummer gewählt. „Jede Familie hat ein Geheimnis“, sagt Lissette Orozco, in ihrer Familie war es das ihrer Tante. Es hat mit dem Pinochet-Regime zu tun. Ich werde mir das bei anderer Gelegenheit ansehen, oder vielleicht auch nie, ich weiß es nicht.

Filmfestivals sind großartig mit all den Verbindungen, die sie herstellen, aber sie sind auch brutal mit all den kurzen Gesprächen, angerissenen Themen und abgebrochenen Beschäftigungen. Ich dachte mir, ich könnte am neunten Tag noch einmal ein richtiges Konzentrationsexerzitium hinlegen, aber schon beim Mittagessen (nie wieder Food Court, auch das weiß ich seit gestern) hatte mich eine befreundete Kollegin aus Wien auf meine Zerstreutheit verwiesen: „Was, du hast nicht gesehen, dass er in der Traumszene den Pyjama getragen hat?“ Er, das ist eine Hauptfigur in dem Wettbewerbsfilm Ana, mon amour von Calin Peter Netzer, an dem man sehr schön sehen kann, dass Festivals von uns das Unmögliche verlangen: wir sollen in der Lage sein, die Filme wie Träume zu erleben, also ganz in ihnen aufzugehen, zugleich müssen wir aber mitlesen wie die Analytiker, die uns im Nacken sitzen und jedes Detail als signifikant verbuchen.

Weil „Ana, mon amour“ diesen Widerspruch so deutlich vor Augen führt, und am Beispiel der Analysesitzung, des Beichtgesprächs und der privaten Analyseblockade des Rauchens so schön durcharbeitet, ist das wohl ein guter Film. Ich werde ihn mir aber noch einmal anschauen müssen, um sicher zu sein. Das mit dem Pyjama hatte ich in Wahrheit eh bemerkt, aber nicht mehr vollständig prozessiert. Es blieb irgendwo in mir hängen, in einer Latenz, die insgesamt mit das Beste an meinem Beruf ist: man kann ständig auf etwas zurückkommen.

Genau darum ging es dann in meinem zweiten Film am Freitag, der so spannend war, dass ich dem dritten gegenüber unfair werden konnte. Spell Reel (Forum) ist ein im Lauf mehrerer Jahre entstandener Kollektivfilm über den Befreiungskampf in Guinea-Bissau in den 1970er Jahren, über die Kinopraxis, die damit einher ging, und über das Archiv, in dem die Filme von damals, meistenteils Fragmente, seit 1980 vergammelten. Damals beendete ein Putsch das revolutionäre Experiment, das vor allem mit dem Politiker und Intellektuellen Amílcar Cabral verbunden ist.

Die Künstlerin Filipa César hatte die Endfertigung von „Spell Reel“ übernommen, sie sprach nun auch als Quasi-Regisseurin, gemeinsam mit Sana na N’Hada, einem der Vertreter der damaligen Filmbewegung. Vor drei Jahren habe ich in der FAZ (20. Juni 2013) schon einmal ausführlich über das Projekt Living Archive geschrieben, an dem das Berliner Arsenal maßgeblich beteiligt ist: ein Versuch, die Rolle des Kinos in den emanzipatorischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts aufgrund der Materialien zu ermessen, die in Vergessenheit zu geraten drohen, weil viele dieser Bewegungen gescheitert sind. Oder doch nicht?

Das ist nun eben die spannende Frage in „Spell Reel“, in dem wir dabei zusehen können, wie ein Land, ein (uneinheitliches) Volk sich mit einem unterbrochenen Aufbruch beschäftigt, indem es sich die alten Filme ansieht. Dass das deutsche Außenministerium hier auch finanziell involviert ist, hatte vor ein paar Jahren, als das Projekt begann, noch einen anderen Kontext. Nun, da Afrika aus guten Gründen in den Fokus gerückt ist, bekommt eine Szene aus „Spell Reel“ geradezu programmatische Bedeutung: Eine junge Frau plädiert dafür, es mit dem eigenen Land noch einmal zu versuchen. Die löchrigen Bilder von einst, die in nächtlichen Open-Air-Vorführungen gezeigt werden, geben Anlass, dass Guinea-Bissau seine in vielen tödlichen Fraktionskämpfen zermürbten Hoffnungen nicht fahren lässt. Eine neue Generation könnte aus dem Archiv neue Inspiration gewinnen.

Lissette Orozco gehört wohl in Chile zu einer vergleichbaren Generation. Allende wäre dann ihr Cabral. Ich komme darauf zurück. Man kann nicht überall zugleich sein, obwohl das natürlich genau die Suggestion ist, von der die Berlinale lebt.

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