Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Die andere Seite der Poesie

Die alte Redensart vom Berg und vom Propheten erfuhr am Samstagabend bei der Abschlussgala der Berlinale eine wunderbare neue Interpretation: Der Berg war die Berlinale, die Berlinale war ein Bär, der Prophet war der Prophet. Man kann ruhig seinen bürgerlichen Namen nennen, Aki Kaurismäki, wobei ich mir manchmal dachte, dass dieses Aki für irgendeinen schrägen Vornamem stehen könnte, Apokatastasis zum Beispiel, aber das würde natürlich gar nicht nach Finnland und zu dem besten lakonischen Regisseur der Welt passen. Aki Olavi Kaurismäki ist der einzige Prophet des Weltkinos, den man unbedingt ernst nehmen muss, und so hatte es nur seine Richtigkeit, dass er wegen eines Bären für die beste Regie für seinen Film „Toivon tuolla puolen“ („Die andere Seite der Hoffnung“) nicht eigens auf die Bühne gehen wollte. Stattdessen musste die Berlinale auf die andere Seite der Preisverleihung kommen, ins Publikum, um ihm die Statue in die Hand zu drücken. Es war ein Moment großer Würde, und auch so etwas wie eine Einlösung von Dieter Kosslicks Parole, die gerade eben noch so seltsam geklungen hatte: Rettung der Welt durch Poesie. Wenn ein Abend unter einem guten Stern steht, dann kommt man auch mit so einer Plattheit durch, ja mehr noch, die Künstler tun das Ihre, um sie mit Leben zu füllen. Und zwar ganz ohne Absprache.

Der österreichische Schauspieler Georg Friedrich hat das Gedicht „In the Desert“ von Stephen Crane vielleicht schon hundert Mal laut vor sich hergesagt, vielleicht hat er sich aber auch nur überlegt, was er sagen könnte, wenn man ihn wegen eines Bären für den besten Darsteller (in Thomas Arslans „Helle Nächte“) auf die Bühne holen würde. Es wurde auf jeden Fall ein Moment herausragender Slam (Dunk) Poetry, und auch einer der brillanten Intuition, denn Friedrich brachte zwei der Themen dieses Festivals zusammen, die Wüste und die Tiere, wobei der Mensch das einzige Tier ist, das sich vorstellen kann, wie das wäre, das eigene Herz zu verzehren. Das ist etwas anderes, als es poetisch auf der Zunge zu tragen. Den zungenlösenden Kaugummi hatte Friedrich davor auf die Bärentatze geklebt.

Vielleicht hatte sich etwas von der guten Vorsehung auf die Berlinale übertragen, die Paul Verhoevens Leben bestimmt, einen niederländisch-kalifornischen Freigeist mit einer Jesus-Fixierung, der an diesem Abend mit seiner Großzügigkeit (und mit beeindruckenden Jury-Kollegen wie der tunesischen Produzentin Dora Bouchoucha Fourati oder dem Künstler Olafur Eliasson) ein kleines Pfingstwunder wirkte. Denn alle schienen tatsächlich in Zungen zu sprechen, und es kam etwas allgemein Verständliches heraus. Es war alles andere als ein herausragender Wettbewerb, aus dem die Jury ihre Wahl zu treffen hatte, aber die Liste der Entscheidungen liest sich so, dass man die sieben Mitglieder am liebsten sofort nach Minsk oder nach Astana schicken würde, oder wo halt sonst noch gerade unversöhnliche Parteien irgendetwas nicht auf die Reihe kriegen. Sieben ist ja auch so eine Zahl, in der Weisheit mitschwingt.

Ein Großer Preis der Jury (Silberner Bär) für „Félicité“ macht Sinn, aber konnte die Jury auch mit diesem tollen Auftritt von Alain Gomis (Bild) rechnen, der ein ganz anderes Flair in die Veranstaltung brachte? Ein Mann mit Dreads, der in Kinshasa gedreht hat, der die Musik liebt, und der offensichtlich ganz andere Dinge weiß als Aki Kaurismäki, aber man hat das Gefühl, sie könnten einander sofort verstehen. Oder die Koreanerin Kim Minhee, die in ihrer Muttersprache eine schöne (künstlerische) Liebeserklärung an Hong Sang-soo abgab, und die in „On the Beach at Night Alone“ intensiv der in den Filmen des finnischen Propheten häufig verwendeten Wahrheitsdroge zuspricht? Auch ein großer Moment.

Gerahmt wurde die Gala von osteuropäischen Frauen: Rumänien, Polen, Ungarn. Die Cutterin Dana Bunescu (Silberner Bär) wird dem Publikum vermutlich eher unbekannt sein. Wenn man sich dann aber die Liste ihrer bisherigen Titel ansieht, dann sieht man, dass sie im Grunde das gesamte rumänische Kinowunder seit den frühen nuller Jahren mitgeprägt hat. Multumesc mult, kann man da nur sagen! Und das war auch das, was Dana Bunescu gesagt hat. Agnieszka Holland (Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis für „Spokot“, „Fährte“) brachte ihre Tochter und Regiepartnerin Kasia Adamik mit auf die Bühne, die wiederum ihre Frau grüßte. Und dann kam der Auftritt von Ildikó Enyedi. Ihr Film „On Body and Soul“ war früh gelaufen auf dieser Berlinale, und blieb dann auf eine interessante Weise da. Es waren keine großen Worte, die Ildikó Enyedi machte, aber sie sagte etwas Grundsätzliches über die Kunst: prophetisch wird ein Werk erst, wenn es ihm gelingt, das Publikum in Zungen sprechen zu lassen. Jetzt bin ich natürlich sehr, sehr gespannt auf diesen Film, aber ich muss mich in Geduld üben, denn ich habe ihn auf dem Festival versäumt. Sollte sich dann aber erweisen, dass ich für ihn taub bin, kann ich immer noch einen Kaugummi nehmen und ihn auf die Erinnnerung an diesen seltsam stimmigen Abend kleben.

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