Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Will Smith for President?

Drei Filme am Tag. Will Smith, der in der Wettbewerbsjury sitzt, findet das viel. Er will früh ins Bett gehen, um für die Vorstellung um halb neun Uhr morgens frisch und ausgeschlafen zu sein. Gute Idee! Aber unwahrscheinlich. Der letzte Film ist häufig erst gegen halb eins durch.

Vermutlich war ich inzwischen zwölf Mal in Cannes. Es spielt aber keine Rolle. Die Anspannung ist jedes Jahr wieder da, jedes Jahr wieder die Neugierde auf das, was kommt, jedes Jahr wieder die Frage, wie lange es dauern wird, bis das Aufstehen morgens für genau die Vorstellung um halb neun schwierig wird, die auch Will Smith Respekt einflößt. Als ich einem jungen Kollegen vor der Abreise erzählte,  das Ganze sei auch eine sportliche Übung, fragte er: Übung für was? Kommt noch der Ernstfall?

Nein. Dies ist der Ernstfall. Vier Filme am Tag, zwölf Tage lang, macht 48. Dann hätte ich alles gesehen, was ich sehen möchte, sehen müsste. Vermutlich schaffe ich 45. Vielleicht auch nur vierzig. Selbst die sind noch eher sportlich. Will Smith erzählte auf der Jury-Pressekonferenz: „Drei Filme am Tag habe ich zuletzt in der Highschool geschafft.“ Wenn er durchhält, was er muss, hat er am Ende 36 gesehen, was ganz unwahrscheinlich ist, denn im Wettbewerb laufen nur achtzehn.

© AFP PHOTO / LAURENT EMMANUELDie Jury der 70. Filmfestspiele von Cannes stellt sich der Presse.

Will Smith beherrschte diese Pressekonferenz übrigens, als gebe es keinen Präsidenten über ihm. Gibt es aber. Pedro Almodóvar. Er hatte ein Statement vorbereitet, dass er auf Spanisch verlas, und darin ging es – vor allem um Netflix. Der Streamingdienst hatte ja schon die Diskussionen vorher beherrscht, weil hier zwei Filme laufen, die direkt an die Abonnenten und nicht erst in die französischen Kinos kommen. Wenn es nach Almodóvar geht, haben sie hier keine Chance auf einen Preis. „Die Größe des Screens sollte nicht kleiner sein als der Stuhl, auf dem der Zuschauer sitzt.“ Und er fügte hinzu: „Man muss sich klein und bescheiden vor den Bildern fühlen.“

© AFP PHOTO / LOIC VENANCEWill Smith mit Jessica Chastain und dem Jury-Präsidenten Pedro Almodovar im Freien

Unwahrscheinlich, dass er damit die Generation der digital natives erreicht, aber sei`s drum. In Cannes kann man alles sagen, was Respekt vor den Filmen, vor dem Kino, vor der Tradition der bewegten Bilder zeigt. Und es ist zu vermuten, dass vor der riesigen Leinwand im großen Saal des Festivalpalasts selbst Will Smith sich klein, möglicherweise sogar bescheiden fühlen wird. Vielleicht auch angesichts der vollständigen Reihe von Arthouse-Filmen, die das Programm dieses Jahr zeigt. „West Philadelphia“, sagte Smith dazu,  der dort aufgewachsen ist, „ist sehr weit weg von Cannes.“

Netflix wird Thema bleiben. Hoch über der Croisette, am besten Platz für solcherlei, direkt gegenüber dem Festivalpalast, hängt dieses Plakat.

Wie der Film ist, werden wir am Freitag wissen. Die Besetzung ist vielversprechend, der Regisseur („Snowpiercer“) auch. Dazu hat sich Will Smith nicht geäußert. Aber er findet Netflix super, das wollte er auf der Pressekonferenz schnell noch gesagt haben. Wobei es genau genommen darum ja gar nicht geht.

 

11