Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

„Okja“, der erste Netflix-Film

© HANDOUT/REX/ShutterstockSeo-Hyun Ahn in einer Szene aus Bong Joon Hos Film „Okja“

Falsches Format! Das ist in Cannes schon eine Art Supergau und passiert fast nie. Ausgerechnet bei „Okja“, dem Netflix-Film, über dessen Start im Wettbewerb hier schon so ausführlich gestritten wurde, passierte es am Morgen in der ersten Vorführung, die vor allem von der Presse besucht wird. Tilda Swinton erschien auf der riesigen Leinwand unter einer weißen Perücke mit Zahnspange im Mund, aber ihre obere Kopfhälfte kam nicht ins Bild. Der Vorhang war superweit für das extreme Breitwandformat geöffnet, das der Koreaner Bong Joon Ho unverschämter Weise für seinen Film, der für deutliche kleinere Abspielflächen gedreht ist, gewählt hat, aber wir sahen nur einen Teil davon. Geschrei und Getrampel der Kritiker, die vorher das Netflix-Logo feixend begrüßt hatten, schließlich Ende des ersten Versuchs, Saallicht, ein ratloser Techniker auf der Bühne, und schließlich das Ganze noch einmal von vorn.

Fehlstart also? Nicht wirklich. „Okja“ ist ein Film, der fürs Kino spricht, und der sich nicht nur im Format cineastischer Mittel bedient, verschiedene Verfolgungsjagden inklusive. Passt das Riesenschwein, um das es geht, überhaupt auf einen Smartphonescreen? Es ist jedenfalls ein ziemlich gewaltiges und zu einigen Gefühlsregungen, die sich in seiner faltigen Elefantenhaut abzeichnen, fähiges Tier, auch wenn es vollständig aus dem Labor kommt. Mit der Gestalt einer Kreuzung aus Nilpferd und Nashorn ohne Horn, dafür ungefähr vierfach vergrößert, nimmt es, vollständig im Bild, fast die halbe Leinwand ein.

Es gibt nicht viele Filmemacher, von denen ich die Geschichte von einem kleinen Mädchen in den südkoreanischen Bergen sehen wollte, das ihr freundliches Monsterschwein vor der Firma, die es entwickelt hat, retten will. Keinesfalls von Steven Spielberg! Vermutlich ist Bong Joon Ho seit seinem Film „The Host“ überhaupt der einzige, dem ich in dieser Hinsicht vertraue. Und er hat mich nicht enttäuscht. Okja und das Mädchen Mija, das ihn großgezogen hat, sind zart und roh miteinander, Mija klettert dem Schwein zum Beispiel ins Maul, um ihm mit einem Schrubber die Zähne zu putzen, und reibt seinen Bauch, um es zum defäkieren anzuregen, was immer funktioniert. Okja wiederum bringt es fertig, sich selbst in einen Abgrund zu stürzen, um mit einem Hebeleffekt seine Freundin vor dem Absturz zu retten. Das Schwein ist nämlich nicht nur groß und manchmal zärtlich, sondern auch klug. Dass es in New York als Aushängeschild einer neuen, angeblich vollkommen natürlichen Zucht zur Beseitigung des Hungers auf der Welt und zum Wohl der Firma, der Tilda Swinton vorsteht, auf einer Parade vorgeführt werden soll, was eine Gruppe von Tierschützern mit allen Mitteln zu verhindern sucht, macht aus der ländlichen Idylle einen Großstadtthriller. Am Ende wird das Fest für die Firma ein Marketingdesaster, aber wie die neue Chefin, gespielt ebenfalls von Tilda Swinton, sagt: „Die Leute werden das vergessen. Wenn es billig ist, essen sie alles.“ In einem Lager hinter Elektrodraht warten Tausende dieser Kreaturen auf die Schlachtung. Unwahrscheinlich aber, dass nach diesem Film noch irgendwer unschuldig in einen Jerky beißt. Gemüse für alle, so sieht es am Ende aus.

Mit Netflix zum ersten Mal beim Festival gab es auch die erste Netflix-Party. Ein Cocktail am Nachmittag, wie das hier so ist, mit Martinis und Champagner und sehr kleinen, offenbar mit der Pinzette dekorierten Häppchen. Die Location war noch nicht aus der ersten Liga, ein kleiner Hof in einer Seitenstraße der Croisette, der aber unter einer Croisette-Adresse geführt wird. Am Ende der Straße liegt offenbar ein Parkplatz für die Limousinen, mit denen die Ehrengäste des Festivals aus den großen Hotels abgeholt werden, jedenfalls herrschte reger Verkehr in der Gasse. Ich ging nur hin, weil ich hoffte, einen Netflix-Verantwortlichen dort zu treffen, einen Gastgeber sozusagen, der mir möglicherweise die Frage beantworten könnte, die ich mir stelle, seit der Ärger und die Diskussionen um die beiden Netflix-Filme im Wettbewerb losgingen: Wenn Netflix seine Filme nicht ins Kino bringen will, warum will es dann auf ein Festival, das sich dem Kino verschrieben hat?

Leider war niemand da, der die Frage beantworten konnte. Eine kleine Gruppe mit den entsprechenden Firmenschildern um den Hals war aus Australien gekommen und schien vor allem aneinander interessiert zu sein. Die einzige Auskunft, die ich bekam, klang auswendig gelernt, kurz gefasst, wie: Imagetransfer.

Nachdem „Okja“ jetzt gezeigt wurde, wüsste ich lieber: Warum macht Netflix solche Filme, die doch im Kino so viel besser aufgehoben wären? In diesem Format, mit einem solchen riesigen Schwein, das vielleicht, ginge es in die Filmgeschichte ein, mit E.T. eine Familie gründen könnte?

 

 

 

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