Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Glamourkrise in Cannes?

© AFP / Anne-Christine PoujoulatDer rote Teppich am Festivalpalast vor der Premiere von „The Square“ am Samstagabend

Wo sind die Stars? Bange Frage an der Croisette, weil die Kategorie George Clooney und Jennifer Lawrence fehlen, stattdessen Claes Bang und Adèle Haenel den roten Teppich entlang laufen. Und ein paar Dauergäste natürlich, die aus anderen Gründen hier sind, Modeleute, Gäste der Sponsoren, Moderatoren der großen Galas wie jener jährlichen Aids-Gala am Samstagabend, die lange von Sharon Stone moderiert wurde und zu der erstmals aus Sicherheitsgründen alle Wege für Zuschauer und Paparazzis gesperrt sind. Ein paar alte Playboys soll es auch noch geben, hier und drüben in Antibes.

Mir sind diese Dinge völlig einerlei. Und da in diesem Jahr keine Studiofilme aus Hollywood im Programm sind – eine Entscheidung eher der Studios als des Festivals -, ist es nicht verblüffend, dass auch die Leute nicht hier sind, die in ihnen zu sehen wären. Es herrscht also gewissermaßen eine Glamour-Krise in Cannes, und das kann einen doch ins Grübeln bringen. Vor allem in Verbindung mit all den alten Fotos der Stars von damals, die jetzt ausgepackt werden, weil dieses Jahr ein Jubiläumsjahr ist.

In den täglichen Magazinen sehen wir Bilder der Stars von damals und lesen Listen der Filme, die vor langer Zeit gewonnen haben. „Blow Up“ 1967, da hieß die Goldene Palme noch Grand Prix du Festival. „Taxi Driver“ 1976. „All that Jazz“ eine halbe Goldene Palme 1980, die andere Hälfte ging an „Kagemusha“. Dazu schwarzweiße Fotos von Raquel Welch etwa in einem braven Glencheck-Kostüm, am nächsten Tag von Mel Gibson und Sigourney Weaver, die zusammen in dem ziemlich gut in der Erinnerung erhaltenen „Year of Living Dangerously“ zu sehen waren.

Warum ich das hier erzähle? Weil manche der Stars von damals immer noch aktiv sind, aber nicht so aussehen, als wären vierzig Jahre vergangen. Aber natürlich auch nicht mehr so wie damals, sondern irgendwie alterslos gespenstisch. Andere, jüngere, mit denen ich aufgewachsen bin und die mit mir altern sollten, haben ihre Züge gänzlich aufgegeben, wo Härten und Kanten waren, sind jetzt runde Bäckchen. Und natürlich überall dicke Lippen, es ist zum Heulen.

Die Stars aber von damals waren nicht nur damals jung. Sie banden auch ihr Publikum. Sie waren Teil des Lebens ihrer Zuschauer, weshalb Glencheck von Rachel Welch gut gewählt war. Was ich sagen will, ist dies: Dem Kino ist eine Bindungskraft abhanden gekommen, das wird in diesem Jahr ganz besonders deutlich. Die Rituale des Glamours, die in Cannes so lange funktionierten, verlieren immer mehr ihre Strahlkraft. Was kann an ihre Stelle treten? Welche Gefühle, welche Gedanken, welche neuen Rituale der Vergewisserung? Das sind die Fragen. Antworten werden im Augenblick nicht gegeben. Vielleicht später im Festival.

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