Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Wird Clint Eastwood überschätzt?

© Reuters/Stephane MaheWelchen Einfluss hat er auf das Gelingen seiner Filme? Clint Eastwood in Cannes

In einer Viertelstunde kommt Clint Eastwood, und ich bin erst auf halber Treppe. Weiter geht es nicht. Zu viele Menschen. Kein Weiterkommen. Eine Sicherheitsdame nimmt mich unter den Arm und zieht mich durch die Leute, weil ich eine Karte habe, die mir den Zutritt erleichtert. „Warum kommen Sie so spät“, fragt sie schnaubend, aber freundlich, inzwischen eine Treppe und hundert Menschen weiter. „Die Leute stehen schon seit zwei Stunden an!“ Der Saal ist randvoll. Keine Luft. Ein Platz ganz hinten, ganz oben. Glück gehabt.

Überall steht man in diesem Jahr. Überall Trauben von Menschen, obwohl das Festival leerer scheint und der Ort allemal. Am Wochenende konnte man auf der Rue d`Antibes stehen bleiben und einen Augenblick mit einem Bekannten plaudern, ohne umgerannt zu werden. Wann ging das zum letzten Mal?

Die Menschenansammlungen an den Nadelöhren des Festivals haben teilweise mit den erhöhten Sicherheitsvorkehrungen zu tun, dem Gang durch den Metalldetektor, die Taschendurchsuchungen, manchmal drei vor einem Eingang. Gestern fing die Polizei schon eine Ecke vor dem Festivalpalast an. Treppen und Gänge verstopfen aber auch, weil das Festival sich mit Prominenten schmückt, die eine Masse von Leuten anziehen, ohne dass die Sache sich lohnen würde. Manchmal erfolgt die Einladung aus lächerlichem Anlass, wie einem 18 Minuten langen Kurzfilm von Kristen Stewart, der den Betrieb gut eineinhalb Stunden aufhielt, weil er offenbar im Kurzfilmprogramm untergegangen wäre und deshalb einfach mit gewaltigem Puffer zwischen zwei normale Vorstellungen geschoben wurde, was der zweiten zumindest nicht gut tat.

© Handout/Coop99Film/Festival de Cannes/dpaSzene aus Kristen Stewarts Kurzfilm „Come Swim“

Oder eben aus Anlass einer sogenannten Master Class mit dem alten Freund Eastwood, die dann nicht mehr war eine öde Plauderei über seine Filme und ob sie erfolgreich waren oder nicht. Angesichts dessen, dass die Amerikaner hier ununterbrochen Nachrichten schauen oder hören oder sich erzählen lassen, was zu Hause los ist, in vollständiger Fixierung auf Reden und Taten ihres neuen Präsidenten, wäre eine Frage nach dem Zustand des Landes nicht allzu frech gewesen. Nicht, um politische Meinung abzufragen. Wir wissen ja alle, dass Eastwood Obama hasste und Trump unterstützt. Aber im Sinn von: Sie machen Filme über Amerika, Sie haben Western gedreht, Sie haben seit den sechziger Jahren an der großen Erzählung des Landes mitgestrickt, was sehen Sie heute? Doch nichts dergleichen wurde gefragt.

Eine Sache aber erfuhr man dann doch. Eastwood probt nicht. Er lässt die Schauspieler gern improvisieren, und wenn eine Einstellung beim ersten Mal klappt, macht er gleich weiter und dreht nicht etwa noch eine Wiederholung oder zwei oder fünf, um zu probieren, ob es besser geht. Könnte es sein, er ist als Regisseur überschätzt? Und die Schauspieler inszenieren sich selbst? Wenn sie gut sind, wird auch der Film prima, im anderen Fall eben nicht. In beiden hätte Eastwood gar nicht viel damit zu tun?

Zum Ärgern sagte er dann doch noch, Amerika sei auf dem Weg, durch political correctness seinen Humor zu verlieren. Yeah.

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