Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Die Palmen sind vergeben

© AFPDer schwedische Regisseur Ruben Östlund mit seiner Goldenen Palme

Leider kann die Jury bei der Preisverleihung nicht plötzlich den Film des Festivals aus dem Hut ziehen, den wir vorher nicht gesehen haben. Sie muss damit arbeiten, was da ist, und das war in diesem Jahr nicht so viel.

„The Square“ von Ruben Östlund gewinnt also die Goldene Palme. Empörung? Nein. Begeisterung? Auch nicht. Es war einer der passablen Filme des Jahrgangs, obwohl er seine Themen – Verlust des Vertrauens im öffentlichen Raum, die Hilfslosigkeit moderner Kunst, wachsenden Narzissmus und so weiter – mit enervierender Deutlichkeit in seine Zuschauer hämmert. Aber der Film hat auch starke Momente und in Claes Bang einen Hauptdarsteller, auf den er sich verlassen kann. Auch wenn die Szene, in der der Chefkurator auf der Suche nach einem Notizblatt im Müll wühlt und das Ganze als Persiflage auf eine Installation inszeniert ist, die Frage aufkommen lässt, was der Regisseur gegen Kunst hat. Er versucht sich doch selbst daran.

Das also ist die Goldene Palme in diesem Jahr. Wir können nicht wissen, durch welche Händel sie zustande gekommen ist. Ganz offensichtlich aber ist, dass es in der Jury Stimmen gab, die Nicole Kidman auszeichnen wollten, die für ein paar Tage omnipräsent im Festival war. Aber die Palme für die weibliche Hauptrolle konnte es nicht sein, denn sie sollte Diane Kruger für Fatih Akins „Aus dem Nichts“ bekommen, und das ist auch gut so. Sie trug den Film über manche Untiefen auf sein erschütterndes Ende hin.

Für Nicole Kidman wurde also extra ein Preis geschaffen, der nur in diesem Jahr vergeben wird: Der Preis des 70. Jubiläums (oder müssen wir mit dem Preis des 71. im nächsten Jahr rechnen?). Will Smith trug das vor, weil Nicole Kidman bereits abgereist war. „Das würde sie jetzt machen“, sagte er am Podium und zog den Kopf zwischen die Schultern. Schniefte ein wenig. Hob zwei Finger an die Nase. Schaute von unten hoch und rief wie unter Tränen: „Really! Me?“ Es war sehr komisch.

© NOGIER/EPA/REX/ShutterstockWill Smith als Nicole Kidman: Eine überzeugende Darstellung.

Really? Me? Das war, ohne dass wir es hören konnten, auch die Reaktion von Joaquin Phoenix, der für seine Tour de Force-Performance in „You Were Never Really Here“ von Lynne Ramsay den Darstellerpreis bekam. Er zögerte, sich überhaupt zu erheben, tat das dann aber doch langsam, schaute auf seine Schuhe, die Turnschuhe waren, und lief zur Bühne. Er war tatsächlich verdattert: „Sie sehen es ja an meinen Schuhen, in denen wollte ich nachher fliegen.“ Oben trug er Smoking. Es war der zweite Preis für den Film von Lynne Ramsay, die zuvor eine Palme für das beste Drehbuch gewonnen hatte, was dafür spricht, dass hier jemand in der Jury getröstet werden sollte, der ihn für würdig hielt, die Goldene Palme zu gewinnen.

Was heißt hier würdig. Auch Lynne Ramsays Film, der am Freitag Abend als allerletzter im Wettbewerb lief, hat erhebliche Schwächen. Auch er ist vollgepackt mit Themen wie Missbrauch, Posttraumatischem Stress, Politikern, die Sex mit Kindern haben. Und Joaquin Phoenix räumt auf. Er benutzt dazu einen Hammer. Preis: 16,99 Dollar im Baumarkt. Eine intensive Darstellerleistung ohne Frage. Gut zu sehen, dass Joaquin Phoenix inzwischen wieder sich selbst ähnlich sieht. Im Film ist er ungeheuer fleischig und muskulös, so dass einem Angst um ihn werden kann.

Es wäre eine zumindest interessante Wahl für die Goldene Palme gewesen, hätte die Jury den Wunsch verspürt, zum zweiten Mal in der siebzigjährigen Geschichte des Festivals eine Regisseurin auszuzeichnen. Sophia Coppola gab sie für „Beguiled“ immerhin den Regiepreis, wobei ich darüber mit den Regisseuren in der Jury gern diskutieren würde.

Ein schwaches Festival kann keine strahlenden Sieger küren – außer Diane Kruger und Joaquin Phoenix, den beiden Darstellern mit Palmen, die aus ihren Rollen mehr als das Beste gemacht haben.

© APLinks nun die echte Nicole Kidman, in der Mitte die Regisseurin Sophia Coppola, rechts Kisten Dunst: Für „Beguiled“ gab es immerhin den Regiepreis.
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