Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Pferde (und Leute) auf der Flucht

© AFP Photo / Tiziana FabiCharlie Plummer und Chloe Sevigny bei einem Fototermin für „Lean on Pete“ in Venedig

Als der Name des Regisseurs Andrew Haigh im Vorspann zu seinem Drama über einen Jungen, ein Pferd sowie mehrere Arten von Tod, Verlust und Elend, „Lean on Pete“, auf der Leinwand erscheint, klatscht die Kritik im Darsena-Saal auf dem Lido von Venedig noch entschiedener, als sie vorgestern beim Namen von Paul Schrader geklatscht hat. Kritik mag Filme, bei denen man vom ersten Bild an weiß, wer sie gemacht hat, denn Kritik signiert ihre Urteile gern mit Namen und weiß sich daher auch gern einem signierten Ding gegenüber, daher die Freude an künstlerischer „Handschrift“.

Die von Alexander Haigh ist nicht ostentativ, stellt sich nicht aus, zu groß ist sein Respekt vor den Gestalten, die er begleiten will, damit sie ihm etwas darüber verraten, wie es möglich ist, dass Menschen, die doch nie eine andere Seele so gut kennen können wie die eigene, dennoch andere finden und brauchen. Haigh hat einen Film darüber gemacht, wie ein liebesentwöhntes Gemüt von der Liebe geöffnet wird („Weekend“, 2011) und einen darüber, wie Zuneigung sich sehr lange gegen das Versanden und Erschlaffen von Leidenschaft behaupten kann, selbst dann, wenn sie sehr spät noch einmal grundsätzlich in Frage gestellt wird („45 Years“, 2015).

In „Lean on Pete“, seinem Beitrag zum diesjährigen Wettbewerb in Venedig, geht es teils behutsam zu, teils brutal: Ein Vater und sein Sohn scherzen beim Frühstück, die Kamera schaut das ganz schüchtern, halb hinter der Tür an, aber nicht aus Verklemmtheit, denn später zeigt sie ohne Sicherheitsabstand, wie böse es bei Wohnungslosen zugehen kann, wenn der eine dem andern sein bisschen Geld stiehlt und jener es sich mit Gewalt zurückholt.  Der Bestohlene ist ein Teenager, für den Haighs Besetzungsintelligenz ein offenes, schutzloses und vor lauter Potential noch in der größten Not ultracharismatisches Schauspielergesicht gefunden hat, den jungen Charlie Plummer, der, obwohl das, wenn man es so hinschreibt, ganz unmöglich aussieht, die verletzliche Lauterkeit des frühen River Phoenix und den hintergründige Charme von Chad Michael Murray auf sich vereinigt.

Den ganzen Film über versucht er zu entkommen, dem Schicksal, dem Zufall, vielleicht sogar dem Film, aber dabei findet er mehr und mehr heraus, das er selbst bestimmten kann und muss, ob diese Flucht eigentlich ein Ziel hat und wenn ja, wie es heißt. Die ländliche Öde und städtische Trümmergesellschaft, die Haigh zeigt, sind amerikanische Gegenden, Europa ist zu klein für diese Ausblicke auf Ewiges und Zeitloses – einmal steht der Junge mit dem Pferd, dessen Name der Titel des Films ist, zwischen lauter grünen Sträuchern, und man staunt (wie öfter über sehr vieles in diesem Film, der gute Aussichten auf einen der Preise hat, welche die Jury vergeben wird), dass etwas, das so grün ist, dennoch eine Wüste sein kann.

Vielleicht, ahnt man da, kann die ganze Welt eine Wüste sein, überall, vielleicht liegt so etwas nicht an der Welt, sondern an den Menschen, die sie sich und einander entweder wohnlich machen können oder unbewohnbar.

Von dieser Ahnung handelt auch „Human Flow“ von Ai Weiwei, eine fast zweieinhalb Stunden lange Dokumentation über Flucht, Verfolgung, Grenzen, die den Künstler und Filmemacher an die mexikanisch-nordamerikanische Grenze, nach Berlin/Tempelhof , Bangladesch, Jordanien, Gaza und noch manch andere Orte führt, die Fernsehmagazinredaktionen gerne „Brennpunkte“ nennen. Der Film ist mit deutscher Beteiligung entstanden, der Künstler spricht darin einmal von seinem Studio in Berlin, Frau Merkels „Wir schaffen das“ kommt vor, und zu den Quellen der Meldungen, Überschriften, Meinungen, die immer wieder eingeblendet werden (wie auch Gedichtzeilen persischer oder kurdischer Dichter aus allen Zeiten, außerdem Statistiken und Namen von Interviewten samt deren Titeln und Funktionen) gehören viele deutsche Medieninstanzen, vom „Spiegel“ bis zur „Zeit“.

Man sollte vielleicht gar nicht erst fragen, ob dieser Film, der wie Haighs „Lean on Pete“ in der Hauptkonkurrenz von Venedig steht, ein guter Film ist, er will ja viel lieber auch eine gute Tat sein – deshalb ist sich Ai Weiwei auch nicht zu schade, sich selbst dabei zu zeigen, wie er einer Frau, die sich vor Kummer über die schrecklichen Erfahrungen, von denen sie erzählt, übergeben muss, einen Eimer reicht. „Human Flow“ ist das Selfie eines Samariters, es sei ihm gegönnt, denn was hier darüber gesagt und davon gezeigt wird, wie dringend es ist, die Entscheidung zwischen verbohrtem Status-quo-Wohlstandsisolationismus und einer anderen als der vorhandenen Weltgesellschaftsverfasstheit zu wählen, ist völlig richtig, und falls es tatsächlich Personen gibt, die erst mit Unterstützung von Gedichteinblendungen und bei Frontalaufnahmen von zerstörten Lebensläufen kapieren, dass der wachsenden Ungleichheit und Instabilität der irdischen Verhältnisse keine noch so stark militarisierte Polizei an den Grenzen und zwischen ihnen wirksam begegnen kann, dann ist es sehr verdienstvoll von Ai Weiwei, diesen Personen genau das nahegebracht zu haben. Ein Gegenstand der Filmkritik ist so etwas aber nicht, wenn sie sich keinen moralischen Bruch heben will.

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