Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Eigenwerbung, Schmerz und Abscheu

Das Leiden an Gewalt, Unrecht und Angst ist ein großes Filmthema, fürs Dokumentarische wie fürs Fiktive. Der Wettbewerb in Venedig zeigt, wie schwer es ist, diesem Stoff gerecht zu werden.

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Ich werde die Szene nicht los – der Mann steht mir vor Augen, schiebt sich über alle anderen Gesichter von Verletzten, Verlorenen und Gekränkten, die dieses Festival reichlich bietet: Er zeigt Ausweise, seinen eigenen und dann einige von Familienangehörigen, er zeigt, wo sie begraben liegen, er erklärt das alles dem Film, in dem er vorkommt, einer Dokumentation, das heißt, sie sind wirklich auf der Flucht gestorben, und er ist wirklich dem Wahnsinn nah, und als er das Gefühl hat, dass das nun alles erklärt ist, sagt er dem Film, er möchte jetzt nichts mehr sagen, er kann nicht mehr, der Film, heißt das, soll ihn in Ruhe lassen. Das ist eine der anstrengendsten Szenen in Ai Weiweis „Human Flow“, einem Film, der riesige Probleme hat, weil Ai Weiwei dauernd darin herumläuft und für die Geflüchteten, um die es angeblich geht, immer ein Almosen oder einen guten Rat im Sack zu haben scheint, ein Dokumentarist ohne jede Distanz zu sich selbst, bei dem eine echte Leiche malerisch im Irak rumliegt, ein Künstler, dem es nicht unangenehm zu sein scheint, dass eins der palästinensischen Mädchen, die ihm davon berichten, wie eingesperrt und ohne Zukunft sie sich in Gaza fühlen, dabei ihr „ANDY WARHOL/ AI WEIWEI“-Buch festhält.

Man mache das Gedankenexperiment: Wenn in diesem Film, in dem so viel Richtiges und Wackeres und Notwendiges gesagt und gezeigt wird, an jeder Stelle, die in expliziter Form Werbung für Ai Weiwei macht, stattdessen Werbung für Coca Cola gemacht würde, fände man den Film dann nicht einfach zum Speien? Aber da ist dieser Mann, der seinen Schmerz weniger mitteilt und ausstellt als einfach nicht versteckt, wenn man ihn denn schon mit Kamera und Mikrofon belästigt, und an diesem Mann misst man von dem Augenblick an, in dem man ihn gesehen hat, die vielen erschöpften oder beschädigten Gesichter im Festival, sogar den blutbespritzen Matt Damon, der in George Clooneys neuester Regierarbeit „Suburbicon“ am Ende seinem kleinen Sohn am Küchentisch gegenübersitzt und sich seinen verbrecherischen letzten Plan nach lauter Mord und Totschlag, die Clooneys ausgezeichnetes Horrorkrimispielchen hart an die Tarantinogrenze zum übertriebenen Blutdurst peitschen, und Oscar Isaac im selben Film, der von vorne und in Großaufnahme sterben muss, nachdem er eine furiose Paradepartie als Versicherungsdetektiv hingelegt hat, der die falschen Leute provoziert – diese beiden leidenden Männer sind erfunden, aber sagt uns ihre Pein nicht etwas, das irgendwie zurückverweist darauf, warum es zwar nicht anständig war, dass Ai Weiwei den Nichterfundenen bis an den Punkt gefilmt hat, an dem der sich nicht mehr filmen lassen kann, aber doch richtig, insofern der Dokumentarfilm Dank dieser Szene mit seinem Stoff, dem Leiden, nicht fertig wird, nicht fertig werden kann, was ihn immerhin ehrt, als ein Ausweis von Wahrhaftigkeit?

Genauso wahr ist aber, dass man diesen von keinem Medium – Film, Schrift, Comic, was weiß ich – jemals einholbaren Abstand zwischen Schmerz und seiner Darstellung auch anders kommunizieren kann als so, wie Ai Weiwei das in seiner Gier nach der gütigen Geste des Zuwortkommenlassens tut, nämlich ohne tatsächliches Leid auszubeuten, fiktional – man muss sich nur das Gesicht, samt attraktiven Gentlemanwangenknochen, Salz-und-Pfeffer-Bart und tiefem Blick – des israelischen Schauspielers Lior Ashkenazi anschauen, wenn der als Vater eines vermeintlich, und dann doch nicht, und dann doch gefallenen israelischen Soldaten in „Foxtrot“ von Samuel Maoz auf der Toilette sitzt, die Welt nicht mehr versteht oder erträgt und „genug!“ brüllt, nachdem er den Hund getreten hat, weil leidende Menschen, weiß der Regisseur Maoz, eben nicht notwendigerweise edle Menschen sind.

„Foxtrot“ ist der bislang uneinheitlichste, der schiefste und verrutschteste Film im aktuellen Wettbewerb von Venedig, und eben deshalb ganz sicher einer der besten. Man könnte ihm politische Ungenauigkeiten vorrechnen, man könnte ihm sein allzu geschickt aus dem Hut gezaubertes Ende übelnehmen, aber wie diese stockfinstere Tragikomödie nicht zusammenpasst, wie da eine kurze Zeichentricksequenz, eine seltsame militärische-Niemandsland-Idylle und eine gleichermaßen von Woody Allen wie von Strindberg her gedachte Familienfürchterlichkeit aneinander vorbeigeschoben werden, so, dass ihr Gesamtzusamenhang nie im flachen Filmhochschulsinn stimmig wird, aber jedes Element die anderen als zwingende andere Seite der anderen Seite der anderen Seite der Geschichte beglaubigt – dies alles sagt nicht nur über den Kriegszustand in und um Israel mehr, als das jede Dokumentation könnte.

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