Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Lidolektüren

© ANSA/APGlücklich, wer da was zum Lesen oder zum Klicken dabei hat: Zuschauer warten auf den nächsten Film.

Anlass der Frage ist ein Film über die öffentliche Bibliothek von New York, mit dem sich der erfahrene Dokumentarist Frederick Wiseman dieses Jahr ins Rennen um die Löwen geworfen hat, das hundertneunzig Minuten lange Ding heißt „EX LIBRIS – The New York Public Library“, und die Frage, die es auslöst, lautet: Was liest man hier eigentlich auf dem Festival, in der Presseschlange, was liest man abends im Hotel, bevor man das Licht ausmacht, was liest man im Restaurant und was in der guten Viertelstunde zwischen Einlass und der Durchsage der freundlichen Altstimme, die Handys auszuschalten?

Früher gab’s hier kleine Briefkästen für alle Akkreditierten, in denen man sich mit der Codekarte regelmäßig Massen von frisch bedrucktem Papier abholen konnte, Werbung für Filme, die auf dem Fest gezeigt wurden, aber auch für Sonnenbrillen und Erzeugnisse anderer Sponsoren, und manche liefen dann den ganzen Tag mit dem Zeug rum, bevor sie kapitulierten und es irgendwo fallenließen; in den Haufen fand man dann noch am letzten Tag etwa Produktionsnotizen, die man in der eigenen Box zu früh gefunden und weggeschmissen hatte, dann aber, nach Inaugenscheinnahme des betreffenden Films, doch unbedingt haben wollte, weil der Film so gut war. Heute gibt’s die Kästen nicht mehr, oder ich habe sie an einem neuen Ort nicht gefunden, danach fragen wollte ich nicht, weil ich an den VARIETY-Heften und sonstigen Geschenken auf den drei Pressetischen, die’s dann doch gibt, genug zu schleppen habe, außerdem Bücher dabei, wie gar nicht wenige hier.

© ReutersFrederick Wiseman, Regisseur der Dokumentation „Ex Libris“ über die New York Public Library

Western oder Krimis sieht man keine, aber die gibt’s ja auch im Wettbewerbsprogramm, etwa das momentweise ganz drollige, überwiegend aber alberne bis affige Mafia-Musical „Ammore e Malavita“ der Manetti-Brüder  oder die in Australien angesiedelte, sehr gute, strikt moralische Westerntragödie „Sweet Country“ von Warwick Thornton (ziemlich preiswürdig). Was also wird gelesen? Diverse filmbezogene Biographien (Hitchcock, Clooney) sieht man da aufgeschlagen in der Schlange, außerdem Romane, meist nur vom Besten, Dostojewski auf Französisch, Pynchon auf Italienisch, manches gibt dann Anlass zu kleinen Gesprächen – mit meinen Japanern auf Deutsch (Junichiro Tanizakis „Die Schwestern Makioka“, schön dick, reicht ein paar Tage, und Shichiro Fukazawas „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lider“, schön dünn, leicht zu transportieren) gebe ich Anlass zu hilfreichen Fussnoten („Der Tanizaki ist verfilmt worden“, ja, stimmt, leider nie gesehen) und Vermutungen („Dann freuen Sie sich bestimmt schon auf den Film von Kore-Eda“, stimmt auch), aber als ich sehe, dass einer nicht nur nichts liest, sondern sogar noch in der Schlange, zwischen zwei Filmen, weitere Filme guckt, und zwar auf dem Handy, und sogar eine Komödie, die mit dem diesjährigen Eröffnungsfilm von Venedig, Alexander Paynes „Downsized“, motivisch einiges zu tun hat, nämlich „Honey, I shrunk the kids“ (1989), in dem Rick Moranis  sich mit einem Schrumpfstrahl an seiner Nachkommenschaft vergeht, fällt mir ein, was der Dichter Günter Herburger vor Jahrzehnten – ungefähr zu der Zeit, als ich auf die Welt kam – in der Erzählung „Kongs Kinder“ geschrieben hat: „Wenn ich an Filme denke, fallen mir die unterschiedlichen Maße von Kindern und Erwachsenen auf, das heißt, dass Kinder immer in einer Welt überdimensionaler Maße groß werden“ – eine Assoziation, die natürlich von den Abmessungen damaliger Kino-Erfahrungen lebt und Kindern nicht mehr einleuchtet, die Tolkiens beziehungsweise Peter Jacksons Zwergebergwerke und James Camerons Planeten Pandora  beim S-Bahn-Fahren in der Handinnenfläche halten können.

Zu Herburgers Zeiten, und noch als Moranis seine Kleinen verkleinerte, hieß es wie bei Herburger für Kinder wie fürs Bewusstsein des Kinopublikums: „Grobschlächtig gesagt, es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, sie müssen sich strecken“ – nein, müssen sie nicht mehr, aber nachlesen kann man’s immer noch, wie das war, und wenn man sich Dinge erschließen will, die es nicht mehr gibt, die aber noch archiviert sind, in Quellendokumenten, brauch man dafür nur das, was die Gesichter so schön macht, die in Wisemans „EX LIBRIS“ dabei gezeigt werden, wie sie alte Bücher studieren, Zeitungen auf Mikrofilm, Internetseiten oder Foto-Abzüge, die von der New Yorker Bibliothek allen Neugierigen bereitgestellt werden: Aufmerksamkeit.

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