Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

China wird uns alle kaputtfilmen

Das Gerücht von der bevorstehenden Eroberung des Weltfilmbusiness durch eine aufstrebende östliche Großmacht steht in voller Blüte.

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Am Straßenrand, im Freien, vor der Eisdiele, die auch Pizza kann – am Nebentisch sitzen Deutsche und führen das öde Gespräch, dem man sich auch dann, wenn man beim Weghören einigen Erfindungsreichtum aufwendet, in Venedig einfach nicht entziehen kann, es wird jedes Jahr viel zu oft geführt. Künstlerisch, ja, da müssten sich die Deutschen schon lange nichts mehr vorwerfen lassen, aber als Produktionsland, als Finanzierungsstandort, wie sähe es da aus? Jemand erwähnt Ai Weiwei, „ist ja praktisch Berliner“, und seine Dokumentation „The Human Flow“, „kann man ja als den deutschen Beitrag sehen dieses Jahr“, und ein anderer weiß: „Und bei dem Israeli hat das ZDF mitfinanziert“, „na, als Arte, nicht?“, fragt wer nach, „nein,“ berichtigt der Erste, „als ZDF.“ Sie meinen den wie ein Korkenzieher gegen sich selbst gedrehten, sehr seltsamen, faszinierenden Wettbewerbsfilm „Foxtrot“ von Samuel Maoz, aber die Hoffnung, das Gespräch könnte doch, wo diese bemerkenswerte Produktion schon mal drin vorkommt, jetzt eine Wendung nehmen hin zu irgendwas, das man lieber hört als die doofen Marktwirtschaftlersorgen, zerschlägt sich sofort: „Es wird zwar nicht mehr alles vom Geld der Amis erdrückt, aber jetzt kommen die Chinesen…“, „Ja,“ stimmt man eifrig zu, „dass der John Woo, der doch mal von Hong Kong nach Hollywood gegangen ist, jetzt wieder für China arbeitet und da den Film gemacht hat, der mit viel Tamtam hier jetzt Premiere feiert, wie heißt er noch, ‚Manhunt‘, genau…“  Statt dass man wenigstens den geheimen, aber durchaus würdigen filmischen Anwärter auf Preis und Ehre am kommenden Samstag diskutiert, den die Chinesin Vivian Qu (übrigens die einzige Frau unter den Filmschaffenden im Wettbewerb diesmal) in die Löwenkonkurrenz mitgebracht hat, „Jia Nian Hua“ (Engel tragen Weiß), ein karg instrumentiertes, aber in sich imponierend stimmiges Drama über eine Ermittlung gegen einen Würdenträger wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch zweier Schulmädchen und die besondere Rolle, die eine obdachlose junge Zeugin dabei spielt – für Leute, die unbedingt alles auf Wirtschaftsstandortfragen runterrechnen wollen, hätte sich als Diskussionsgegenstand ja beispielsweise die Tatsache angeboten, dass die coole und dennoch mit heißem Herzen engagierte Anwältin in diesem Film einen Volkswagen fährt (klar, spielt ja auch in einer Volksrepublik).

© AFPAi Weiwei (Mitte) mit dem Team seines Films „Human Flow“ in Venedig

Aber man redet hier eben nicht über diesen Film, sondern bevorzugt das Abrutschen in krudeste Empirie, denn einer hat chinesische Werbeheftchen dabei, die hier seit Tagen auf den Pressetischen rumliegen, direkt neben der Ankündigung irgendwelcher Ingmar-Bergman-Enthusiasten, man werde nächstes Jahr, zu Bergmans Hundertstem, mal richtig schlagend beweisen, dass der Mann ein Genie war. Die Deutschen reden jetzt darüber, dass und warum „La La Land“ in China ein Erfolg war, wie’s in diesen Heftchen steht, über die Lockungen des großen Marktes – elf Prozent Steigerung bei den Karteneinnahmen, jedes Jahr, seit Jahren! – über die Bereitwilligkeit der Chinesen, sich gerade auch andere als amerikanische Filme anzusehen (der wunderschöne japanische Zeichentrickfilm „Your Name“ hat umgerechnet mehr als achtzig Millionen Dollar in China eingespielt, „obwohl die Chinesen doch die Japaner gar nicht mögen, oder war’s umgekehrt?“) , außerdem auch noch darüber, wie viele Milliarden in irgendeiner Währung dies oder jenes dort verdient habe, und endlich sagt jemand die erlösenden Worte: „Also, das klingt jetzt vielleicht wie eine Verschwörungstheorie…“, und ab da dürfen alle, die sich solche Sorgen machen, so klingen, wie sie am liebsten klingen, wie eine Verschwörungstheorie halt. Wenigstens sind diesmal die Chinesen schuld; es hätte ja auch Israel sein können.

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