Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Alle Kreter sagen die Wahrheit

Pünktlich vor der Premiere von Christian Petzolds „Transit“ (Wettbewerb) habe ich heute den Roman von Anna Seghers zu Ende gelesen, auf dem der Film beruht. Eine Geschichte von europäischen Asylsuchenden in Marseille in der Zeit, in der Nazideutschland den Kontinent in westlicher Richtung mehr oder weniger vollständig in der Mangel hatte.

Ich zähle den Roman zu der zweiten Kategorie in meiner persönlichen, vierstufigen Unterteilung von Büchern. Die erste sind die, von denen ich es für ein Sakrileg halte, wenn man sie verfilmt. Das sind nur ganz wenige, genau genommen sind es sogar bis jetzt nur die „Jahrestage“ von Uwe Johnson. Da würde ich alles tun, damit sich niemand in meine persönliche Geschichte mit dem Text drängt, schon gar keine Schauspielerin, die ich mir künftig als Gesine Cresspahl vorstellen soll.

Die dritte Kategorie sind Bücher, die in erster Linie Rohmaterial sind. Also zum Beispiel die vielen Pulp-Thriller, aus denen Meisterwerke des Kinos wurden. Hat jemand einmal die Vorlage zu „Touch of Evil“ von Orson Welles gelesen? Eben. (Lohnt sich aber übrigens, der Autor heißt Whit Masterson.)

Die vierte Kategorie sind Bücher, die überhaupt nur in meinen Horizont treten, weil sie verfilmt wurden, und bei denen sich das zweifellos trügliche Gefühl habe, dass ich auf die mit der Verfilmung einhergehende Zumutung einer  Lektüre nicht eingehen werde. „Der Wolkenatlas“ wäre hier ein Beispiel. Bei „Das Parfum“ war ich inkonsequent. Vor dem Film habe ich ein paar dutzend Seiten gelesen, danach noch einmal ein paar – an dem Eindruck leeren Pomps schon im Buch hat sich dabei nichts geändert.

Die zweite Kategorie, zu der „Transit“ gehört, machen die Bücher aus, bei denen mir sofort einleuchtet, dass man sie sich als Film vorstellt, die konkret aber eine große Herausforderung darstellen. Zum Beispiel diese Stelle: „Und während er (ein Fremdenlegionär, BR) fortfuhr, betrachtete ich Mariens Gesicht, so still im Abendlicht. Sie musste schon tausend Jahre an diesem Fenster gesessen haben, (in kretischen und phönizischen Tagen), ein Mädchen, das vergebens nach seinem Geliebten späht, unter den Heeren der Völkerschaften, doch diese tausend Jahre waren vergangen wie ein Tag. Jetzt ging die Sonne unter.“

Bei dem Gedanken an Kreta und Phönizien war sich Anna Seghers selbst nicht so sicher, ob er da hingehörte, aber natürlich liegt da gerade der springende Punkt für eine Verfilmung: Denn man wird „Transit“ unweigerlich auf die nahe Vergangenheit von 2015 beziehen. Ich bin also sehr gespannt, ob sich der Film von aktuellen Erwartungshaltungen befreien kann.

Hier noch eine Stelle, die ich in die Vorführung mitnehme, um zu sehen, ob ich sie wiederfinde (natürlich nicht wortwörtlich-filmbildlich, sondern auf jene besondere Weise, in der sich ein großes Buch im Idealfall in einen großen Film verwandelt): „Es war ein stiller Entschluss, dem Zufall zu gehorchen. Doch schien sich der Zufall selbst zu wundern, wie sie da saß mit gesenktem Kopf und gesenkten Augen, in einer Ergebenheit, die ihm, dem Zufall, noch nie wiederfahren war und die er nur dem Umstand verdankte, dass er etwas anderem verteufelt ähnlich sah.“

Am Freitag habe ich dazu in einem ganz anderen Film ein passendes Zitat gelesen. Es stammt von Godard, und bezieht sich auf Tennis: „Das Kino lügt, der Sport sagt die Wahrheit.“ Das ist natürlich Blödsinn, hat aber einen Punkt, denn dahinter steckt etwas von dem Geist unserer Zeit. Zivilisation beginnt mit den imaginären Räumen, die beim Anblick einer Frau in Marseille an Kreta vor tausend Jahren denken lassen (eher dreitausend, aber gut). Dass bekanntlich alle Kreter lügen, führt dann mitten hinein in die Paradoxien, die man mit der Logik der Zahlen (das ist die Logik, in der im Sport die Wahrheit ausgedrückt wird) nicht erfasst. Die europäische „Flüchtlingspolitik“ der letzten Jahre könnte man in etwas als Versuch verstehen, Obergrenzen für lügende Kreter einzuführen. Die Kreter, die die Wahrheit sagen, die dürfen kommen, denn die gibt es nämlich nicht, wie schon Epidemides wusste (der es in Wahrheit natürlich besser wusste, wie übrigens auch Godard).

Das Zitat von Godard tauchte in dem großartigen Tennisfilm „L’empire de la perfection“ von Julien Faurat auf, der nur in zweiter Linie ein Porträt von John McEnroe ist. In erster Linie ist es eine Betrachtung darüber, ob und wie sich Sportereignisse verfilmen lassen. Ein Tennismatch dauert vom ersten Aufschlag bis zum Matchball, dazwischen ist kein Platz für Fiktion (ein anderes Wort für Lüge). Sobald man aber, wie es Julien Faurat tut, so ein Live-Ereignis hinterher noch einmal anschaut, notabene genauer, öffnen sich das ganze Spektrum zwischen „Wahrlügen“ (wie das ein französischer Theoretiker einmal so treffend genannt hat) und nackten Zahlen. Oder zwischen Ergebnis und Charakter (bei McEnroe besonders ergiebig).

Das Material, von dem Faurat ausgeht, diente ursprünglich vor allem dem Ziel, ein besseres Bild vom Tennis zu bekommen, mit dem Ziel, dass jemand danach besser Tennis spielen können sollte. Das ist jetzt nicht auf den ersten Blick das Material, von dem man sofort sieht, dass man damit an einen springenden Punkt der Kultur kommt, aber Faurat schafft es (spielerisch): Zahlen lügen nie, aber sie erzählen immer nur einen Bruchteil der Wahrheit.

Am Übergang vom zweiten zum dritten Berlinale-Tag formuliere ich deswegen schon einmal eine erste Prämisse, abgeleitet aus Filmen, die ich schon gesehen habe, und andere, die ich für heute gewärtige: Alle Afghanen sind Kreter und sagen die Wahrheit (vor allem, wenn sie vor tausend Jahren von Marseille über Oran nach Kuba wollten). Im übrigen sollte John McEnroe für alle Zeiten Asyl vor Linienrichtern bekommen.