Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Jede Familie hat ihre eigene Disziplin

Als der konservative katholische Jurist Kurt Waldheim 1986 in Österreich für seine Wahl in das Amt des Bundespräsidenten warb, da stand immer diese schwarzhaarige Frau neben ihm, wie aus dem Ei gepellt, das Lächeln kaum merklich (und deswegen noch weniger merklich, ob es ihr nicht eigentlich gerade gefror). Es war die „First Lady“ to be, davor schon zehn Jahre „First Lady of the World“, denn Kurt Waldheim war ja lange UNO-Generalsekretär. Damals sagte man noch UNO, und Wien war UNO-Stadt, und Waldheim machte bei seinen Reden immer diese Geste, die sagen sollte: Lasst mich in unserer Mitte der Uno sein.

Ruth Beckermanns „Waldheims Walzer“ (Forum) sollte man sicher in erster Linie als zeithistorische Studie sehen, als einen Prolog zu dem Zeitalter der Populisten, das damals in Österreich zwar nicht begann, aber stärkere Konturen annahm. Mir hat sich aber immer wieder das Familienporträt dazwischengedrängt. Das hat jetzt nicht direkt mit #metoo zu tun, indirekt aber doch, weil die Geschlechterbeziehungen so etwas wie den allgemeinen Interpretationshintergrund dieser Berlinale bilden. Elisabeth Waldheim stand aber auch so schon immer so auffällig schweigend (duldend? innerlich bebend? heimlich beinahe platzend vor Stolz auf ihren anständigen Gatten?) neben Kurt, dass man sie entweder nur übersehen kann – oder irgendwann nur noch auf sie schauen.

Sie hat dann auch irgendwann eine eigene Szene, eine typische Homestory-Szene, in der sie (der ganze Film kommt aus den Archiven) jemand durch das Quartier in New York führt, in dem die Waldheims residierten, als das Familienoberhaupt der UNO vorstand. Man kennt solche Szenen, der Film „Jackie“ (über die Kennedys im Weißen Haus) ist um eine solche Szene herum gebaut. Elisabeth Waldheim führt also durch die Gemächern, und dabei gibt es einen dieser Momente, bei denen man sich vorstellen kann, wie Ruth Beckermann, die Filmemacherin, bei ihrer Suche in den Archiven aufgejubelt hat: Ein Bild von Corot taucht auf.

Die Gattin erklärt es zum Lieblingsbild ihres Mannes (der natürlich keine Ahnung gehabt haben wird, welche interessanten Um- und vor allem Aufwertungen dieser Landschaftsmaler im Lauf der Jahre noch erfahren sollte; für uns Filmkritiker zählt da vor allem „L’heure d’été“ von Olivier Assayas). Und dann fügt sie noch eine Beobachtung hinzu: sie mag die Tiefenwirkung, die der Maler erzeugt hat. Das Bild zieht den Betrachter tatsächlich sehr geschickt hinein, man möchte sofort an das andere Ufer des Wassers promenieren, das hier so anmutig daliegt.

Im Grunde ist diese Bemerkung der Moment, in dem Elisabeth Waldheim #ichauch sagt. Ich bin auch noch da. Ich stehe gern Staffage für meinen Mann, ich lobe sogar seinen Kunstgeschmack, aber ich weiß wenigstens (besser als er), warum es ihm gefällt.

Die angedeutete Tragik ihrer Rolle, die in bürgerlichen Familien dieses Zuschnitts immer hinter der Fassade bleiben wird, wird dann indirekt in der für mich stärksten Szene von „Waldheims Walzer“ akzentuiert. Da ist Elisabeth, geborene Ritschel, verehelichte Waldheim seit 1944 (also in etwa seit Beginn der Gedächtnislücken ihres Mannes), nicht selbst im Bild, sondern der gemeinsame Sohn, ein Banker in Amerika, der vor einem Ausschuss für seinen Vater eintritt. Eine weitere Übung in Familiendisziplin, und sie scheitert ganz fürchterlich.

Den fünften Berlinale-Tag werde ich heute mit einem gesellschaftlichen Ereignis beginnen, indem ich Ulrike Ottinger die Ehre gebe: Die Grande Dame gibt traditionell einmal während des Festivals ein Frühstück, in diesem Jahr ist das Ereignis zusätzlich aufgewertet durch den Umstand, dass Ottinger Mitglied einer Jury ist – für den Glashütte Original Dokumentarfilmpreis. Danach werde ich in den Zoopalast fahren und versuchen, Marvin Kren bei den Drama Series Days des European Film Markets ein paar Worte über die zweite Staffel von „4 Blocks“ zu entlocken (über keine Serie wurde in meinem Freundeskreis mehr diskutiert als über diesen Versuch, in Neukölln die Sopranos zu finden).

Danach werde ich mir den für mich bisher besten Film des Festivals noch einmal im Kino ansehen: „Our Madness“ (Forum) von Joao Viana. Und am Abend gibt es die Pressevorführung des langen Wettbewerbsfilms: „In Zeiten des Teufels“ von Lav Diaz ist für die Verhältnisse dieses philippinischen Filmemachers mit nicht einmal vier Stunden geradezu ein Kurzfilm.