Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Vier Slots

Am Montagnachmittag habe ich einen Abstecher in ein Berlinale-Paralleluniversum gemacht. Mein Besuch galt dem European Film Market, der schon seit einigen Jahren ein wichtiges neues Kapitel hat: die Drama Series Days. 2017 war ja das Jahr, in dem die deutsche Filmbranche Kontakt aufnahm: „Wir können das auch“, heißt es seither, und vor allem zwei Serien werden immer wieder als Beleg dafür genannt, dass Deutschland das auch kann (also komplexe Geschichten geduldig und mit Sinn für verschiedene Formen von Spannung zu erzählen): „Babylon Berlin“ und „4 Blocks“. Das mit der Geduld würde ich in beiden Fällen gleich einmal einschränken, denn da wird schon ziemlich auf die Tube gedrückt.

Bei der Berlinale geht es auf jeder Ebene um Deals, aber im regulären Programm steht das nicht so im Vordergrund. Da werden die Filme erst einmal im Ruhe gezeigt, im Forum werden sie auch noch ausführlich mit den Machern diskutiert, und dann kommt es halt darauf an, welche Vertriebskanäle sich auftun. Die Drama Series Days hingegen sind eine reine Trade Show, moderiert von einem Englisch sprechenden Host, und mit einem eng getakteten Programm: in der Stunde von zwei bis drei Uhr wurden vier deutsche Serien vorgestellt, vier Slots mit je fünf Minuten Trailer und dann fünf Minuten Interview.

Ich war vor allem wegen Marvin Kren und „4 Blocks“ gekommen. Der gebürtige Wiener hat ja eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Vor vier Jahren war er noch ein klassischer Nerd, der mit seinem Alpenhorrorfilm „Blutgletscher“ sarkastisch die österreichische Nationalmythologie besudelte. Und jetzt steht er da vorn und behauptet frech: „Authenticity was our main goal to achieve.“ Die Antwort hat ihm der Moderator aufgelegt, der wissen will, ob das wirklich so wild ist mit den arabischen Familien in Neukölln.

Wenn man den Trailer zu der zweiten Staffel von „4 Blocks“ gerade gesehen hat, könnte man da nämlich ganz nervös werden. In den Hinterhöfen scheinen sich da nämlich nicht nur die Fintechs und die Steuerzentralen für schwer beladene Foodkuriere eingemietet zu haben, es gibt da wohl auch Abfüllstraßen für Drogen, mit denen sich locker die halbe EU versorgen ließe. Und der Stoff kommt auch noch aus Beirut. Es gibt in Berlin also eine Libanon-Connection.

Marvin Kren erzählt, dass er eigens an die Sonnenallee gezogen ist, um das mit der Authentizität auch sicherzustellen. Während die Polizei noch versucht, ihre Leute in den Clans zu platzieren, hat das deutsche Film- und Fernsehwesen längst seine Agenten vor Ort. Für die zweite Staffel, die dieses Jahr ausgestrahlt werden soll, hat Marvin Kren sich auf die Rolle eines Executive Producers zurückgezogen, Regie führt nun unter anderem Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“).

Die Aufbruchsstimmung muss bei den Drama Series Days nicht groß herbeimoderiert werden. Sie ist mit Händen zu greifen. Ein bisschen muss ich an den Fußball denken, wo sehr gut dotierte Fernsehverträge auch eine ganze Branche in eine Goldgräberstimmung versetzt haben.

Von etwas anderer Dimension waren die Deals, über die am Morgen in einer Kreuzberger Altbauwohnung gesprochen wurde. Aber auch bei dem Brunch von Ulrike Ottinger, bei dem vor allem Dokumentarfilmer und Intellektuelle zugegen waren, kam die eine oder andere denkbare Koproduktion zur Sprache. Die Gastgeberin war so freundlich, den Leserinnen und Leser der FAZ ihren bisherigen Lieblingsfilm auf der Berlinale vorzustellen: „Das alte Gesetz“ (1923) von E.A. Dupont, gezeigt in der Reihe Berlinale Classics.