Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Lichtwäsche

Die Berlinale sagt gern stolz von sich, sie wäre ein Publikumsfestival. Das ist zwar kein Alleinstellungsmerkmal, bei den meisten anderen Festivals ist das ganz genauso, nur Cannes ist da ein bisschen eigen, und in Venedig trifft man sich am Lido, da herrscht von vornherein eine etwas weltabgewandte Stimmung. In Berlin gibt es aber wirklich immer wieder ein erstaunliches Gedränge, und das sind eben die Momente, in denen richtig Festivalstimmung aufkommt. So war es auch am Donnerstagabend im Delphi bei der letzten Vorstellung des chinesischen Films „An Elephant Sitting Still„, einem Höhepunkt im diesjährigen Forum.

Ich hatte gestern dazu schon ein paar wesentliche Angaben gemacht: der erste und einzige Film des jungen Regisseurs Hu Bo, der sich mit 29 Jahren das Leben genommen hat und deswegen die Weltpremiere nicht mehr erleben konnte. „Hu Bo is no more“, sagte die Moderatorin am Donnerstag im Delphi. Stattdessen war ein Lehrer von der Filmhochschule in Beijing gekommen. Und die Mutter des Künstlers, die hoffentlich ein wenig Trost darin gefunden hat, wie das Publikum die vier Stunden von „An Elephant Sitting Still“ verfolgt hat, in einer Atmosphäre intensiver Konzentration, die zum Ende hin ein, zweimal  ganz leicht komisch gebrochen wurde. Der Film war mir von Bekannten als düster geschildert worden, in Texten war von „the bleakest movie ever“ die Rede. Da gibt es aber eben noch ein paar andere Facetten.

Durch die lange Dauer des Films hat man wirklich das Gefühl, man würde an einen anderen Ort versetzt. Hu Bo hat in Nordostchina gedreht, in einem Provinznest, die nächste größere Stadt ist anscheinend Shenyang. Die Lebensverhältnisse im heutigen China sind nicht zuletzt ein wesentliches Thema: die meisten Protagonisten leben schon in den neuen Wohntürmen, sind also buchstäblich ein bisschen aufgestiegen, haben es aber mit verstopften Klos und anderen Unzulänglichkeiten zu tun. Die Verkettung von Umständen, aus den Hu Bo seine Geschichte entwickelt hat, beginnt mit einem gestohlenen Handy, ein Schüler wird des Diebstahls bezichtigt, es gibt eine Rangelei, einer fliegt die Treppe hinunter, ein anderer läuft davon.

Einen erzählten Tag lang bleibt Hu Bo dann den Figuren dicht auf den Fersen: der Junge, der nun als Mörder gesehen wird, bereitet seine Flucht in die Nachbarstadt Manzhouli vor, wo ein Zirkus gastieren soll, der einen Elefanten dabei hat, der anscheinend nicht viel mehr tut, als still zu sitzen. Als utopisches Motiv, als Hoffnung auf eine Alternative zu der Trostlosigkeit des Lebens in unglücklichen Familien ist das eine eigenartige erzählerische Pointe, die Hu Bo aber am Ende brillant auf- und einlöst.

Als ich heute morgen ein Pressefoto zu „An Elephant Sitting Still“ herunterlud, staunte ich nicht wenig. Denn ich erkannte den Film nicht wieder. Hier ist das Bild. Zu sehen sind die beiden männlichen Hauptdarsteller. Die Szene wurde offensichtlich an einem sonnigen Tag aufgenommen. Der Film ist aber vor allem grau, er wirkte, als wäre alles Licht aus ihn hinausgewaschen worden.

Vielleicht ist das mit dem „bleakest movie ever“ also auch eine Frage der Projektion, oder der nachträglichen Lichtbestimmung vor der Erstellung des DCPs. Vielleicht ist das hier zu sehende Bild aber auch einfach ein Production Still, das bei den Dreharbeiten gemacht wurde, und erst der Film zeigt die Welt so, wie Hu Bo sie gesehen haben wollte. In jedem Fall ist die Kameraarbeit von Fan Chao herausragend: wie das das Bild oft förmlich an den Gesichtern der Figuren klebt, während daneben (in der Unschärfe) die Dinge passieren, die sich im Gesicht widerspiegeln, das ist pures Kino und zeugt von einem sehr heutigen Verständnis von visueller Kultur. Nicht von ungefähr geht es schließlich auch um ein Handyvideo, das in Gruppenchats kursiert, und ein Mädchen schwer kompromittiert.

„Die Filmindustrie in China will heute wie Hollywood sein“, sagte der Lehrer von Hu Bo anschließend, „und bald wird sie größer sein als Hollywood. Zum Glück gibt es ein paar junge Leute in unserem Land, die eine andere Vorstellung von Kino haben.“ Diese jungen Leute können sich nun an „An Elephant Sitting Still“ messen – einem Debüt, das zugleich ein Ende ist.