Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

Im Narbengelände

„Mela, Mela, Mela, Mela, Melancholia.“ Am vorletzten Tag der Berlinale hatte sich noch einmal ein Song in meine Synapsen gekrallt. Das raue Organ von Blixa Bargeld, der Weltuntergangsblues der Einstürzenden Neubauten. „Die Befindlichkeit des Landes“ heißt der Song, wir haben ihn mitgenommen aus Adina Pintilies „Touch Me Not“. Wir, das war die eine Hälfte der professionellen Zuschauer, die aus „Touch Me Not“ nicht vorzeitig hinausgegangen sind. Ich habe nur ein paar Filme aus dem Wettbewerb geschaut, aber vermutlich gab es keinen, der das Fachpublikum so polarisiert hat. Und ähnlich dürfte es sich nun wahrscheinlich auch mit der Entscheidung der Jury verhalten, die „Touch Me Not“ mit dem Goldenen Bären für den Besten Film ausgezeichnet hat.

Es würde Entscheidungen geben, die nicht so sehr ausdrücken, wie es um das Kino steht, sondern „wo’s vielleicht noch hingehen könnte“, hatte Tom Tykwer gleich zu Beginn der Zeremonie angedeutet, dass die Jury sich etwas vorgenommen hatte. Von ausführlichen Diskussionen war auch noch zu hören, „manchmal länger als die Filme“. Das Ergebnis ist auf jeden Fall das Gegenteil einer sicheren Bank.

In „Touch Me Not“ geht es vor allem um Berührungen, um die Sexualität behinderter Menschen, um einen umfassenden Begriff von Behinderung, um Urschreie und einen Swingerclub, über dem in leuchtenden Lettern des Wort INKLUSION stehen könnte. Eine rumänisch-deutsch-tschechisch-bulgarisch-französische Koproduktion, in der die Figuren Englisch sprechen, und in der ein deutscher Webdesigner aus Koblenz eine Hauptrolle hat. Christian Bayerlein hat die am deutlichsten sichtbare Behinderung in „Touch Me Not“, man denkt unwillkürlich an Stephen Hawking, wenn man ihn sieht, wie er nahezu vollständig auf Hilfe angewiesen ist. Bayerlein spricht völlig unbefangen über seine Lust, und Adina Pintilie zeigt auch ganz konkret, wie er sie erlebt.

Wo kann es mit dem Kino vielleicht noch hingehen, wenn man „Touch Me Not“ als Inspiration nimmt? Auf jeden Fall ist das ein Experiment, mit dem sich ein Gegenpol zu dem männlichen, mythologischen Erotizismus etwa eines Lars von Trier („Nymph()maniac“) zu erkennen gibt. Wäre die Jury ohne die intensive Begleitung des Festivals mit #metoo-Debatte ebenfalls zu dieser Entscheidung gekommen? Auf jeden Fall geht es in „Touch Me Not“ um Gesten und Übergriffe in einem genau ausgehandelten Raum der Intimität, also um das Gegenteil von Ausbeutung.

Die starke deutsche Beteiligung an Adina Pintilies Projekt bildete dann auch noch einen Akzent über einem auffälligen Umstand bei der Preisverleihung der 68. Berlinale: die vier deutschen Beiträge im Wettbewerb gingen sämtlich leer aus. Der Preis für die beste Regie ging an Wes Anderson, auch das eine deutlich „dezidierte“ Entscheidung. Billy Murray vertrat auf der Bühne den schon abgereisten amerikanischen Regisseur.

Der Silberne Bär Großer Preis der Jury ging an „Twarz“ von der Polin Malgorzata Szumowska, und damit an eine Filmemacherin, die von der Berlinale nun schon längere Zeit aufgebaut wird, und der man eines Tages ohne Weiteres einen „Goldenen Bären“ zutrauen könnte.

Die Platte „Silence is Sexy“ von den Einstürzenden Neubauten kam 200o heraus, das war auch das Jahr, in dem die Berlinale an den Potsdamer Platz übersiedelte, an jenen Marlene-Dietrich-Platz, dem Blixa Bargeld die Zukunft absprach – er sah in der gerade neu errichteten Mitte der Stadt schon wieder die künftigen Ruinen. Der Goldene Bär der 68. Berlinale ist zwar in das Weiß getaucht, das in Adina Pintilies „Touch Me Not“ die Leitfarbe ist, aber wie das oft so ist, das Ohr sieht mehr als das Auge, und Blixa Bargelds geflüsterte Prophezeiung „die neuen Tempel haben schon Risse“ endet schließlich in der Frage, mit der nun eigentlich die ganze Berlinale aufhört: „Was ist die Befindlichkeit des Landes?“