Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Ryan Coogler und der Schritt ins 21. Jahrhundert

Offenbar glauben einige Leute hier, es werde nicht genügend geklatscht. Thierry Frémaux zum Beispiel, der Direktor, hat sich angewöhnt, wo auch immer er auftritt mit den Armen so zu tun, als würde er Heu umschaufeln, damit das Publikum lauter, länger klatscht, bevor überhaupt irgendetwas passiert ist. Einfach so, um ihn und dann seine Gäste zu begrüßen.

Dabei brauchte er sich am Donnerstag Nachmittag, als er wieder diese Bewegung machte und richtig zu fuchteln begann, wirklich keine Sorgen zu machen, es würde vielleicht nicht genügend Begeisterung gezeigt. Ryan Coogler war gekommen, um mit Elvis Mitchell über seine Filme zu sprechen.

Drei hat er gedreht, einer größer als der nächste. Der letzte war „Black Panther“. Davor kam „Creed – Rocky`s Legacy“. Und davor „Fruitvale Station“. Ein Film nach einer wahren Begebenheit, der Erschießung eines jungen Mannes in einer Bahnstation durch die Polizei nämlich. Der zweite das Sequel der berühmten Boxerserie. Und dann die Comicbook-Adaption, mit der sich in Hollywood etwas grundsätzlich änderte: die Überzeugung, mit Filmen mit nahezu ausschließlich afrikanischen und afroamerikanischen Darstelllern ließe sich kein Geld verdienen. Inzwischen sind es 1,3 Milliarden Dollar. Coogler ist zweiunddreißig.

Deshalb findet er auch ganz normal, bisher immer mit Kamerafrauen gearbeitet zu haben, weil er nur die besten wollte. Dasselbe gilt für den Schnitt. Ein „Black Panther“- Spin-off mit rein weiblicher Besetzung? Das würde ihm gefallen. Die Frauen sind schon im jetzigen Film die stärkeren, und seine Lieblingsstelle ist jene halbe Stunde, in welcher der Held von der Bildfläche verschwunden ist. Das Frauenproblem in Cannes und anderswo ist auch ein Generationenproblem, das wird immer wieder deutlich, wenn die Jüngeren sprechen, die jüngeren Männer vor allem.

Direkt hinter mir in dem vollgepackten Saal saß Raoul Peck und lächelte. Mit seiner James-Baldwin-Doku „I`m Not Your Negro“ hatte er seinerseits für die Repräsentation schwarzer Haut auf der Leinwand gesorgt und dazu beigetragen, dass Baldwin und seine Bücher endgültig aus der Vergessenheit wieder auftauchten. Offenbar mag Peck den Black-Panther-Film und den Regisseur, jedenfalls lachte er manchmal und nickte.

Coogler ist geistreich, und er hat sich, trotz vermutlich aufreibender Marketingtouren rund um die Welt, noch nicht angewöhnt, seine Zuhörer mit Sprechblasen abzuspeisen. Er überlegte. Sagte „o man“, oder auch mal eine Weile gar nichts, um dann im Publikum jemanden zu begrüßen. Er hatte auch einige eingeladen, zum Beispiel sechzig Filmstudenten aus Paris, „die aussehen wie ich“, so sagte er, weil er oft die Erfahrung mache, im Publikum sähen alle anders aus. So war es auch mit den Gästen in einem „Disney approved“-Hotel in Kapstadt, wo er sich mit dem Personal anfreundete, das so aussah wie er, und in den Townships beobachtete, dass die Rituale dort ungefähr das sind, was er zu Hause eine home party nennt.

Wakanda, das afrikanische Utopia in „Black Panther“, ist die Phantasie eines Landes, das von Kolonialismus und Sklaverei unberührt geblieben ist. Was hätte sein können. Dazu spielt Musik, die verschiedene afrikanische Musiktraditionen zusammenführt. Wir alle haben das in diesem Film gesehen und gehört. Doch Coogler erzählte es noch einmal mit besonderer Betonung, führte den Ursprung der verschiedenen Welten in diesem Comic und seinem Film zurück auf die Erfahrung aller Schwarzen in der Diaspora, zwischen zwei Kontinenten zu leben und auf keinem zu Hause zu sein, trank dazu Wasser aus einem Champagnerglas und lachte dabei. Vielleicht auch über das viele Geld. Vor allem aber darüber, was er geschafft hat, dass er diese Phantasie auf die Leinwand bringen konnte und verstanden wurde. Elvis Mitchell nannte das den „entscheidenden Augenblick im 21. Jahrhundert“. O man, sagte Coogler zögernd.