Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Venedig

Nach 7 Jahren Bann: Wieder ein Film von Lars von Trier

Von vielen heiß erseht, von anderen eher kühl (meine Haltung), von dritten angstvoll erwartet: Nach sieben Jahren Festivalverbannung ist Lars von Trier wieder hier. Mit einem Serienmörderfilm. Typisch von Trier, der seinen Ruf als Skandalnudel pflegt? Der Film, außer Konkurrenz gezeigt, heißt „The House that Jack Built“, und er enthält neben sehr vielen Leichen und zahlreichen assoziativen Bezügen in die bildende Kunst und die Musik auch einige Referenzen ans eigene Werk. Nicht einmal für Selbstzitate aus Filmen, die in Cannes gelaufen sind, „Antichrist“ und „Melancholia“ (mit dem der Schlamassel begann) schämt von Trier sich, stellt er sie doch in den Kontext anderer großer Kunst wie den gotischen Kathedralen, der Barockmalerei oder Bach mit Glenn Gould.

Sehr verlockend schien es nicht, mehr als zwei Stunden lang aus der Perspektive eines Serienmörders, dessen Opfer im Presseheft Lady 1, Lady 2, Lady 3 und Simple heißen, auf die Welt und sein Tun in ihr zu schauen. Bei der Premiere haben das viele auch nicht ausgehalten und unter Protest, so wurde berichtet, den Saal verlassen. Geklatscht wurde dennoch am Schluss, wenn auch von nur noch halbgefüllten Rängen aus. Mit diesen Vorabinformationen ging am nächsten Morgen die Presse zu ihrer Vorstellung – bisher war es immer umgekehrt gewesen, bis sich die Produzenten so laut beschwert hatten, dass es geändert wurde.

© REUTERS/Regis DuvignauLars von Trier mit seinen Schauspielern auf dem Weg zur Premiere in Cannes

Gewarnt also von Premierengästen erwarteten am Morgen alle das Schlimmste. Aber es wurde nicht schlimmer als sonst. Teilweise unerträglich wie immer, heißt das. Teilweise von grandiosem Kitsch. Manchmal fesselnd, manchmal von tiefschwarzem Humor und ab und zu mit einer Ahnung gefüllt davon, was Menschen fühlen, wenn sie erkennen, dass sie gleich sterben müssen. Gebuht wurde am Ende nicht. Geklatscht verhalten. „Hit the road, Jack“ lief über dem Abspann, und es wurde gelacht.

Was will Lars von Trier? Will er wirklich etwas von Serienmorden, toten Frauen und einer unfähigen Polizei erzählen? Unwahrscheinlich. Die Geschichte von dem Mann im roten Lieferwagen, der in fünf Kapiteln Frauen umbringt und auch Kinder – das war offenbar der Zeitpunkt, als die Flucht aus der Premiere einsetzte -, ist Teil eines größeren Plans. Das Böse mit den Mitteln der Kunst zu bannen? Möglicherweise. Oder die Kunst als Beweis anzuführen, dass blutige Phantasien Teil der menschlichen Verfassung sind? Könnte ebenfalls sein.

© Zentropa - Christian GeisnaesSzene aus „The House that Jack Built“

Da der Film ein Medium der Evidenz ist, ist es dabei nicht ganz unerheblich, was wir (außer den Referenzen) eigentlich sehen. Und das ist, unter anderem, dies: Matt Dillon in der Rolle von Jack, einem unauffälligen mittelalten Mann, der leicht verklemmt wirkt wie die meisten Serienmörder im Film, fährt auf einer einsamen Landstraße. Vor ihm ein liegengebliebenes Auto. Daneben Uma Thurman mit einem kaputten roten Wagenheber in der Hand. Sie will Hilfe. Plappert ununterbrochen. Überzeugt Jack, sie mitzunehmen. Schwatzt davon, dass er aussieht wie ein Serienmörder und wie gefährlich es für eine Frau sei, zu Fremden ins Auto zu steigen. Zwischen ihnen auf der Ablage der rote Wagenheber. Auf englisch: jack. Irgendwann landet er in Uma Thurmans Kopf. Das ist ungefähr das Witzniveau. Die Frauen sind unerträglich oder doof in diesem Film. Von einer immerhin behält Jack ein Andenken, ein Portemonnaie aus einer ihrer Brüste.

Die Kunst des Mordens ist keine der Tat für Jack, sondern des Arrangements der Opfer. Er bringt sie in bizarre Positionen, bevor er sie im Kühlhaus lagert. Bei all dem unterhält sich Jack übrigens mit einer lange unsichtbaren Figur namens Verge, dem Bruno Ganz seine Stimme leiht. Eine Art Fährmann über den Styx. Er schwadroniert über alles Mögliche, was mit Kunst, Tod und Mord zu tun hat, vielleicht als Alter Ego des Regisseurs im Dialog mit seiner Kreatur? Jedenfalls benutzt von Trier auch wieder Holocaustbilder von überfüllten Baracken und Leichenbergen, ohne dass klar würde, wozu. Provokation allein ist ein ziemlich schaler Grund.

Es gibt, das immerhin ist als Ziel und Gegenstand dieses Films klar, für die freie Rede in der Kunst keine Grenze. Die Freiheit des Publikums ist: wegzuschauen.