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Filmfestival

Filmfestival

Was sonst noch geschah: Notizen aus Berlin

01. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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Wo der Kellner Schläge kriegt

Der Palazzo del Cinema auf dem Lido© dpaDer Palazzo del Cinema auf dem Lido

„Buon giorno, sto cercando . . . ich suche die Via Rodi, ist die hier irgendwo?“ – „Keine Ahnung, ich wohne hier nicht.“ – „Nie gehört. Fragen Sie mal in der Apotheke.“ – „Ich muss weiter, ich habe zu tun.“ Mein Hotel liegt in der Via Rodi, und die Busstation, an der ich ausgestiegen bin, ist nur hundert Meter Luftlinie entfernt. Trotzdem wäre ich ohne Google Maps nicht hingekommen. Es ist, als wollte man sich in Berlin-Wilmersdorf nach dem sowjetischen Ehrenmal in Treptow durchfragen: Kenn‘ wa nich, ham wa nich, geh’n wa nich hin.

Ich denke deshalb gar nicht daran, irgend jemandem zu erklären, wie er zum Filmfestival in Venedig kommt – dass er erst mal raus muss aus der Stadt, mit dem Vaporetto zum Lido, auf den schmalen Landstreifen, der das Meer von der Lagune trennt, dann noch mal eine gefühlte Ewigkeit mit dem Bus, bis rechts vorne eine Art weiß angestrichene Flachgarage auftaucht, vor der ein Scherzbold rote Dreiecke aus Schaumstoff aufgepflanzt hat; das ist der alte Festivalpalast. Der neue sollte ein paar Meter weiter vorn entstehen, aber das nötige Geld versickerte irgendwo im Flachwasser der Bürokratie, und jetzt thront dort ein roter Kasten in Leichtbauweise, den man, weil ringsum ein paar Bäumchen stehen, „Pala Giardino“ getauft hat. Weiter hinten erhebt sich das Casinò, das alte Lido-Kasino, auf dessen labyrinthische Unübersichtlichkeit man sich wenigstens verlassen kann. Hier residieren, oft hinter roten Gardinen versteckt, auf drei Etagen diverse Presse-Einrichtungen, bei denen oft die eine Hand nicht weiß, was die andere tut; in einer Ecke gibt es Kataloge und Taschen, in einer anderen Pressehefte, in einer dritten die begehrten Festival-Ausweise, die man bei jedem Betreten des Geländes um die drei Hauptgebäude vorzeigen muss, damit der Polizist mit der MP um den Hals auch weiß, dass man das Kino nicht in die Luft sprengen will. Man kann jedenfalls stundenlang im Casinò herumirren, ohne je alle seine Geheimnisse zu ergründen, und vielleicht ist der rotgesichtige norwegische Filmkritiker, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe (wir nannten ihn „Trondheim“), ja immer noch darin unterwegs.

Genug gemeckert. Im Ernst glaubt ja niemand zu Hause in Deutschland, dass Filmegucken in Venedig wirklich Arbeit ist. Und es ist ja tatsächlich ein Traum, um Mitternacht aus dem Kino zu kommen, und draußen liegt der Lido mit all seinen Panini-Ständen und rotten Luxushotels, und das Meer rauscht von ferne, und die Pinien flüstern. Nur muss man halt am nächsten Morgen um halb neun wieder im Kino sitzen, und dann um elf, und dann um fünf, und dann wieder um halb acht, und so geht das zehn Tage lang, und am Ende hat sich der Zauber doch ein wenig abgenutzt.

Die italienische Schauspielerin Sonia Bergamasco bei der Eröffnung des Festivals© dpaDie italienische Schauspielerin Sonia Bergamasco bei der Eröffnung des Festivals

Das Festival hat seine Eröffnungsparty in diesem Jahr aus Solidarität mit den Erdbebenopfern in Süditalien abgesagt. Statt dessen ging ich zum Empfang der Branchenzeitschrift „Variety“ auf der Dachterrasse des Hotels Danieli neben der Seufzerbrücke, einem, wie es hieß, hoch angesagten Event. Kaum stand ich oben, fuhr wie auf Befehl einer jener Kreuzfahrt-Riesen durch den Giudecca-Kanal, deren gewaltige Schrauben dafür sorgen, dass Venedig noch etwas schneller im Boden versinkt als ohnehin unvermeidlich. Das Buffet, das zu Ehren des Jurypräsidenten Sam Mendes (des Regisseurs von „American Beauty“ und „Revolutionary Road“) unter dem Motto „Revolutionary Beauty“ stand, war etwas weniger spektakulär als im letzten Jahr, es puzzelte Fischiges, Fleischiges und Gemüsiges auf eine mir eher undurchsichtige Weise zusammen, wie es ja auch Festivalwettbewerbe tun. Ansonsten gab es verschiedene Spielarten mehr oder weniger erfolgreicher Schönheitschirurgie zu sehen, Chiara Mastroianni, die Tochter des großen Marcello (dass sie ihrem Vater immer ähnlicher sieht, ist hier ausnahmsweise ein Kompliment) trat an die Brüstung und ließ sich fotografieren, und eine Dame reiferen Alters sprach mich an und zog mich in ein Gespräch mit zwei weiteren reifen Damen, die allesamt in Venedig wohnen, eine von ihnen sogar in einem Palazzo.

Wie es denn da mit der Heizung sei, wenn der Winter naht, wollte ich wissen. Ach, sagte die Signora, dann komme halt der Klempner kurz vorbei und sehe nach dem Ding, und anschließend laufe für ein paar Monate alles tadellos. Im übrigen müsse man sich halt ein bisschen wärmer anziehen. Da stieg für einen Augenblick eine Vision in mir auf: Venedig und die Berlinale tauschen ihre Plätze, Berlin wird wieder zum Sommerfestival, und die Stars und die Kritiker bibbern im Februar in Ski-Anoraks und Pelzmänteln am Lido … na, vielleicht doch lieber nicht.

Die letzte Meldung: Auf dem Markusplatz ist ein Kellner von sechs holländischen Touristen krankenhausreif geschlagen worden, als er versuchte, die Holländer von dem Tisch seines Cafés zu vertreiben, an dem sie die in einer Gelateria gekauften Milkshakes verzehrten. Die Aggressoren konnten zunächst zur Vaporetto-Station Zattere flüchten, wurden aber dort von den Carabinieri dingfest gemacht.

Porca miseria.

01. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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30. Mai. 2016
von Fridtjof Küchemann

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Die 73. Filmfestspiele von Venedig

FILE - The Golden Lion for Lifetime Achievement Award seen at the 70th annual Venice International Film Festival, in Venice, Italy, 29 August 2013. EPA/CLAUDIO ONORATI +++(c) dpa - Bildfunk+++ |© dpaIn Venedig geht es um den Goldenen Löwen.

Mit den Filmfestspielen von Cannes im Mai und der Berlinale im Februar zählt die Mostra zu den drei großen Filmfestivals der Welt. Von Mittwoch, 31. August, bis Samstag, 10. September, heißt Venedig zum 73. Mal Filmliebhaber aus aller Welt willkommen. Den Vorsitz der internationalen Jury hat in diesem Jahr der britische Regisseur und Oscar-Preisträger Sam Mendes.

Fürs Feuilleton der F.A.Z. wird Andreas Kilb aus Venedig zusätzlich zu den Filmkritiken für die F.A.Z. und FAZ.NET und Beiträge in diesem Blog schicken.

30. Mai. 2016
von Fridtjof Küchemann

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22. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Der Club der alten Männer

Ken Loach mit der Goldenen Palme im Blitzlichtgewitter von Cannes© AFPKen Loach mit der Goldenen Palme im Blitzlichtgewitter von Cannes

Sind die von Sinnen? Schon wieder Ken Loach? Mit einem Film, der nicht nur ein voll zu unterschreibendes Plädoyer für das uneingeschränkte Grundeinkommen mit besten Argumenten ist, sondern auch ein Sozialmärchen über die Solidarität derer, die das System aussperrt – diesem Film des Neunundsiebzigjährigen die Goldene Palme zu geben, das nehme ich persönlich. Er hat doch schon eine vor zehn Jahren hier gewonnen! Müsste für die zweite nicht mal mindestens ein Meisterwerk, etwas ganz anderes her? Und nicht ein Film, der aussieht wie seine anderen, nur nicht ganz so gut?

Nicht, dass ich per se für den deutschen Film die Daumen drücke, wenn einer in der Nähe ist. Nicht, dass ich immer glaube, eine Frau müsse gewinnen, weil endlich mal eine dran wäre. Obwohl endlich mal eine dran wäre! Aber dass „Toni Erdmann“ von Maren Ade der originellste Film im diesjährigen Wettbewerb war, voller frischer Energie, riskanter Entscheidungen, mit einem brillanten Drehbuch und großartigen Darstellern, daran dürfte es doch gar keinen Zweifel geben. Und der Lieblingsfilm fast aller war er auch. Außer der Jury, wie sich jetzt herausstellt. „Toni Erdmann“ bekam gar nichts.

Die Schauspieler Thomas Loibl (l.), Lucy Russell, Trystan Putter, Sandra Huller und Peter Simonischek mit der Regisseurin Maren Ade (2. v.r.) auf dem Weg zur Vorführung von "Toni Erdmann" in Cannes© dpaDie Schauspieler Thomas Loibl (l.), Lucy Russell, Trystan Putter, Sandra Huller und Peter Simonischek mit der Regisseurin Maren Ade (2. v.r.) auf dem Weg zur Vorführung von „Toni Erdmann“ in Cannes

15 Filme hat Ken Loach in Cannes über die Jahre im Wettbewerb gezeigt, und vor der Goldenen Palme vor zehn Jahren und nach der Goldenen Palme vor zehn Jahren auch sonst einiges gewonnen. Der Club der alten Männer möchte unter sich bleiben. Anders ist diese Entscheidung überhaupt nicht zu verstehen.

Da helfen auch die anderen Preise nicht weiter, die jeder für sich nicht skandalös sind, und einige der besten Filmen des Wettbewerbs sind tatsächlich dabei, „Sieranevada“ aber zum Beispiel, einer der allerbesten, fehlt auch. Ob „Personal Shopper“, was die Regie angeht, auf einer Ebene mit „Bacalaureat“ liegt, darüber ließe sich streiten, wenn man will, und nicht, von der Entscheidung über die Goldene Palme platt, schlecht gelaunt und sehr verärgert, gar nicht mehr geneigt ist, irgendetwas ernst zu nehmen, das diese Jurytruppe unter dem Vorsitz des alten Mannes Georges Miller hinter verschlossenen Türen ausgedealt hat. Mit der Goldenen Palme für „I, Daniel Blake“ findet ein zwar interessantes, aber nicht starkes Festival einen Abschluss zum Heulen. Denken Sie sich hier alle Kraftausdrücke, die Sie mögen, sie treffen, was ich sagen will. Die Hoffnung, es würde sich endlich etwas ändern in Cannes, war naiv, verführt, verfehlt.

Unter sich: Regisseur Ken Loach (M.) mit dem amerikanischen Schauspieler Mel Gibson (l.), dem britischen Drehbuchautoren Paul Laverty, der Produzentin Rebecca O'Brien und dem australischen Regisseur und Jury-Präsidenten George Miller© AFPUnter sich: Regisseur Ken Loach (M.) mit dem amerikanischen Schauspieler Mel Gibson (l.), dem britischen Drehbuchautoren Paul Laverty, der Produzentin Rebecca O’Brien und dem australischen Regisseur und Jury-Präsidenten George Miller

22. Mai. 2016
von Verena Lueken

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21. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Warten auf die Palmen

Jetzt sind wirklich alle Filme durch, und was bleibt ist: Warten auf die Palmen. Hier sind meine Favoriten – was nicht bedeutet, dass ich darauf wetten würde, es geht so aus, wie ich mir das wünsche. Ich wette nicht. Auf Jury-Entscheidungen schon gar nicht.

Wunschzettel

Goldene Palme: Toni Erdmann (Maren Ade)

Großer Preis der Jury: Sieranevada (Cristi Puiu)

Preis der Jury: American Honey (Andrea Arnold)

Regie: Kleber Mendonca Filho (Aquarius)

Hauptdarstellerin: Ruth Negga (Loving)

Hauptdarsteller: Dave Johns (I, Daniel Blake)

Drehbuch: Bacalaureat

Maren Ade mit einem ihrer Darsteller: Gebt ihr die Palme!© dpaMaren Ade mit einem ihrer Darsteller: Gebt ihr die Palme!

Außer der Goldenen Palme, die „Toni Erdmann“ und niemand sonst bekommen soll, kann von mir aus alles durcheinandergewürfelt werden.

Eine Palme jedeweder Art verdient haben auf alle Fälle die beiden rumänischen Beiträge „Sieranevada“ und „Bacalaureat“.

Würdige Preisträgerinnen für den Darstellerpreis, mit denen ich auch zufrieden wäre, gibt es reichlich: Sandra Hüller natürlich, Sonia Braga (Aquarius), Jaclyn Jose (Ma`Rosa), Kristin Stewart nicht zu vergessen (Personal Shopper).

Bei den Männern ist die Auswahl kleiner, Adrian Titieni aus „Bacalaureat“ war großartig, wie auch natürlich Peter Schimonischek in „Toni Erdmann“ und Joel Edgerton in „Loving“.

Am Sonntag Abend gegen 20 Uhr wissen wir, was die Jury über die Sache denkt.

 

21. Mai. 2016
von Verena Lueken

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20. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Sean Penn? Kitsch as kitsch can

In seiner etwas verhaltenen Pressekonferenz sagte Sean Penn, er „stehe zu seinem Film“. Was bleibt ihm übrig? Soll er sich distanzieren, weil die Presse buht und lacht, schon bevor es richtig losgeht? Weil schon das Motto wie eine Terrence-Malick-Parodie klingt und was dann kommt, genauso aussieht? Mit schrägen Einstellungen von Gesichtsfragmenten und in den Himmel hinein geschwenkte Bilder zu dröhnendem Orchestersound, wahlweise Harfenzirpen? Kurz vor Schluss des Festivals war Penns Beitrag zum Wettbewerb, „The Last Face“ gleichzeitig einer der Tiefpunkte – zwei glamouröse Stars, Charlize Theron und Javier Bardem, an höllischen Orten wie dem Südsudan mit der Absicht, die Welt zu retten. Verlieben sie sich? Na klar. Ineinander? You bet. Und drumherum wird geschossen, operiert, verstümmelt und gestorben. Gut gemeint? Bestimmt. Aber vor Eitelkeit strotzend, zirkulär erzählt in vergeblichem Kunstbemühen am falschen Gegenstand, schauerlich beschallt von der Musik von … genau: Hans Zimmer.

Vierlieben sie sich? Na klar! Charlize Theron und Javier Bardem in "The last Face"© Festival de CannesVierlieben sie sich? Na klar! Charlize Theron und Javier Bardem in „The last Face“

Das Festival neigt sich dem Ende zu. Die Branchenblätter haben ihr Erscheinen eingestellt, vorbei ist es mit den Kritikerlisten, auf denen Mare Ade einen historischen Punktestand von 3.8 aus 4 erreichte. Wobei das für Sonntag Abend, wenn die Preise vergeben werden, gar nichts heißt.

Immer noch wird offiziell behauptet, nein, der Eindruck habe getäuscht, dass es in diesem Jahr nicht ganz so voll war wie sonst – dabei erklärten Firmen, die im Filmmarkt arbeiteten, sie hätten deutlich weniger Leute mitgebracht, während die patrouillierenden Soldaten vermutlich die Touristen zögern ließen, sich hier in die Taschen gucken zu lassen.

Aber ja, es war deutlich leerer, um das festzustellen, musste man nur auf die Straße gehen. Leichtes Schwächeln in Cannes? Ja und Nein. Das Programm strotzte nur so von Stars, von großen Namen, Tradition. Im Wettbewerb und nebenan. Und jetzt schon beginnt das Geschnatter darüber, was kommt, wenn es für dieses Jahr mit dem Festival tatsächlich vorbei ist. Also im nächsten Jahr. Oder dem übernächsten. Niemand glaubt, es könne vielleicht einmal nicht so weitergehen wie bisher.

Das lauteste Geschnatter verursachte der schwerste Deal des Jahres, der dem „Irishman“, den Martin Scorsese mit Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci drehen wird, 50 Millionen Dollar für den Verkauf der internationalen Rechte bescherte. Es soll um die Ermordung des Teamsterchefs Jimmy Hoffa gehen, und der Bieterkampf soll unerbittlich gewesen sein. Ein Mobster-Film von Scorsese? Immmer noch unwiderstehlich.

Fast so unwiderstehlich, wenn auch deutlich billiger, ist ein Serienmörderfilm von Lars von Trier. Ein Serienmörderfilm, der dem Serienmörder über zehn Jahre auf dem Weg zum perfekten Mord folgen will. Was das kostet? Knapp zehn Millionen, heißt es.

Und noch preiswerter sollte „Sheik Jackson“ von Amr Salama zu haben gewesen sein, ein Film über einen ägyptischen fundamentalistischen Imam, der ein Fan von Michael Jackson ist.

Wollen wir das alles sehen im nächsten, übernächsten Jahr? Unbedingt!

 

 

20. Mai. 2016
von Verena Lueken

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18. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Das unbekannte Mädchen

Die Regisseure Jean-Pierre Dardenne (r.) und Luc Dardenne mit Adèle Haenel in Cannes© ReutersDie Regisseure Jean-Pierre Dardenne (r.) und Luc Dardenne mit Adèle Haenel in Cannes

Nach etwa dreißig Filmen in einer Woche verstellt sich das Wahrnehmungssystem. Es beginnt zu erkennen, was unerkannt bleiben könnte, weil es unwesentlich, nicht erkenntnisfördernd und überhaupt vollkommen nutzlos ist. Zum Beispiel dies:

Wieviele Filme beginnen mit dem Geräusch eines startenden, stoppenden, schlecht geschalteten oder hochdrehten Automotors? Mehr, als Sie denken. Eine Weile kam es mir so vor, alle fingen so an. Bevor es überhaupt ein Bild gibt. Der Rumäne „Sieranevada“, mit dem in Cannes der Wettbewerb begann. Da ging es los. Da hörte man die gesamte erste Szene hindurch dieses Auto, weil der Mann, dem es gehörte, alles mögliche außerhalb des Wagens tat, einen Stau verursachte, was mehr Motorenlärm brachte, und den Motor nicht ausstellte. Gleich der nächste Film, „Rester Vertical“ , ging genauso los. Mann im Auto. Allerdings nicht in Bukarest, sondern auf einer einsamen französischen Landstraße. Ohne Bild hörte es sich aber erstmal genauso an. „Toni Erdmann“: Ein Postwagen ist das erste, was wir hören. Und so ging es weiter, Film für Film, und dabei handelte keiner von Autos.

Und dann dies, heute früh. Dunkle Leinwand, der Film beginnt, der Ton kommt: Ein Atmen. Etwas schwer, aber deutlich erkennbar. Ein Mann atmet. Er hat ein Emphysem und eine Bronchitis oben drauf, so erfahren wird, als der Ton sich von ihm abwendet, die Ärztin ihr Stetoscop niederlegt und ihre Diagnose gibt. Auch das eine vollkommen nutzlose Information, denn der Mann verschwindet und taucht nie wieder auf. Aber immerhin lernen wir auf diese Weise die Ärztin kennen, um die sich der Film dreht.

Adèle Haenel in einer Szene des Films© Festival de CannesAdèle Haenel in einer Szene des Films

„La fille inconnue“ heißt er, gedreht von den Brüdern Dardenne, die hier schon alles mehrfach gewonnen haben in den letzten Jahrzehnten, was es zu gewinnen gibt, darunter zwei Goldene Palmen, und die trotzdem wieder dabei sind. Ich erwarte von ihnen, wenn sie schon wieder da sind, ein Meisterwerk. Etwas in der Liga von „Le gamin au velo“ von 2011 oder „Deux jours, une nuite“ von vorletztem Jahr, warum sonst sollten sie wiederkommen? Aber sie kamen, mit dieser wenig preiswürdigen Arbeit über ein totes Mädchen und die Frage, ob es hätte gerettet werden können und wer es überhaupt ist. Wie immer bei den Dardennes auch diesmal: absolute Reduktion auf eine moralische Frage. Ein Versäumnis, das tödliche Folgen hat. Ist das Schuld? Lässt sie sich wiedergutmachen? Durch ein anderes Leben? Die Examinierung dieser Fragen, das ist alles, was der Film tut. Keine Backstories. Kein Ausweg. Aber auch keine Leidenschaft für die Frage, die er so maliziös betrachtet, keine Wärme für eine der Figuren, eine schematische Übung in dem Fach, das die Brüder Dardenne eigentlich bestens beherrschen.

Die Ärztin hat übrigens auch ein Auto. Ihre Praxis liegt an einer Schnellstraße. Wenn sie das Fenster zum Rauchen öffnet, dröhnt der Motorenlärm herein.

18. Mai. 2016
von Verena Lueken

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17. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Protest auf dem roten Teppich

Die Schauspielerinnen Maeve Jinkings (l.) und Sonia Braga, die französische Produzentin Emilie Lesclaux und der brasilianische Regisseur Kleber Mendonca Filho vor der Vorführung von "Aquarius" auf dem roten Teppich© AFPDie Schauspielerinnen Maeve Jinkings (l.) und Sonia Braga, die französische Produzentin Emilie Lesclaux und der brasilianische Regisseur Kleber Mendonca Filho vor der Vorführung von „Aquarius“ auf dem roten Teppich

Heute bin ich über den roten Teppich gelaufen, die Treppen hoch und hinein in den riesigen Saal Lumière. Das ist an sich noch nicht ungewöhnlich, ich laufe da jeden Tag hoch, allerdings morgens um kurz nach acht zur ersten Vorstellung des Wettbewerbs, wenn noch niemand hohe Absätze und Kleider trägt, die aussehen, als seien sie aus den gefalteten, von eingeschnittenen Mustern durchlöcherten Papierbögen genäht, die wir als Kinder zur Dekoration ans Fenster klebten. Wenn noch keine Musik läuft und die Fotografen noch nicht Spalier stehen. Morgens um kurz nach Acht sind selbst der rote Teppich und die Stufen zum Palast hinauf eine glamourfreie Zone. Nicht so am Nachmittag.

Heute Nachmittag aber gab es nicht nur große Roben wie immer und strahlende Sonne wie nicht so oft in diesem Jahr, sondern einen politischen Protest. Das ist ungewöhnlich. Ungewöhnlicher noch, dass er im Saal weiterging und das Festival offenbar nichts dagegen hatte. Ihn vielleicht sogar genehmigte.

Es protestierten nämlich die Brasilianer, genauer das Team hinter dem Film „Aquarius“ von Kleber Mendonca Filho, dem schon vor der Premiere einiges zugetraut wurde, weil der Festivaldirektor ihn ausdrücklich als besonders sehenswert deklariert hatte. Das Team bestand aus zehn oder zwölf Leuten, das ist wegen der Kontrolleure und Sicherheitsleute drumherum nicht so leicht zu sagen, und diese zehn oder zwölf blieben oben auf der Treppe stehen, drehten sich um und hielten weiße Zettel vor die Brust und in die Kameras der Weltpresse. „We will resist“, war darauf zu lesen, oder „Brazil is no democracy“. Im Saal entfalteten sie noch ein Banner mit grüner Schrift, auf dem stand „Stop the coup d’etat in Brazil“. Die Zuschauer applaudierten heftig, weil sie offenbar auch gegen die Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff sind, möglicherweise aber auch, weil Sonia Braga wie eine stolze Königin in den Saal gekommen war.

Szene aus "Aquarius"© Festival de CannesSzene aus „Aquarius“

„Aquarius“ ist ihr Film. Sie ist eine Schönheit, immer gewesen, in Brasilien kennt sie offenbar jedes Kind, und ältere erinnern sich daran, dass sie als Sexsymbol angesehen wurde, was wieder einmal zeigt, wie wenig wir voneinander wissen. Sie spielt Clara, eine fünfundsechzig Jahre alte ehemalige Musikkritikerin, die in einem Haus direkt am Strand wohnt, aus dem eine Immobilienfirma alle anderen Mieter bereits herausgekauft hat. Clara aber will nicht verkaufen. Und während sie sich mit den Schikanen der Immobilienhaie herumschlägt und mit ihren erwachsenen Kindern diskutiert, was zu tun sei, und sich streitet, sickern Erinnerungen in die Erzählung, die gleichzeitig aber auch Elemente enthält, die mit Wohnungskrise und Vorleben nichts zu tun haben, den Besuch eines Gigolos etwa, den sie bezahlt, oder den Geburtstag ihrer Haushälterin. Das Ganze ist lose verwebt, voller Musik, vor allem von Schallplatten, und ist letztlich in erster Linie eine Hommage an diese Darstellerin. Sonia Braga nahm die Ovationen hin, als hätte sie mit nichts anderem gerechnet. Hocherhoben, wie sie durch den Film gegangen war bis zum krönenden Abschluss, wenn sie ihren Peinigern ein Termitennest auf den Konferenztisch kippt, das diese im Dachgeschoss platziert hatten.

Das Lied, das dazu spielte, habe ich nicht erkannt. Aber „Another one bites the dust“ von Queen, das am Anfang über den Strand wummerte, schon. Zum Einmarsch ließen die Künstler vor einem landestypischen Song und vor dem Entfalten ihrer Protestnoten Bob Dylas „Mama you`ve been on my mind“ spielen. Und mittendrin Sonia Braga. Das wird vermutlich nicht die Goldene Palme. Aber ein schöner Abend wurde es.

17. Mai. 2016
von Verena Lueken

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16. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Zombies

Man trifft sie spät in der Nacht, in der Nähe des Bahnhofs und der Märkte, die längst geschlossen sind. Zwischen verrottenden Essensresten, überquellenden Mülleimern, ein paar Katzen, ein paar Ratten, huschen sie von Schatten zu Schatten. Manche torkeln ein wenig, andere lassen den Kopf so tief hängen, dass ihre Balance nicht gesichert ist. Sie schwanken. Sie wiegen sich in den Hüften. Aber die Zombies von Cannes, die erst nach Ende der allerletzten Party auf die Straße gekehrt werden, sabbern zwar manchmal, aber sie beißen nicht.

Auf diese Erfahrung muss sich verlassen, wer aus dem Midnightscreening des koreanischen Films kam, in dem ein Virus für die Transformation von Menschen in Zombies sorgt und eine Gruppe von Leuten im Superschnellzug von Seoul nach Busan versucht, am Leben zu bleiben.

Einmal pro Festival muss das sein. Ein Horrorfilm. Vampire nicht so gern, knarrende Türen eher auch nicht, also Zombies. Dieses Jahr geliefert von dem südkoreanischen Trickfilmer Yeon Sang-ho, der aufgrund seines animierten Untoten-Films „Seoul Station“ den Auftrag bekam, eine Fortsetzung zu drehen, allerdings als live action. „Train to Busan“ kam dabei heraus, und die zahlreichen Arten, die er erfindet, wie man in einem Zug davonlaufen und seine blutrünstigen Verfolger aufhalten kann, sind eindrucksvoll. Sich durchs Gepäckfach robben. Handy-Klingeltöne zur Ablenkung benutzen. Baseballschläger einsetzen, denn eine Baseballmannschaft ist mit an Bord, was für bedingte Bewaffnung sorgt. Alles sehr effektiv. Ein Film aus einer einzigen Verfolgungsjagd. Das kriegen so genial nur die Koreaner hin.

Steigen Sie ein, um am Leben zu bleiben! Das war nur die halbe Wahrheit. Denn die Zombies vermehren sich immens und beißen, wen sie kriegen können. Beunruhigender aber noch als diese armen gefräßigen Gestalten sind einige der Passagiere. Sie halten die Türen zu, damit niemand mehr einsteigen kann. Sie werfen sich gegenseitig den Zombies zum Fraß vor, um selbst ein paar Sekunden Vorsprung zu gewinnen. Dagegen leuchten die Helden unter ihnen und solche, die zum Helden werden, umso strahlender. Was nicht heißt, dass sie überleben.

Das Gesellschaftsbild, das hier entworfen wird, ist zum Heulen, da ist es kein Trost, dass der Hedgefonds-Manager, in dessen Portfolie die Biotech-Firma einen großen Posten ausmacht, aus deren Werk dieser Virus entschlüpft ist, am Ende zwar ein guter Vater geworden ist, aber trotzdem seiner gerechten Strafe nicht entgeht.

Ich erzähle Ihnen das, damit Sie nicht denken, das Autorenkino von Cannes hätte nicht auch für guilty pleasures Platz. Manche Besucher und Einkäufer kommen überhaupt nur für guilty pleasures her. Wobei zum Beispiel die Gesetzeslage für käuflichen Sex sehr ungünstig geworden ist, weshalb auf den Straßen um den Bahnhof herum eben nur noch Zombies unterwegs sind. Und Ratten. Manchmal auch ein Hedgefonds-Manager.

 

16. Mai. 2016
von Verena Lueken

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14. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Toni Erdmann

Schallendes Gelächter in der Vorführung eines deutschen Films, das ist schon etwas sehr Ungewöhnliches an der Croisette. Ein deutscher Film überhaupt. Und dann dies: „Toni Erdmann“ von Maren Ade. Giggeln, als zum ersten Mal Peter Simonischek mit seinem falschen Gebiss auftritt, später lauthalses Lachen, wenn er eine Perücke dazunimmt Szenenapplaus für Sandra Hueller, die ein Lied schmettert und kaum einen richtigen Ton trifft. Kein Klamauk. Und am Ende umfassende Begeisterung.

Was ist passiert? Maren Ade hat mit „Toni Erdmann eine Filmkomödie gedreht, in der es um einiges geht, das ernst ist – um Familienbeziehungen und um das, was Leute, die so beschäftigt sind wie die Unternehmensberaterin Ines in Bukarest, die Sandra Hüller spielt, life-work-balance nennen. Um Sex mit Kollegen. Um Sexismus unter Kollegen. Und um Humor. Wann er hilft, wer ihn versteht, und wann auch mal gut ist. Das ist ungewöhnlich. Eine Komödie, die sich um Humor dreht. Viele Überraschungen für einen einzigen Film. Unvorsehbar für alle, die vom deutschen Kino nichts erwarten außer einem neuen Film der Alten oder Fuck ju Göhte 3.

Die Idee ist gewagt, funktioniert aber. Peter Simonische spielt Winfred, einen Vater, der keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter Ines, gespielt von Sandra Hüller, findet und deshalb die Figur des Toni Erdmann erfindet, einen angeberischen Möchtegern-Coach, der überall da auftaucht, wo Ines ihn nicht brauchen kann. Aber eben nicht als ihr Vater, sondern als diese Kunstfigur unter einer lächerlichen Perücke und mit einem Faschingsgebiss, und auch sonst würde er nicht gerade den Preis des Schauspielers des Jahres gewinnen (Peter Simonischek aber schon). Alle durchschauen, dass er nicht ist, wer er vorgibt zu sein, aber das trifft in gewisser Weise, wenn auch ohne falsche Zähne, auf alle anderen zu, die mitspielen. Ines, die einerseits hart verhandelt, sich andererseits aber auch gönnerhaft von einem Geschäftspartner als Einkaufsberaterin von dessen Frau hergibt. Ihr Chef, der sie vermeintlich fördert, aber ihr den Weg abschneidet. Aber auch Winfried, der bald Toni Erdmann wird, ist nicht das Vorbild des richtigen Lebens. Er ist sentimental. Ennervierend. Er kennt die Welt und ihre Härten nicht, in der Ines sich in Bukarest bewegt. Er will etwas mehr Glück für seine Tochter und läßt nicht locker. Und die Augenblicke, in denen sich zwischen den beiden kurz eine Verbindung herstellt, sind von großer Schönheit, wahr, bei alldem, was ihnen vorausgeht.

Wer unbedingt meckern will, kann sagen, ja, der Film ist mit annäherend drei Stunden zu lang. Ja, einige Szenen laufen ins Leere. Aber eine Szene wie die, in der Winfreds alter Hund sich zum Sterben unter einen Busch legt, während sein Herrchen neben dem Napf einschläft, und am nächsten Morgen in unspektakulärer Belechtung, mattem Licht, das nicht viel Kontur schafft, zu der Hundeleiche geht und noch einmal kurz das Fell streichelt, darin liegt vielleicht schon alles, worum es hier auch geht. Was Leben ist. Warum es sich lohnt, mal still zu halten. Ein toller Film. Mit einigen Chancen hier, vermute ich.

 

 

14. Mai. 2016
von Verena Lueken

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13. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Der sture Ken Loach

Die Dichte an Palmengewinnern im offiziellen Programm ist groß in diesem Jahr. Treue zu alten Freunden, könnte man sagen. Rückgriff auf Bewährtes, wobei jeder Film auch von Bewährten natürlich anders ist. Aber nicht unbedingt sehr anders. Bei Ken Loach zum Beispiel weiss man seit Jahrzehnten, was man kriegt.

Ken Loach macht seit fünfzig Jahren Filme. Filme über Ungerechtigkeiten im Leben von Menschen in England, die, meist nicht aus eigenem Verschulden, weit unten im Sozialgefüge angekommen sind, und vom System allein gelassen oder vergessen werden. Seit fünfzig Jahren zeigt uns Ken Loach die Welt, wo sie zum Heulen ist, und sagt immer aufs Neue aus unterschiedlichen Anlässen und zu verschiedenen Schicksalen, das müßte so nicht sein. Wir könnten das ändern. Und nichts geschieht.

Aber Ken Loach, der im Juni achtzig wird, dreht noch einen Film, in dem er das noch einmal sagt. Und wieder läuft er hier in Cannes. Wieder im Wettbewerb. Das ist treu. Stur auch. Bewundernswert.

Und obwohl „I, Daniel Blake“ viele Schwächen hat, eigentlich aus Schwächen und ein paar ergreifenden Augenblicken besteht, ist das schon eine großartige Haltung. „I, Daniel Blake“ dreht sich um einen Mann um die sechzig, der nach einem Herzanfall nicht mehr arbeiten darf und die volle Ladung englischer Bürokratie zur Verhinderung der Auszahlung ihm zustehender Sozialleistungen zu spüren bekommt. Wieder sehen wir den Zusammenhalt der Armen, hier in Gestalt einer alleinerziehenden Mutter mit zwei nervtötend reizenden Kindern. Den schwarzen Nachbarn, die mit Turnschuhen aus China Geschäfte machen, und dem kranken Mann mit den Formularen helfen. Die Tücken des digitalen Zeitalters. Es ist alles sehr vorhersehbar, und selbst das Ende kündigt sich eigentlich im Vorspann schon an.

Aber dennoch. Ken Loach, der schon so oft in Cannes war, dass er die besten Hotels und einige sehr miese Absteigen kennengelernt hat, macht, was er immer gemacht hat, einfach weiter. Und da wir in seinen Filmen Menschen sehen, für die sich nicht nur die englische Bürokratie nicht besonders interessiert, liegt darin eine besondere Würde.

Man könnte natürlich auch sagen: Warum tut er das, mit beinahe achtzig, da er doch seit Jahrzehnten weiß, die Welt ändert sich zwar, aber nicht so, wie er es für vernünftig hält und wie es fraglos auch vernünftig wäre? Vielleicht brauchte er das Kino, immer neue Filme, die wenig Geld kosten und mehr oder weniger um dasselbe Thema kreisen, damit er ohne Absturz ins Zynische über die Zeit kommen konnte. Dagegen sind alle Einwände gegen seine Filme nichts.

 

13. Mai. 2016
von Verena Lueken

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12. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Donald Trump wird nicht Präsident!

Gewimmel, Geschubse, Ermahnungen, Blitzlichter, strahlende Gesichter, Schmeicheleien. Es ist immer dasselbe bei den Pressekonferenzn. Es wird viel geredet, dafür sind sie da. Meistens ist es leeres Gebrabbel, über die Vorbereitungen auf eine Rolle („viel gelernt“), die Besetzungsentscheidungen („die wichtigsten für einen Film“), die Dreharbeiten („wir hatten so viel Spaß miteinander“) und ähnliches mehr, das es nicht lohnt, dafür Schlange zu stehen. Am Ende wurde nichts gesagt, was Bestand hat.

Bei der Pressekonferenz für Jodi Fosters Kabel-TV-Thriller „Money Monster“ aber war das anders. Da sagte George Clooney, der in dem Film einen schmierigen Börsen-Talkshowmaster spielt, auf die entsprechende Frage: „Donald Trump wird nicht Präsident.“ Machte sich Erleichterung breit? Twitterten alle drauflos, Trump könne nach Hause gehen, er habe keine Chance? Nichts dergleichen. Alles ging weiter als hätte er uns nicht allen eine große Sorge genommen. Clooeny fügte noch hinzu, Amerika werde sich nicht von der Angst regieren lassen, nicht von „der Angst vor Muslimen, vor Einwanderern, vor Frauen“. Vor Frauen! Das war charmant. Und ein Glück, das zu wissen, bevor es richtig losgeht mit dem Wahlkampf, ist es auch, und das ausrechnet an dem Tag, an dem abends die Nachricht kam, die Republikaner und Trump, die bisher nicht so gut miteinander auskamen, würden sich zusammenraufen. Um eine Frau an der Spitze des Landes zu verhindern. Aber offenbar nahm es niemand wirklich ernst.

Wenn sich das Kino und die Leute, die es machen oder sonstwie davon leben, zu wichtig nehmen, wird es peinlich. Selbst wenn sie so aussehen wie George Clooney. Was auch eine Crux ist. Denn wenn er sagt, Teil des Problems Trump sei, was in „Money Monster“ Thema sei (das stimmt nicht so ganz, aber Pressekonferenzen sind ja auch dazu da, den Film, um den es geht, mögichst ins beste Licht zu rücken), nämlich die Tatsache, dass die amerikanischen Nachrichten-Shows keine Informationen mehr unter die Zuschauer brächten, ist das so banal wie richtig. Aber wenn Clooney es sagt, klingt es entweder wie Werbung, salbungsvoll oder anmaßend. Mund halten ist bei Pressekonferenzen keine Option. Es steht ja auch alles auf dem Spiel, wenn die Leute so tun, als könne man ihnen alles sein, der Star und der Clown und der Wahrsager dazu.

 

 

12. Mai. 2016
von Verena Lueken

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12. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Bombig

Wie eine Bombe habe Sharon Stone damals in Cannes eingeschlagen, 1992 war das, als Paul Verhoevens „Basic Instinct“ das Festival eröffnete.

Wie eine Bombe schlug Woody Allens Eröffnungsfilm nicht ein. Aber eine winzige verbale Explosion immerhin gab es, als der Moderator der Eröffnungsgala, Laurant Lafitte, den Regisseur mit dem Satz begrüßte, es sei schön, dass dieser so viel in Europa drehe, obwohl er in den Vereinigten Staaten doch gar nicht wegen Vergewaltigung verurteilt sei. Ein Witz, der natürlich auch auf Roman Polanski zielte und die Galagäste mäßig amüsierte.

Woody Allen, Kristen Stewart und Jesse Eisenberg vor der Premiere von "Café Society"© dpaWoody Allen, Kristen Stewart und Jesse Eisenberg vor der Premiere von „Café Society“

Wie eine Bombe – das klingt nicht nur wegen „Basic Instinct“ wie aus einer anderen Zeit. Verhoeven hat es zwar gerade wieder gesagt, weil er in Interviews für seinen Film „Elle“ wirbt, der zu allerletzt am allerletzten Tag hier im Wettbewerb dran ist, da muss vorher gewirbelt werden, damit nicht schon alle weggucken. Ein Film über eine Vergewaltigung übrigens. Aber bei Bombe denkt niemand mehr an Filmstars.

Am ersten Tag vor der allerersten Vorführung: eine unendlich scheinende Schlange am Eingang zum Festivalpalast. Verschärfte Kontrollen, heißt es, hochgefahrene Sicherheitsvorkehrungen. Mit Absperrungen, in denen die Schlange zum Eingang gewunden wird. Der Festivalpalast, eine Festung?

Immer noch gilt höchste Terrorwarnstufe in Frankreich. Der Bürgermeister von Cannes hat versichert, 500 Beamte mehr als im letzten Jahr seien im Einsatz. Im April gab es eine Terrorabwehr-Übung mit speziellen Einsatzkommandos, an deren Ende, wäre sie Wirklichkeit gewesen, dreißig Tote zu beklagen gewesen wären. Es gab also einiges zu tun. Bedeuten die Schlangen, die Sicherheitslöcher wurden gestopft?

Soldaten in den Straßen von Cannes© AFPSoldaten in den Straßen von Cannes

Schwer zu sagen. Eher nicht. Wer es zum Eingang schafft, soviel scheint sicher, ist fast schon drin. Die Taschen werden wie in den vergangenen Jahren auch betatscht, jede Wasserflasche fliegt raus, aber ein Picknick-Messerset könnte man möglicherweise unerkannt mitbringen. Mit einem Piep-Gerät werden einem dann der Rücken und die Front gestreichelt, das ist auch schon lange so, fertig.

Bleibt die Frage, woher die Schlangen kommen? Man kann übrigens durch einen anderen Eingang in den Palast kommen, ein paar Stufen hoch direkt zum zweitgrößten Kino. Da sind die Sicherheitskontrollen noch lächerlicher. Vielleicht verlassen sich ja alle auf die Bombensuchtruppen, die regelmäßig das Gelände durchkämmen sollen. Unsichtbar, wie es sich für geheime Einsatztruppen gehört.

Das große Eröffnungsdinner fand jedenfalls ebenfalls im Festivalpalast statt. Das Ganze mehr oder weniger in Rot getaucht.Der Blick über den Hafen ist immer noch herrlich. Die Lichter der Yachten, ihrerseits angeblich sämtlich sicherheitstechnisch vollkommen durchgecheckt, blinken, der Regen hat vroübergehend aufgehört. Was könnte einem hier passieren? Vor allem als sich herausstellt, die beiden netten Herren, die die beiden leer gebliebenen Sitze an unserem Tisch enterten, nachdem alle Gäste eingetroffen und die Vorspeisen serviert waren, gehörten zum Service de la protection. Ausgewiesen durch einen Anstecker, den einer von ihnen am Revers trug. Nicht der im Smoking. Der hatte eine „Police“-Binde in der Brusttasche, die er uns fröhlich vorzeigte.

Ablog

Sie aßen mit uns, während sie einen Minister im Auge behielten, und sie sahen so aus, als wären sie direkt von der Leinwand aus einem französischen Kriminalfilm zu uns hinabgestiegen.

 

12. Mai. 2016
von Verena Lueken

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10. Mai. 2016
von Fridtjof Küchemann

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A palm tree is seen above an official poster of the 69th Cannes Film Festival on the Festival Palace in Cannes, France, May 10, 2016.  REUTERS/Yves HermanAn diesem Mittwoch geht es los, am 22. Mai geht es zu Ende: Das Filmfestival von Cannes eröffnet mit dem neuen Film „Café Society“ von Woody Allen.  21 Werke, darunter ein deutscher Beitrag, konkurrieren um die Goldene Palme. REUTERS/Yves Herman

10. Mai. 2016
von Fridtjof Küchemann

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18. Feb. 2016
von Maria Wiesner

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Ehrenbär für Michael Ballhaus

###Kameramann Michael Ballhaus

Fast wäre aus Michael Ballhaus und Rainer Werner Fassbinder nichts geworden. Als der Kameramann das erste Mal auf den deutschen Autorenfilmer traf, sah dieser ihn nur verächtlich an. „Sie sind also dieser Fernseh-Heini, sagte Fassbinder zu mir“, erinnert sich Ballhaus und lacht herzlich. Denn schnell wurde Fassbinder klar, dass Ballhaus der Mann war, der seine filmische Vision kreativ umsetzen konnte – und der sich dabei auch nicht beklagte, wenn das Tempo für die einzelnen Aufnahmen sehr hoch war. „Das hat mir später für meine Zusammenarbeit mit Martin Scorsese geholfen, der auch so eine Vielzahl an Aufnahmen wollte, die man normalerweise innerhalb des Zeitplans nie hätte durchziehen können“, so Ballhaus.

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18. Feb. 2016
von Maria Wiesner

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17. Feb. 2016
von Maria Wiesner

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Die dunkle Seite des fliegenden Auges

„Bevor wir überhaupt einen Drohnenangriff vornehmen, muss eine fast vollständige Gewissheit herrschen, dass keine Zivilisten getötet oder verletzt werden“, sagte Amerikas Präsident Barack Obama im Mai 2013. „Es gibt keine Gewissheit, ob jemand, den die Drohne im Visier hat, Zivilist ist oder nicht“, sagt Heather im Dokumentarfilm „National Bird“. Sie ist Mitte 20 und bereits Militär-Veteranin – und sie will, dass die Welt weiß, was mit dem Drohnen-Programm schief läuft.

Die investigative Journalistin Sonia Kennebeck hat für ihr Doku-Langspiel-Debüt drei Militär-Aussteiger  Weiterlesen →

17. Feb. 2016
von Maria Wiesner

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16. Feb. 2016
von Dietmar Dath

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Wenn das eine Serie wird, gucke ich überhaupt nichts anderes mehr

Die älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht an diese Familie.© dpaDie älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht an diese Familie.

Da sitzt man also und ahnt nichts Böses, im Panorama der Berlinale, um sich einen Dokumentarfilm anzuschauen, der irgendwas damit zu tun hat, dass man im Rumänien der Ceaucescu-Diktatur zwar fast nichts im Fernsehen geboten bekam, aber doch immerhin „Dallas“ – wie das war, was daraus wurde, ein bisschen osteuropäische Mentalitätsgeschichte, mit angekündigten Gastauftritten von Patrick Duffy, der als Bobby Ewing in „Dallas“ berühmt wurde – also Zerstreuung, milde Belehrung über Zeitgeschichtliches, als Zwischenmahlzeit, bevor man es wieder mit schwerer Kunst oder leichter Kost an der Spielfilmfront zu tun bekommt, auf diesem breiten und langen Festival. Und was muss man erleben? Die Geburt eines neuen Gesetzes: Wer für die Biederkeit, mit der heute Fiktionen im Kino die Welt, wie sie nun mal ist, auf irgendeine Art beweinen, verbessern oder fantastisch verneinen, einfach zu originell, zu intelligent und mit zu viel Schöpferkraft geschlagen ist wie diese  Livia Ungur und dieser  Sherng-Lee Huang, muss eben einen Dokumentarfilm machen.

 Was ist denn das? „Hotel Dallas“? Das ist eine wahre Montagepracht, und sie enthält unter anderem: 1. Schwarzweiß nachgestellte Liebesdreieckszenen, gespielt von Kindern, die später als Diktator und Diktatorin auch noch erschossen werden, dabei aber außerdem Doubles von „Dallas“-Figuren sind, welche aber putzige Pionier-Uniformen tragen und „gegen die Imperialisten“ kämpfen wollen. 2. Ein Sonnenblumenöl-Unternehmer und Betrüger, der sich im kapitalistischen Taumel nach dem Zusammenbruch des rumänischen Armuts- und Eiserne-Faust-Sozialismus ein Imperium aufbauen will und dabei vorgeht wie der sprichwörtlich skrupellose J.R. in der Fernsehserie, der er außerdem einen Hoteltempel errichtet, bevor man ihn erwischt und einbuchtet. 3. Eine junge Frau, die in gewisser Weise Livia Ungur selbst ist, eine Hälfte des kreativen Duos hinter diesem Film, andrerseits aber eine rundum symbolische Inkarnation der Hoffnung, als Cowgirl verkleidet in die Welt der Bildenden Kunst zu finden, wo man schlafend arbeitet, aber auch im Traum noch mehr bei Bewusstsein ist als die Alltagsmenschen im Wachzustand. 4. Die Stimme, und später die Präsenz, von Patrick Duffy, das heißt, eigentlich von Bobby Ewing, der mit der jungen Frau, welche zugleich Regisseurin und deren unerfüllbare Erwartung an sich selbst ist, auf Englisch redet, worauf hin sie ihm auf Rumänisch antwortet – was funktioniert, wie der Film selbst erklärt, weil es Untertitel gibt. 5. Szenen von unbeschreiblichem Zartsinn, mit dem die Figuren, ob lebende Menschen oder deren Schatten in Wunschwelten, eingesponnen werden wie arme Würmchen in Kokons, wo sie zu Schmetterlingen reifen dürfen – einmal sitzt das Cowgirl, plötzlich unerklärlich geschrumpt, in einem Backwartenkarton, der zur Camera Obscura umfunktioniert wurde, im Schneidersitz, raucht und erklärt, was das ist, Kunst, und man möchte sofort Künstlerin werden oder eine lieben oder retten oder wie oder was.
 
Und so geht das durchweg: Ein Weihnachtsessen bei armen Philosophen, eine Geschichte von echtem und falschem Käse, ein Besuch auf einem sehr lustigen Friedhof und ein anderer in einer sehr traurigen Momentaufnahme vom Erwachsenwerdenmüssen – nein, nicht mal die zwei absoluten Blödmänner, die bei der Pressevorführung gerade an den mehrdeutigsten, bei aller Komik geheimnisvoll lieblichsten Stellen dieses Meisterwerks dauernd wie vom Schwachsinn gestochen Wiehern und brüllend lachen mussten, konnten dieses Erlebnis verderben, ja auch nur berühren. Man schämte sich beinah ein wenig, als das magische Erlebnis fertig war, dass man den Tölpeln anfangs gezürnt hatte, denn „Hotel Dallas“ ist so voller Mitempfinden, so voller Anteilnahme für alle, die da vorkommen, dass man denkt: Doch, Menschenfreundlichkeit, die muss ich ab spätestens morgen auch mal lernen. Und wenn es nicht klappt, will ich wenigstens so bald und so oft wie möglich „Hotel Dallas“ von, man merke sich die zwei, Livia Ungur und Sherng-Lee Huang wieder sehen.

16. Feb. 2016
von Dietmar Dath

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14. Feb. 2016
von Maria Wiesner

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„Ich dachte, meine Karriere ist mit 38 Jahren vorbei“

###Jury-Präsidentin Meryl Streep auf dem roten Teppich. (Foto: Maria Wiesner)

Wenn Meryl Streep irgendwo auftaucht, beginnt ein Rennen und Schieben, das man so in Berlin zuletzt beim Fall der Mauer gesehen haben dürfte. So auch am Sonntag vor dem Theater „Hebbel am Ufer“, 800 Personen passen offiziell hinein. Schon Stunden vor Beginn ihres Auftritts bildeten sich Schlangen um den Block. Streep sollte hier als Präsidentin der Berlinale-Jury den „Berlinale Talents Campus“ eröffnen, eine Veranstaltungsreihe des Festivals für den Filmnachwuchs. Der drängte sich vor dem Haupteingang, an der Kasse und vor den Türen zum Theatersaal. Als diese sich dann öffneten,begann der Hürdenlauf über Theatersessel: Jeder wollte in die erste Reihe. Stellen Sie sich das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“ mit festgeschraubten Stühlen vor. Nur wer dabei schon im Kindergarten knallhart seine Mitstreiter mit dem Hintern vom Stuhl stieß, hatte eine Chance. „Das ist ja geradezu animalisch“, seufzte eine junge Österreicherin. Da soll noch einmal jemand behaupten, junge Filmemacher hätten keinen Ellenbogen.

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14. Feb. 2016
von Maria Wiesner

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12. Feb. 2016
von Dietmar Dath

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Neues von der Bowienale

And she’s hooked to the silver screen.

Bis zum zweiten Tag der Berlinale gab’s erst drei David-Bowie-Sichtungen – der Mann ist eben einfach diskreter als Elvis oder Kurt Cobain, die alle zwei Minuten irgendwo als Schimmelfleck auf einer Hotel-Minibar-Tür in der Hauptstadt erkannt werden. Bowie, so outriert er sich auf der Bühne und auf Plattencovern manchmal gab, bevorzugt als künstlerische Strategie vom Jenseits her dieselbe, die auch seine besten Songtexte veredelt hat – die Anspielung, die auch dann funktioniert, wenn man gar nicht weiß, worauf sie anspielt – wie etwa viele Leute das Cover seines Albums „low“ von 1977 mochten und mögen, denen nie aufgefallen ist, dass das Foto unter dem Plattentitel, das Bowie als Außerirdischen in Nicolas Roegs Film „The Man Who Fell To Earth“ zeigt, zusammen mit jenem Plattentitel ein Wortspiel ergibt, denn es ist eine Profilaufnahme: „Low Profile“ – auf deutsch würde „to keep a low profile“ etwas wie „sich zurückhalten“ oder „sich nicht in den Vordergrund spielen“ bedeuten, und so muss die Berlinale eben auch nicht lange an die große Glocke hängen, dass sie diesen bedeutenden Mann so kurz nach seinem Tod noch einmal ehren will.

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12. Feb. 2016
von Dietmar Dath

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12. Sep. 2015
von Verena Lueken

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Südamerika gewinnt – Die Preise von Venedig

Gestern habe ich geschrieben, wenn „Francofonia“ von Alexander Sokurov – was ich für ganz unwahrscheinlich hielt – keinen Preis gewinnt: Hurrah!

Hurrah also. Die Preise der Jury sind vergeben, und vermutlich werden sich mit mir noch viele andere die Augen reiben. Fast alle, die sicher gesetzt schienen, gingen leehr aus. Immerhin hat einer der Favoriten den Großen Preis der Jury bekommen, und das mit vollem Recht: Charlie Kaufmans Puppenfilm „Anomalisa“, die Geschichte einer Dienstreise mit allen Banalitäten, die so ein Unterfangen an sich hat, und mit großen Gefühlen, wie sie Puppen offenbar besonders herzzerreißend transportieren können: Sehnsucht, Einsamkeit, Verzweiflung, Liebe für einen Augenblick, und dann Enttäuschung.

Und einen Spezialpreis der Jury bekam der türkische Beitrag „Abluka“ (Frenzy) von Emin Alper, ein düsteres Werk aus einem apokalyptischen Istanbul inmitten von Mülllandschaften, wie wir es noch nie gesehen haben.

Die großen Gewinner aber kommen aus Südamerika. „Desde Allá“ (From Afar) von Lorenzo Vigas aus Venezuela gewinnt den Goldenen Löwen. Damit hatte, vermute ich, niemand gerechnet. Es ist ein sehr schön gefilmter, sehr langsamer Film über einen Mann, der möglicherweise von seinem Vater misshandelt oder auch missbraucht wurde, und der heute, als einigermaßen vermögender Zahntechniker, seine einzige Lust daraus bezieht, sich junge Männer von der Straße ins Haus zu holen, deren nackten Rücken und Po er betrachtet, während er sich selbst befriedigt. Die Geschichte zwischen ihm und einem dieser Jungen, der ihn zur Nähe zwingt, sich ihm ausliefert und den er am Ende verraten wird, ist die Erzählung dieses Films. Langsam, wie gesagt. Streckenweise langweilig auch. Faszinierend aber im Zusammenspiel der Darsteller und in der beiläufigen Ansicht von Caracas, einer Stadt, die im Kino nicht so oft zu sehen ist.

Auch der Silberne Löwe geht nach Südamerika. Der Argentinier Pablo Trapero war einer der Regisseure, die eine Geschichte „nach einer wahren Geschichte“ erzählten, eine Gangster- und Bandengeschichte, in der eine Familie als terroristische Vereinigung agiert. Es sind die siebziger Jahre, und ein Vatermonster präsidiert über seiner Frau und seinen Kinder, die er zu Komplizen in Entführungen macht, mit denen er Geld erpresst. Seine Opfer tötet er dennoch. Wahr mag sie sein, aber es ist auch eine Geschichte fürs Genrekino, und so erzählt sie Trapero auch, kunstfertig, ohne wegzuschauen, mit genauem Blick. Für die wächserne Haut und die kalten Augen des Vaters etwa, für den verzweifelten Sohn, der ein Rubgy-Star werden könnte, für die Tochter, die lange versucht, von alldem nichts zu wissen, und für die Mutter, die mitmacht und schweigt.

Diese Preise, die Haptpreise, sind ein starkes Statement für einen Kinokontinent, der eine lange Tradition hat, aber bei den europäischen Festivals nicht immer angemessen repräsentiert ist. Der Präsident der Jury, Alfonso Cuaron, kommt aus Mexiko. Sollte er damit ein Zeichen setzen wollen, ist nichts dagegen einzuwenden (die Europäer und Amerikaner glucken ja auch zusammen, wenn sich die Gelegenheit ergibt). Und diese Preise sind auch ein Statement für den originellen Autorenfilm, der nicht auf die Behaglichkeit des Publikums schielt. Fürs Düstere auch, fürs sehr düstere. Dass ein paar Filme leer ausgingen, die besser waren, ist schade. Dass die beiden herausragenden Dokumentationen, aus Israel und China, offenbar keine Chance hatte: sehr schade.

12. Sep. 2015
von Verena Lueken

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