Filmfestival

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Was sonst noch geschah: Notizen aus Cannes

08. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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Die Stunde des Schlitzers

Reden wir über Zahlen. In der täglich erscheinenden Festivalzeitschrift „Ciak“ lese ich, dass eine Publikumskarte für die Abendvorstellung im Palazzo Grande 45 Euro kostet. Das klingt moderat im Vergleich zu einem Parkettsitz im La Fenice, aber man fragt sich doch, was Leute empfinden, die für den Preis eines anständigen Menüs im „Corte Sconta“ Mel Gibsons „Hacksaw Ridge“ oder Ana Lily Amirpours No-future-Hackbraten „The Bad Batch“ sehen. Ein Kinobesuch war immer ein Blind Date, aber in Venedig braucht man schon sehr viel Enthusiasmus (oder Abgebrühtheit), um nicht jeden zweiten Film für Geldverschwendung zu halten. Oder man zahlt einfach nur dafür, mit Mel oder Keanu in einem Saal zu sitzen

Wenn man die Produktionskosten aller Filme, die auf dem Festival laufen, zusammenrechnete, dürfte wohl knapp eine halbe Millarde Euro dabei herauskommen. Buchmessen und Opernfestspiele bieten billigere Produkte an. Aber im Kino ist auch die Spreizung zwischen den Hungerleidern und den Nabobs der Branche viel größer als anderswo. Die teuersten zehn Filme des Festivals dürften allein an die 250 Millionen gekostet haben, mit Antoine Fuquas Remake der „Verwegenen Sieben“, das zum Abschluss außer Konkurrenz gezeigt wird, als einsamem Spitzenreiter. Dahinter kämen zwanzig weitere Produktionen, die zusammen etwa hundert Millionen auf die Waage bringen. Der ganze Rest, mehr als hundert Filme, hat sicher nicht mehr hundert bis hundertdreißig Millionen Euro verbraucht. Das Kino ist eine Ständegesellschaft, und die Kluft zwischen Fürsten und Bauern ist nicht geringer als im Mittelalter, das uns als Inbegriff der Finsternis gilt.

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Stippvisite im Hotel „Excelsior“. Hier hat das Festival seinen Ursprung, und hier war noch in den neunziger Jahren das Zentrum der internationalen Film-Community, der Ort, an dem die Schauspieler-Interviews, die Regisseursgespräche, die Konferenzen zur Zukunft des Kinos stattfinden. Heute wirkt das Hotel wie der Schauplatz einer mittleren Branchenmesse. Im Parterre hat sich der „Italian Pavilion“ ausgebreitet, eine Folge von Räumen, in denen die nationale Filmindustrie ihre Waren und Wahrzeichen ausbreitet. Die Presseagentinnen aus London, Paris und New York, die früher auf den Fluren im südlichen Trakt residierten, sind verschwunden; der größere Markt in Toronto hat sie aufgesogen. Im Untergeschoss, wo es zu den weißen Zelten geht, vor denen Visconti die Strandszenen in „Tod in Venedig“ gedreht hat, fand ein Empfang für einen kanadischen Film statt, aber ich sah nur Italiener, die Spumante tranken und Marshmallows kauten. Nur ein paar Schweden prosteten sich im Foyer gegenseitig zu. Offenbar plant das schwedische Kino, von dem auf dem Festival selbst nichts zu sehen ist, hier für die nächsten Jahre ein Comeback.

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Gibt es eigentlich auch Auszeichnungen, die man ablehnen darf? Gerade hat der amerikanische Schauspieler und Regisseur James Franco für seinen Film „In Dubious Battle“, der in einer Nebenreihe läuft, den Preis der Mimmo Rotella Stiftung empfangen. Mimmo Rotella, lese ich auf Wikipedia, war ein Künstler, der in den fünfziger Jahren die ästhetische Qualität abgerissener und aufgeschlitzter Kinoplakate entdeckte. Seine „Manifesti lacerati“ klebte er anfangs in einzelnen Streifen auf die Leinwand, später ging er dazu über, Plakatrückseiten zu verwenden oder intakte Plakate mit neutralem Papier zu überkleben. Der Premio Rotella ist mit jeweils einem originalen Werk des Künstlers dotiert und wird alljährlich verliehen. Leider war das Kunstwerk in „Ciak“, wo ich die Meldung fand, nicht abgebildet.

Szene aus James Francos "In Dubious Battle"© Filmfestival VenedigSzene aus James Francos „In Dubious Battle“

Weitere Vorschläge für von Künstlern gestiftete Kinopreise: Der Jeff Koons Award für die schamloseste Selbstvermarktung. Der Georg-Baselitz-Preis für einen Film, in dem die Kamera auf dem Kopf steht. Die Wolfgang-Beltracchi-Medaille für das erfolgreichste Stilplagiat. Die Damien Hirst Cup für die Verwendung von Formaldehyd zur Filmkonservierung.

Preisträger fänden sich allemal.

08. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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07. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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Keanu, Mel, Rocco und die anderen

"Prinz Neo", das war einmal: Keanu Reeves mit Suki Waterhouse in einer Szene aus "The Bad Batch"© Filmfestival Venedig„Prinz Neo“, das war einmal: Keanu Reeves mit Suki Waterhouse in einer Szene aus „The Bad Batch“

Fortsetzung der Liste nützlicher Erinnerungsstücke aus dem Wettbewerbsprogramm von Venedig.
Das Känguru aus Paolo Sorrentinos „Young Pope“: Weil es genau so unmotiviert aus seinem Käfig hüpft wie der ganze Film, der so tut, als erzählte er eine Geschichte, während er in Wahrheit nur einen Einfall durchspielt, der vielleicht besser ein Einfall geblieben wäre.

Edouard Manets Bild „Der Selbstmörder“ aus François Ozons „Frantz“: Weil es die Jokerkarte in Ozons Partie ist. Zuerst sieht man das Gemälde in einer Rückblende, da steht es für eine verlorene Jugend, eine Männerfreundschaft oder Männerliebe vor dem Krieg; dann scheint die ganze Handlung darauf zuzulaufen, denn der junge Mann, der davon erzählt hat, ist verschwunden, womöglich tot; und zuletzt stiftet es ein Happy-End, mit dem niemand mehr gerechnet hat. Ozons Regie ist immer ein wenig zu schlau für die Geschichten, die er erzählt; aber in „Frantz“ hält er seine Schlauheit auf überzeugende Art im Zaum. Er setzt uns ins Bild, ohne uns zu brüskieren, so wie Manet.

Das Krakenwesen, eine Mischung aus „Alien“ und Davy Jones (in „Fluch der Karibik“) aus Amat Escalantes „La región salvaje“ („The Untamed“): Weil es das Sinnbild ist für das Scheitern des Films. Viermal sieht man das Ding, und jedes Mal wirkt es banaler und lächerlicher; statt zu erklären, warum das Leben von jedem und jeder, der oder die sich von seinen Saugarmen befriedigen lässt, aus der Kurve getragen wird, nimmt sein Anblick dem Geschehen jede Plausibilität. Mysterien, die vor die Kamera kriechen, sind keine mehr.

Der Zeichenblock des Menschenfressers aus Ana Lily Amirpours „The Bad Batch“. Weil irgendwo auf seinen hinteren Seiten das hastig hingekrakelte Drehbuch dieser Dystopie-Plotte stehen muss, aus der man höchsten lernen kann, dass sich Keanu Reeves (goodbye, Prinz Neo!) inzwischen für keine Rolle mehr zu schade ist. Die beste Pointe des Films steht im Vorspann: Eine seiner Produktionsfirmen heißt „Human Stew Factory“.

Die grün erleuchtete Wurlitzer-Jukebox aus Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“. Weil die Songs von Lou Reed und Nick Cave, die sie abspielt, eigentlich schon die ganze Geschichte erzählen. Und weil sie mehr Wärme ausstrahlt als der sommerliche Garten, in dem der Film spielt. Übrigens habe ich eine irritierende Entdeckung gemacht, als ich den Titel in der „Internet Movie Database“ suchte: Er ist schon vergeben. „Die schönen Tage von Aranjuez ist eine Ufa-Komödie von 1933, mit Brigitte Helm, Gustaf Gründgens und Wolfgang Liebeneiner. Es geht um Juwelendiebstahl in besseren Kreisen.
Das Autowrack aus Christopher Murrays „El Cristo ciego“ („Der blinde Christus“): Weil es sich wider alle Wahrscheinlichkeit in Bewegung setzt, anders als der Film.

Und Mel Gibsons Patriarchenbart, der allein schon erklärt, warum „Hacksaw Ridge“ so aussieht, wie er aussieht.

Meinen Loriot-Moment auf diesem Festival hatte ich gestern mittag, als ich las, was der italienische Pornostar Rocco Siffredi, dem zwei Franzosen ein hundertminütiges scheinheiliges Filmporträt gewidmet haben, das hier bei den „Giornate degli Autori“, den Autorentagen des Festivals, gezeigt wird, mit sich anfangen will, wenn er irgendwann für das alte Rein-Raus-Spiel nicht mehr fit genug ist. Er möchte ein Institut für Pornofilmregie in Budapest aufmachen. Ja, genau: Und im nächsten Herbst züchtet er dann Bananen in Finnland und eröffnet mit dem Papst eine Herrenboutique in Wuppertal.

07. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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06. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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Schwarze Augen

Am 12. Mai 1987, einem Dienstag, hatte Nikita Michalkows Film „Oci Ciornie“ („Schwarze Augen“) nach einer Novelle von Tschechow auf dem Filmfestival in Cannes Premiere. Marcello Mastroianni, der später die Palme als bester Schauspieler bekam, wurde auf der Gala für seine Darstellung der Hauptrolle gefeiert. Schon bei der Pressevorführung am Vorabend war der Film mit Applaus verabschiedet worden. Ich weiß es, denn ich war dabei.

Gestern ist „Oci Ciornie“ in der Reihe „Venezia Classici“ auf dem Festival am Lido gezeigt worden – in einer frisch restaurierten Digitalkopie, mit zusätzlichen, damals geschnittenen Szenen, mit neuer Farbbestimmung und italienischen Untertiteln. Barbara und Chiara Mastroianni, die ältere und die jüngere Tochter Marcellos, waren bei der Vorführung anwesend. Das Publikum war bunt gemischt, nicht wenige Zuschauer dürften bei der Premiere des Films noch nicht geboren gewesen sein. Morgen läuft in derselben Reihe Veit Harlans „Opfergang“.

 

In dem Alter, in dem wir anfangen, das Kino zu entdecken, ist die Vorstellung, dass viele der Personen, die es uns zeigt, längst nicht mehr da sind, zugleich selbstverständlich und irreal. Sie gehören zur Vorzeit; ihre Welt war eine andere als unsere. Im Lauf der Jahre aber wird die Welt des Kinos zu unserer Welt, und so bekommt die Einsicht, dass sie von Abwesenden bevölkert ist, etwas Gespenstisches. Ich weiß, dass Marcello Mastroianni seit zwanzig Jahren tot ist, aber ich kann es nicht glauben, denn ich habe ihn ja gerade noch gesehen, wie er in „Schwarze Augen“ im weißen Anzug ins Moorbecken der Kurklinik steigt, um den Hut seiner Herzensdame herauszufischen. Auch mit dem Tod von Paul Newman oder Romy Schneider, von Fellini und Giulietta Masina habe ich mich nie ganz abgefunden; kämen sie mir auf der Straße entgegen, würde ich sie grüßen. Ich weiß, es ist eine Illusion, dass das Kino diese Menschen zu unseren Nachbarn macht. Und doch kommen sie uns nah.

Aber dann verschwinden sie, und auch die Filme, in denen sie auftreten oder die sie gedreht haben, würden verschwinden, wenn man sie nicht für viel Geld restaurierte wie jetzt „Oci Ciornie“. Und auch diese Form der Aufbewahrung kommt an ihre Grenzen: Die Bilder sterben, weil die Technik das, was in ihnen lebendig war, nicht mehr erfasst. Ich habe große Zweifel, dass die Körnung der analog projizierten Filme auf der Leinwand, die der Körnung unserer inneren Bilder bei geschlossenen Augen entspricht, im Digitalformat erhalten und weitergegeben werden kann. Noch mehr bezweifle ich, dass diese Art Unschärfe den Generationen, die nach uns kommen, noch irgend etwas bedeuten wird. Für uns war sie der Atem des Kinos.

Die ältesten Fresken auf den Wänden in San Marco sind tausend Jahre alt. So lange wird die Kultur des visuellen Erzählens, in der wir leben, nicht dauern. Das Kino, ihre allererste Form, ist schon jetzt dabei, in verschiedene hybride Spielarten seiner selbst zu zerfallen. Die als fortlaufende Geschichte erzählte Fernsehserie, ob in „Game of Thrones“ oder in Sorrentinos hier gezeigtem „Young Pope“, ist nur eine, die erfolgreichste von ihnen. In ein paar Jahren wird es wieder eine neue Variante geben.

Das einzige, was vom Kino immer bleiben wird, sind die Wünsche, die es beflügelt haben. Der Wunsch, sich zu verwandeln, Raum und Zeit zu durchqueren, allmächtig zu sein. Der Blick des Begehrens. Die Angstlust, die Schreckbilder gebiert. Die Sehnsucht, sich in einem anderen Subjekt zu spiegeln. Fellinis Träume. Bergmans Alpträume. Mastroiannis Gesicht, die Ikone des italienischen Mannes im zwanzigsten Jahrhundert. Das Kino wird als Nachbild in den Phantasien künftiger Epochen überleben. Und wir in ihm.
„Wenn ein Mann das Paradies im Traum durchquerte, und als Beweis für seine Reise bekäme er dort eine Blume, und beim Erwachen hielte er diese Blume in der Hand: Was würde er sagen? … Ich war dieser Mann.“ (Jean-Luc Godard, „Histoire(s) du Cinéma“)

Für Wolf Donner, 1939-1994
und Michael Althen, 1962-2011

06. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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05. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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Ein Ort in der Welt

Im Dogenpalast läuft bis November eine Ausstellung zum fünfhundertsten Jahrestag der Gründung des Ghettos, die einen imposanten Abriss der Geschichte dieser seltsamsten aller venezianischen Erfindungen bietet. Das Ghetto, 1516 auf Anordnung der Signoria eingerichtet, war ja nicht nur Instrument der Kasernierung und Überwachung, sondern auch ein Mittel zum Schutz der jüdischen Bevölkerung der Stadt. Bis zu seiner zwangsweisen Auflösung unter Napoleon hat es hier nie ein Pogrom gegeben. Statt dessen blühten die Buchdruckerei, die Weberei, das Bankenwesen und das Kunsthandwerk, wie man in zahlreichen Vitrinen und auf Monitoren sehen kann, die die Entwicklung des jüdischen Viertels durch die Jahrhunderte nachzeichnen. Dennoch fehlt der mit Folianten, Gemälden und Silbergefäßen prunkenden Schau etwas Entscheidendes. Es ist das, was man auf neudeutsch ein Narrativ nennt, eine verbindende Erzählung. Das Drinnen und Draußen, das jüdische und das nichtjüdische Venedig, kommen in den Ausstellungssälen nie wirklich in Kontakt. Von Handwerkerfleiß und Armenhilfe, von religiöser Blüte, christlichen Vorurteilen und streng geregelten Kontaktmechanismen ist die Rede, aber wie sich der Gang der venezianischen und der europäischen Geschichte in den Gängen der hohen Häuserblöcke im Sestier Cannaregio spiegelte, erfährt man nicht. Das Fremde in seiner Fremdheit zu zeigen und es uns zugleich vertraut zu machen, ist halt doch nicht so einfach, wie mancher denkt.

In der Festivalreihe „Giornate degli Autori“ sah ich vor drei Tagen eine Dokumentation, die den Bürgerkrieg in Syrien als Home Movie nacherzählen will. „The War Show“ ist eine mit Youtube-Material ergänzte Montage von Privatvideos der syrischen Radiomoderatorin Obaida Zeytun und ihrer Freunde, von denen viele die Filmpremiere nicht mehr erlebt haben. Die Videos handeln von einer Gruppe von Zwanzig- bis Dreißigjährigen, die nichts anderes wollen als das, was für ihre Altersgenossen in Westeuropa selbstverständlich ist, freie Wahlen, freie Medien, freie Meinungsäußerung, und die den arabischen Frühling zum Anlass nimmt, es auf den Straßen einzufordern. Was diesen Leuten passiert, ist erschütternd, und dennoch hat der Film mich gleichgültig gelassen. Er erzählt nichts. Er verdichtet nichts. Er fügt nur visuelle Schnipsel zusammen und gibt die Erklärungen dazu als Voice-over. Am Ende, als er den Zusammenhang zwischen den Waffenlieferungen, der Politik der benachbarten Großmächte und der Radikalisierung der Oppositionsgruppen darstellen will, verliert er vollends den Faden. Es steckt eine Geschichte in „The War Show“, aber es ist nicht die Geschichte dieses Krieges. Es ist die Tragödie einer verlorenen Generation, und über sie müsste man einen Kinofilm drehen, der diesen Namen verdient.

In derselben Filmreihe wurde am nächsten Tag ein Regiedebüt aus Kroatien gezeigt: „Ne gledaj mi u pijat“ von Hana Jušić. Der Titel bedeutet auf deutsch so viel wie „Hör auf, auf meinen Teller zu starren“. Es ging um Marijana, ein Mädchen aus der Küstenstadt Šibenik, die mit ihrer mürrischen Mutter, ihrem arbeitslosen Vater und ihrem leicht debilen Bruder in einer Zweizimmerwohnung lebt und in einem Krankenhauslabor das Geld für die Familie verdient. Ich muss zugeben, dass ich im Leben schon ein paar Dutzend solcher Filme gesehen habe. Kinodebüts handeln von dem, was die Regisseurinnen aus eigener Anschauung kennen, egal ob in Mali, Kamtschatka oder bei den Inuit. Ich wusste, dass die Geschichte mit dem Aufbruch von Marijana aus Šibenik enden würde, und ich konnte mir ungefähr ausmalen, was bis dahin passiert. Und auch ästhetisch war der Film von Hana Jušić keine Offenbarung, die Farben wirkten ausgebleicht, der Erzählrhythmus stockte gelegentlich, vermutlich hätte man mit dem Produktionsbudget keine drei Minuten „Tatort“ drehen können. Trotzdem bin ich bis zum letzten Bild in „Hör auf, auf meinen Teller zu starren“ sitzengeblieben. Es ist nämlich nicht so, dass wir im Kino immer wieder neue Geschichten sehen wollen. Wir wollen nur die alten Geschichten auf immer neue Weise erzählt bekommen. Ich weiß jetzt, wie es in der Altstadt von Šibenik aussieht, ich habe den Ton im Ohr, in dem die Leute dort miteinander reden, und ich kenne den phantastischen Ausblick vom Hügel über der Stadt auf die Inseln vor der Küste. Diese Orte liegen jetzt in meiner Welt. Das alles könnte auch ein furchtbares Kuddelmuddel sein, ein formloses Einerlei. Aber hier hat es eine Form, weil es ein Narrativ besitzt. Eine Haltung, eine Perspektive. Ein Film, das ist zuallererst eine Idee, und dann kommen die Bilder, die uns zu ihr führen. Eins nach dem anderen.

05. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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04. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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Mein Gott, ist das beziehungsreich

Szene aus "Spira Mirabilis" (Foto Filmfestspiele Venedig)Szene aus „Spira Mirabilis“ (Foto Filmfestspiele Venedig)

Venedig droht der Untergang. Aber nicht durch die Meeresfluten, die viermal im Jahr für Aqua alta sorgen, sondern durch die Flut der Tagestouristen. Im August wurde der Fahrdamm, der die Stadt mit dem Festland verbindet, mehrfach wegen Überfüllung gesperrt. Jetzt denken die Kulturverantwortlichen Italiens über Sperranlagen nach, die den Zustrom zu den Hauptattraktionen wie der Rialtobrücke, dem Markusplatz und der Seufzerbrücke regulieren sollen, meldet die „Repubblica“. Anlass der politischen Denkversuche ist ein in der „New York Times“ erschienener Artikel des angesehenen Archäologen Salvatore Settis zur Lage der Lagunenstadt. Im kommenden Jahr könnte Venedig seinen Welterbestatus verlieren, wenn es die Auflagen der Unesco weiter ignoriert. Noch schlimmer aber als der drohende Imageschaden ist der Exodus der Bevölkerung. Seit den achtziger Jahren hat die Altstadt die Hälfte ihrer Bewohner verloren, heute sind es gerade noch sechsundfünfzigtausend. Die Zahl der Tagestouristen stieg dagegen von zwanzig auf dreißig Millionen pro Jahr. Venedig, schreibt Settis, werde buchstäblich konsumiert: die Serenissima als Kulturburger.

Die venezianische Polit-Kamarilla hat auf den Brandbrief des Archäologen auf die übliche Weise reagiert. Settis, heißt es, habe keine Ahnung, wie die Dinge hier stünden, denn erstens wohne er in Pisa, und zweitens komme er aus Kalabrien. Es gibt Gewohnheiten in Italien, auf die man sich verlassen kann. Der campanellismo, das Kirchturmdenken, gehört dazu.

Alicia Vikander und Michael Fassbender in Venedig (Foto AP)© APAlicia Vikander und Michael Fassbender in Venedig (Foto AP)

Vielleicht gibt es dann irgendwann auch eine Zugangsbeschränkung am Lido, die die Zahl der Selfies machenden asiatischen Ehepaare und Reisegruppen reduziert. Andererseits hat der Festivalbetrieb diese Form der Trophäenjagd selbst heraufbeschworen. Und womöglich ist das, was die Stars auf dem roten Teppich machen, ja auch eine Art Selfie, nur auf dem Umweg über Dritte.

Inzwischen haben Alicia Vikander und Michael Fassbender, die sich auf dem Set von „The Light Between Oceans“ ineinander verliebten, ihr frisches Glück so oft vor dem Kameraaugen des Publikums aufgeführt, dass es schon nicht mehr frisch ist. Maria Callas und Pier Paolo Pasolini, die sich vor fünfzig Jahren, wie ebenfalls die „Repubblica“ recherchiert hat, auf eine Barke in einem Lido-Kanal zurückzogen, genossen da noch den antiquierten Luxus der Privatheit. Vielleicht waren sie ja, denkt man an Pasolinis Homosexualität, auch kein richtiges Paar.

Szene aus "Spira Mirabilis" (Foto Filmfestspiele Venedig)Szene aus „Spira Mirabilis“ (Foto Filmfestspiele Venedig)

Im Hauptprogramm des Festivals lief derweil die italienische Dokumentation „Spira mirabilis“, ein Film, der mit dem alten Projekt von Peter Greenaway Ernst macht, das Kino müsse von „life, death and the universe“ handeln, also von allem und jedem und vom All sowieso. Man sieht ein Labor in Japan, in dem Quallen gezüchtet und untersucht werden; ein Instrumentenbauerteam in der Schweiz, das Ufo-artige Klangkörper aus Metall konstruiert; die Restauratorenwerkstatt des Mailänder Doms; Super-8-Familienfilme, Schneestürme, Lakota-Indianer, die von ihren Mythen und ihrem Vorbild Crazy Horse erzählen, und so fort. Bei manchen Filmen, und dieser gehört dazu, muss man sich die Freiheit nehmen, Robert Gernhardt zu zitieren: „Mein Gott, ist das beziehungsreich, / ich glaub‘, ich übergeb‘ mich gleich.“ Und vielleicht sollte man auch mal darüber nachdenken, ob es auf Dauer wirklich eine gute Idee ist, Spiel- und Dokumentarfilme in den Festivalwettbewerben zusammenzuspannen. Terence Malicks Dokutrip „Voyage of Time“ werde ich mir am Dienstagabend natürlich trotzdem anschauen. Man schaut halt immer gern bei denselben alten Bekannten vorbei.

Die letzte Meldung: In Venedig ist ein pensionierter Gymnasiallehrer dabei erwischt worden, wie er an eine Seitenwand der Kirche Santa Lucia e Geremia pinkelte. Zwei Beamte nahmen ihn fest und brachten ihn auf die Questura, wo seine Personalien erfasst wurden. Gegen den Mann wurde eine Geldstrafe von zehntausend Euro verhängt. Der Pinkler ist Italiener, hatte aber dennoch keine Chance, sich auf sein Eingeborenenrecht zu berufen: Er stammt aus Catanzaro.

04. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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03. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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Großwildjäger

Ein Bild. Eine Szene. Ein Augenblick, und die Welt sieht anders aus, wechselt ihre Stimmung, ihre Farben, ihren Geruch.

27692-Safari_4© Filmfestival VenedigFoto Filmfestival Venedig

In Ulrich Seidls Dokumentarfilm „Safari“, der außer Konkurrenz im Hauptprogramm von Venedig läuft, erlegen österreichische Jagdtouristen auf dem Gelände einer Hunting Lodge in Ostafrika eine Giraffe. Der Schuss fällt, man hört, wie etwas Schweres zu Boden sackt, dann sieht man das Tier. Es liegt auf der Erde, der lange Hals wie ein welker Blütenstengel zur Seite abgeknickt. Aber es ist nicht tot. Als einer der Jäger nach ihm greift, hebt es den Kopf und schwingt ihn in panischer Trauer hin und her. Einmal. Noch einmal. Ein letztes Mal. Dieser Moment ist das Erschütterndste, was ich in diesem Jahr im Kino gesehen habe.
Die Filme von Ulrich Seidl haben mir nie gefallen. Die Art, wie er die Leute, die er zeigt, dazu bringt, sich zu entblößen, indem er ihnen jene fünfzehn Minuten Unsterblichkeit verspricht, auf die wir nach Warhol alle ein Anrecht haben, war mir von Grund auf zuwider. Auch in „Safari“ gibt es wieder diese Szenen, in denen die Menschen in die Kamera schauen, als steckte ihr besseres Ich darin, und uns die Fratze ihrer Selbstgewissheit zeigen, ihrer Eitelkeit, ihrer Gier. Es gibt die frontal aufgenommenen Monologe, die Seidl so geschickt arrangiert hat, dass daraus kleine Geschichten werden, Porträts der Monster von nebenan. Aber die Tiere, ihre Körper, ihre Blicke, ihr Sterben vermag Seidl nicht zu manipulieren, und so kann ich sagen, dass die Giraffe der einzige Mensch ist, dem ich in „Safari“ begegnet bin.
Die Jagd auf Tiere ist der Anfang der Menschheit. Die erste Gesellschaft war eine Jägergesellschaft. Aber zu dem Pakt, der die jagenden Hominiden mit ihren Opfern verband, gehörte von Anfang an deren mystische Verehrung. Lascaux und die Chauvet-Höhle sind die Kathedralen der Vorzeit. Die Tiere waren Götter. In „Safari“ sind sie Objekte der Wellness. Es sind nicht die Erzherzöge, Stahlbarone und Hemingways, die in diesem Film ihre Flinten zücken, sondern die bessergestellten Niemande aus unserer Mitte. Weil aber der magische Zauber (und Fluch), dessen letzte Funken im spanischen Stierkampf verglühen, bei den Safari-Urlaubern nicht mehr existiert, wird die Jagd zum Genussmittel. Töten als bezahlte Ekstase mit Frühbucherrabatt. Die Großwildjagd als Schule der Gourmets. Das Fleisch einer Antilope, sagt eines der sechs Paare, die Seidl für seinen Film interviewt hat, sei ein Traum. Und da dachte ich an das Kino.

27698-Safari_2© Filmfestival VenedigFoto Filmfestival Venedig

Auch die Stars, deren Bilder das Kino seit gut hundert Jahren in die Welt schickt, waren einmal für uns ein Traum. Papa Razzo, der große Jäger, führte die Urhorde an, die sie mit ihren Blitzlichtern zur Strecke brachte. Seinen Namen hatte er von Fellini bekommen, seine Ausbildung auf dem Hollywood Boulevard und den Straßen der Reichshauptstadt Berlin. Seit ein paar Jahren aber hat das Smartphone die Zahl der Jäger vertausendfacht. Wir sind alle zu Mitläufern der Horde geworden, die auf das große Wild anlegt. Deshalb sind zwei Dinge passiert: Die Bilder, die wir erbeuten, als Profis oder Amateure, sind immer gleichförmiger geworden. Und zugleich werden sie immer mächtiger. Die Stars, die letzten Stellvertreter der Götter, werden von ihren eigenen Images aufgesogen, ihren Abbildern auf Millionen Endgeräten. Und die Zuschauer, ihre Verehrer, erzeugen und horten so viele Bilddateien, dass sie für das Sakrileg, den stillen Frevel, der seit Anbeginn im Vorgang des Bildermachens liegt, kein Gespür und kein Gefühl mehr haben.
Als ich nach der Vorführung von „Safari“ zu dem roten Kubus kam, der seit diesem Jahr auf dem Festivalgelände steht, liefen gerade ein paar italienische Fernsehstars über den roten Teppich. Eine blonde Frau in der Mitte sah genau so aus wie die Schauspielerin, die vorgestern auf einem Foto in den Tageszeitungen in einem Designerkleid durch das flache Wasser am Lido-strand geschritten war. Vielleicht war sie ihr auch nur ziemlich ähnlich. Die Passanten ringsum holten dennoch ihre Telefone heraus und drückten auf die Auslöser. Lieber ein Bild zu viel als eins zu wenig.
Die Jagd geht weiter.

03. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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02. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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Jäger und Sammler

Das Ereignis von Wim Wenders‘ neuem Film „Die schönen Tage von Aranjuez“ waren die 3D-Brillen, die es am Eingang zur Pressevorführung um neun Uhr morgens gab. Sie waren rot, sie, waren riesig, und sie waren cool. In David Lynchs „Mulholland Drive“ gibt es einen Regisseur, der leicht als Wim-Wenders-Karikatur zu erkennen ist. Er trägt ständig unmögliche Brillen zu unmöglichen Kurzhaarfrisuren. Die 3D-Brille aus Venedig hätte zu ihm gepasst. Für mich wäre sie die ideale Verkleidung für die nächste Verleihung des Deutschen Filmpreises gewesen. Leider musste ich mein Exemplar am Ausgang wieder abgeben. Die roten Brillen, erklärte mir die Kollegin von der „Süddeutschen“, werden in Venedig wiederverwendet. Ihre eigene hatte einen deutlich sichtbaren Schmierfilm, den sie erst mit einem Taschentuch abwischen musste. Wenn ich mich im Kino so umschaue, gibt es doch eine Menge Leute, deren gebrauchte 3D-Brillen ich lieber nicht tragen möchte.

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Aus Denis Villeneuves „Arrival“ hätte ich gern das Raumschiff mitgenommen, mit dem die Außerirdischen in Montana landen. Das Ding sieht von weitem aus, als hätte es Salvador Dalí für einen Hersteller von Lautsprecherboxen entworfen, es ist schön dunkelgrau, vorne konvex und hinten konkav, und wenn man eine entsprechend große Hand hätte, läge es sicher gut in der Hand. Die Aliens, die in „Arrival“ unsere Erde besuchen, brauchen, so sagen sie, in dreitausend Jahren unsere Hilfe. Ich hätte das Objekt also noch einige Generationen lang weitervererben können, bevor es wirklich wieder zum Einsatz gekommen wäre. Unglücklicherweise lösen sich am Schluss von Villeneuves Film sämtliche zwölf Alien-Raumschiffe, die in verschiedenen Teilen der Welt Anker geworfen haben, in Luft auf, sobald die Menschen die Message der Besucher aus dem All verstanden haben. Woran hat mich das erinnert? Richtig: an den Trick, mit dem sich der Zauberer im Kindertheater am Ende selbst zum Verschwinden bringt. Die ältesten Kniffe sind eben immer noch die besten.

Filmfestivals sind Paradiese für Jäger und Sammler. Wenn man genau hinschaut, findet man in jedem Film irgendeinen Gegenstand, in dem die Essenz der Geschichte aufgehoben ist. In dem Eröffnungsfilm „La La Land“ von Damien Chazelle ist es der hölzerne Hocker, den Ryan Gosling aus irgendeiner Versteigerung gerettet und auf dem angeblich Chet Baker persönlich gesessen hat, in „The Light Between Oceans“ von Derek Cianfrance das silberne Kinderglöckchen, das Michael Fassbender und Alicia Vikander bei dem Baby in dem angeschwemmten Boot finden und das die Polizei am Ende auf ihre Spur führt. Das Kino ist eine Kunst des Immateriellen, der Schemen und Schatten, aber gerade deshalb greifen wir so gern nach den Requisiten, die es in seinem Spiel mit Sinn und Bedeutung auflädt. Wenn man genügend solcher Dinge zusammenbringt, könnte man am Ende eine eigene Geschichte der Filmfestspiele von Venedig 2016 erzählen. Eine Geschichte, in der ein Raumschiff, ein Hocker und eine Kinderglocke in einem Kinosaal zusammentreffen. Aber nur im Kopf.

02. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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01. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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Wo der Kellner Schläge kriegt

Der Palazzo del Cinema auf dem Lido© dpaDer Palazzo del Cinema auf dem Lido

„Buon giorno, sto cercando . . . ich suche die Via Rodi, ist die hier irgendwo?“ – „Keine Ahnung, ich wohne hier nicht.“ – „Nie gehört. Fragen Sie mal in der Apotheke.“ – „Ich muss weiter, ich habe zu tun.“ Mein Hotel liegt in der Via Rodi, und die Busstation, an der ich ausgestiegen bin, ist nur hundert Meter Luftlinie entfernt. Trotzdem wäre ich ohne Google Maps nicht hingekommen. Es ist, als wollte man sich in Berlin-Wilmersdorf nach dem sowjetischen Ehrenmal in Treptow durchfragen: Kenn‘ wa nich, ham wa nich, geh’n wa nich hin.

Ich denke deshalb gar nicht daran, irgend jemandem zu erklären, wie er zum Filmfestival in Venedig kommt – dass er erst mal raus muss aus der Stadt, mit dem Vaporetto zum Lido, auf den schmalen Landstreifen, der das Meer von der Lagune trennt, dann noch mal eine gefühlte Ewigkeit mit dem Bus, bis rechts vorne eine Art weiß angestrichene Flachgarage auftaucht, vor der ein Scherzbold rote Dreiecke aus Schaumstoff aufgepflanzt hat; das ist der alte Festivalpalast. Der neue sollte ein paar Meter weiter vorn entstehen, aber das nötige Geld versickerte irgendwo im Flachwasser der Bürokratie, und jetzt thront dort ein roter Kasten in Leichtbauweise, den man, weil ringsum ein paar Bäumchen stehen, „Pala Giardino“ getauft hat. Weiter hinten erhebt sich das Casinò, das alte Lido-Kasino, auf dessen labyrinthische Unübersichtlichkeit man sich wenigstens verlassen kann. Hier residieren, oft hinter roten Gardinen versteckt, auf drei Etagen diverse Presse-Einrichtungen, bei denen oft die eine Hand nicht weiß, was die andere tut; in einer Ecke gibt es Kataloge und Taschen, in einer anderen Pressehefte, in einer dritten die begehrten Festival-Ausweise, die man bei jedem Betreten des Geländes um die drei Hauptgebäude vorzeigen muss, damit der Polizist mit der MP um den Hals auch weiß, dass man das Kino nicht in die Luft sprengen will. Man kann jedenfalls stundenlang im Casinò herumirren, ohne je alle seine Geheimnisse zu ergründen, und vielleicht ist der rotgesichtige norwegische Filmkritiker, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe (wir nannten ihn „Trondheim“), ja immer noch darin unterwegs.

Genug gemeckert. Im Ernst glaubt ja niemand zu Hause in Deutschland, dass Filmegucken in Venedig wirklich Arbeit ist. Und es ist ja tatsächlich ein Traum, um Mitternacht aus dem Kino zu kommen, und draußen liegt der Lido mit all seinen Panini-Ständen und rotten Luxushotels, und das Meer rauscht von ferne, und die Pinien flüstern. Nur muss man halt am nächsten Morgen um halb neun wieder im Kino sitzen, und dann um elf, und dann um fünf, und dann wieder um halb acht, und so geht das zehn Tage lang, und am Ende hat sich der Zauber doch ein wenig abgenutzt.

Die italienische Schauspielerin Sonia Bergamasco bei der Eröffnung des Festivals© dpaDie italienische Schauspielerin Sonia Bergamasco bei der Eröffnung des Festivals

Das Festival hat seine Eröffnungsparty in diesem Jahr aus Solidarität mit den Erdbebenopfern in Süditalien abgesagt. Statt dessen ging ich zum Empfang der Branchenzeitschrift „Variety“ auf der Dachterrasse des Hotels Danieli neben der Seufzerbrücke, einem, wie es hieß, hoch angesagten Event. Kaum stand ich oben, fuhr wie auf Befehl einer jener Kreuzfahrt-Riesen durch den Giudecca-Kanal, deren gewaltige Schrauben dafür sorgen, dass Venedig noch etwas schneller im Boden versinkt als ohnehin unvermeidlich. Das Buffet, das zu Ehren des Jurypräsidenten Sam Mendes (des Regisseurs von „American Beauty“ und „Revolutionary Road“) unter dem Motto „Revolutionary Beauty“ stand, war etwas weniger spektakulär als im letzten Jahr, es puzzelte Fischiges, Fleischiges und Gemüsiges auf eine mir eher undurchsichtige Weise zusammen, wie es ja auch Festivalwettbewerbe tun. Ansonsten gab es verschiedene Spielarten mehr oder weniger erfolgreicher Schönheitschirurgie zu sehen, Chiara Mastroianni, die Tochter des großen Marcello (dass sie ihrem Vater immer ähnlicher sieht, ist hier ausnahmsweise ein Kompliment) trat an die Brüstung und ließ sich fotografieren, und eine Dame reiferen Alters sprach mich an und zog mich in ein Gespräch mit zwei weiteren reifen Damen, die allesamt in Venedig wohnen, eine von ihnen sogar in einem Palazzo.

Wie es denn da mit der Heizung sei, wenn der Winter naht, wollte ich wissen. Ach, sagte die Signora, dann komme halt der Klempner kurz vorbei und sehe nach dem Ding, und anschließend laufe für ein paar Monate alles tadellos. Im übrigen müsse man sich halt ein bisschen wärmer anziehen. Da stieg für einen Augenblick eine Vision in mir auf: Venedig und die Berlinale tauschen ihre Plätze, Berlin wird wieder zum Sommerfestival, und die Stars und die Kritiker bibbern im Februar in Ski-Anoraks und Pelzmänteln am Lido … na, vielleicht doch lieber nicht.

Die letzte Meldung: Auf dem Markusplatz ist ein Kellner von sechs holländischen Touristen krankenhausreif geschlagen worden, als er versuchte, die Holländer von dem Tisch seines Cafés zu vertreiben, an dem sie die in einer Gelateria gekauften Milkshakes verzehrten. Die Aggressoren konnten zunächst zur Vaporetto-Station Zattere flüchten, wurden aber dort von den Carabinieri dingfest gemacht.

Porca miseria.

01. Sep. 2016
von Andreas Kilb

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30. Mai. 2016
von Fridtjof Küchemann

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Die 73. Filmfestspiele von Venedig

FILE - The Golden Lion for Lifetime Achievement Award seen at the 70th annual Venice International Film Festival, in Venice, Italy, 29 August 2013. EPA/CLAUDIO ONORATI +++(c) dpa - Bildfunk+++ |© dpaIn Venedig geht es um den Goldenen Löwen.

Mit den Filmfestspielen von Cannes im Mai und der Berlinale im Februar zählt die Mostra zu den drei großen Filmfestivals der Welt. Von Mittwoch, 31. August, bis Samstag, 10. September, heißt Venedig zum 73. Mal Filmliebhaber aus aller Welt willkommen. Den Vorsitz der internationalen Jury hat in diesem Jahr der britische Regisseur und Oscar-Preisträger Sam Mendes.

Fürs Feuilleton der F.A.Z. wird Andreas Kilb aus Venedig zusätzlich zu den Filmkritiken für die F.A.Z. und FAZ.NET und Beiträge in diesem Blog schicken.

30. Mai. 2016
von Fridtjof Küchemann

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22. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Der Club der alten Männer

Ken Loach mit der Goldenen Palme im Blitzlichtgewitter von Cannes© AFPKen Loach mit der Goldenen Palme im Blitzlichtgewitter von Cannes

Sind die von Sinnen? Schon wieder Ken Loach? Mit einem Film, der nicht nur ein voll zu unterschreibendes Plädoyer für das uneingeschränkte Grundeinkommen mit besten Argumenten ist, sondern auch ein Sozialmärchen über die Solidarität derer, die das System aussperrt – diesem Film des Neunundsiebzigjährigen die Goldene Palme zu geben, das nehme ich persönlich. Er hat doch schon eine vor zehn Jahren hier gewonnen! Müsste für die zweite nicht mal mindestens ein Meisterwerk, etwas ganz anderes her? Und nicht ein Film, der aussieht wie seine anderen, nur nicht ganz so gut?

Nicht, dass ich per se für den deutschen Film die Daumen drücke, wenn einer in der Nähe ist. Nicht, dass ich immer glaube, eine Frau müsse gewinnen, weil endlich mal eine dran wäre. Obwohl endlich mal eine dran wäre! Aber dass „Toni Erdmann“ von Maren Ade der originellste Film im diesjährigen Wettbewerb war, voller frischer Energie, riskanter Entscheidungen, mit einem brillanten Drehbuch und großartigen Darstellern, daran dürfte es doch gar keinen Zweifel geben. Und der Lieblingsfilm fast aller war er auch. Außer der Jury, wie sich jetzt herausstellt. „Toni Erdmann“ bekam gar nichts.

Die Schauspieler Thomas Loibl (l.), Lucy Russell, Trystan Putter, Sandra Huller und Peter Simonischek mit der Regisseurin Maren Ade (2. v.r.) auf dem Weg zur Vorführung von "Toni Erdmann" in Cannes© dpaDie Schauspieler Thomas Loibl (l.), Lucy Russell, Trystan Putter, Sandra Huller und Peter Simonischek mit der Regisseurin Maren Ade (2. v.r.) auf dem Weg zur Vorführung von „Toni Erdmann“ in Cannes

15 Filme hat Ken Loach in Cannes über die Jahre im Wettbewerb gezeigt, und vor der Goldenen Palme vor zehn Jahren und nach der Goldenen Palme vor zehn Jahren auch sonst einiges gewonnen. Der Club der alten Männer möchte unter sich bleiben. Anders ist diese Entscheidung überhaupt nicht zu verstehen.

Da helfen auch die anderen Preise nicht weiter, die jeder für sich nicht skandalös sind, und einige der besten Filmen des Wettbewerbs sind tatsächlich dabei, „Sieranevada“ aber zum Beispiel, einer der allerbesten, fehlt auch. Ob „Personal Shopper“, was die Regie angeht, auf einer Ebene mit „Bacalaureat“ liegt, darüber ließe sich streiten, wenn man will, und nicht, von der Entscheidung über die Goldene Palme platt, schlecht gelaunt und sehr verärgert, gar nicht mehr geneigt ist, irgendetwas ernst zu nehmen, das diese Jurytruppe unter dem Vorsitz des alten Mannes Georges Miller hinter verschlossenen Türen ausgedealt hat. Mit der Goldenen Palme für „I, Daniel Blake“ findet ein zwar interessantes, aber nicht starkes Festival einen Abschluss zum Heulen. Denken Sie sich hier alle Kraftausdrücke, die Sie mögen, sie treffen, was ich sagen will. Die Hoffnung, es würde sich endlich etwas ändern in Cannes, war naiv, verführt, verfehlt.

Unter sich: Regisseur Ken Loach (M.) mit dem amerikanischen Schauspieler Mel Gibson (l.), dem britischen Drehbuchautoren Paul Laverty, der Produzentin Rebecca O'Brien und dem australischen Regisseur und Jury-Präsidenten George Miller© AFPUnter sich: Regisseur Ken Loach (M.) mit dem amerikanischen Schauspieler Mel Gibson (l.), dem britischen Drehbuchautoren Paul Laverty, der Produzentin Rebecca O’Brien und dem australischen Regisseur und Jury-Präsidenten George Miller

22. Mai. 2016
von Verena Lueken

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21. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Warten auf die Palmen

Jetzt sind wirklich alle Filme durch, und was bleibt ist: Warten auf die Palmen. Hier sind meine Favoriten – was nicht bedeutet, dass ich darauf wetten würde, es geht so aus, wie ich mir das wünsche. Ich wette nicht. Auf Jury-Entscheidungen schon gar nicht.

Wunschzettel

Goldene Palme: Toni Erdmann (Maren Ade)

Großer Preis der Jury: Sieranevada (Cristi Puiu)

Preis der Jury: American Honey (Andrea Arnold)

Regie: Kleber Mendonca Filho (Aquarius)

Hauptdarstellerin: Ruth Negga (Loving)

Hauptdarsteller: Dave Johns (I, Daniel Blake)

Drehbuch: Bacalaureat

Maren Ade mit einem ihrer Darsteller: Gebt ihr die Palme!© dpaMaren Ade mit einem ihrer Darsteller: Gebt ihr die Palme!

Außer der Goldenen Palme, die „Toni Erdmann“ und niemand sonst bekommen soll, kann von mir aus alles durcheinandergewürfelt werden.

Eine Palme jedeweder Art verdient haben auf alle Fälle die beiden rumänischen Beiträge „Sieranevada“ und „Bacalaureat“.

Würdige Preisträgerinnen für den Darstellerpreis, mit denen ich auch zufrieden wäre, gibt es reichlich: Sandra Hüller natürlich, Sonia Braga (Aquarius), Jaclyn Jose (Ma`Rosa), Kristin Stewart nicht zu vergessen (Personal Shopper).

Bei den Männern ist die Auswahl kleiner, Adrian Titieni aus „Bacalaureat“ war großartig, wie auch natürlich Peter Schimonischek in „Toni Erdmann“ und Joel Edgerton in „Loving“.

Am Sonntag Abend gegen 20 Uhr wissen wir, was die Jury über die Sache denkt.

 

21. Mai. 2016
von Verena Lueken

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20. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Sean Penn? Kitsch as kitsch can

In seiner etwas verhaltenen Pressekonferenz sagte Sean Penn, er „stehe zu seinem Film“. Was bleibt ihm übrig? Soll er sich distanzieren, weil die Presse buht und lacht, schon bevor es richtig losgeht? Weil schon das Motto wie eine Terrence-Malick-Parodie klingt und was dann kommt, genauso aussieht? Mit schrägen Einstellungen von Gesichtsfragmenten und in den Himmel hinein geschwenkte Bilder zu dröhnendem Orchestersound, wahlweise Harfenzirpen? Kurz vor Schluss des Festivals war Penns Beitrag zum Wettbewerb, „The Last Face“ gleichzeitig einer der Tiefpunkte – zwei glamouröse Stars, Charlize Theron und Javier Bardem, an höllischen Orten wie dem Südsudan mit der Absicht, die Welt zu retten. Verlieben sie sich? Na klar. Ineinander? You bet. Und drumherum wird geschossen, operiert, verstümmelt und gestorben. Gut gemeint? Bestimmt. Aber vor Eitelkeit strotzend, zirkulär erzählt in vergeblichem Kunstbemühen am falschen Gegenstand, schauerlich beschallt von der Musik von … genau: Hans Zimmer.

Vierlieben sie sich? Na klar! Charlize Theron und Javier Bardem in "The last Face"© Festival de CannesVierlieben sie sich? Na klar! Charlize Theron und Javier Bardem in „The last Face“

Das Festival neigt sich dem Ende zu. Die Branchenblätter haben ihr Erscheinen eingestellt, vorbei ist es mit den Kritikerlisten, auf denen Mare Ade einen historischen Punktestand von 3.8 aus 4 erreichte. Wobei das für Sonntag Abend, wenn die Preise vergeben werden, gar nichts heißt.

Immer noch wird offiziell behauptet, nein, der Eindruck habe getäuscht, dass es in diesem Jahr nicht ganz so voll war wie sonst – dabei erklärten Firmen, die im Filmmarkt arbeiteten, sie hätten deutlich weniger Leute mitgebracht, während die patrouillierenden Soldaten vermutlich die Touristen zögern ließen, sich hier in die Taschen gucken zu lassen.

Aber ja, es war deutlich leerer, um das festzustellen, musste man nur auf die Straße gehen. Leichtes Schwächeln in Cannes? Ja und Nein. Das Programm strotzte nur so von Stars, von großen Namen, Tradition. Im Wettbewerb und nebenan. Und jetzt schon beginnt das Geschnatter darüber, was kommt, wenn es für dieses Jahr mit dem Festival tatsächlich vorbei ist. Also im nächsten Jahr. Oder dem übernächsten. Niemand glaubt, es könne vielleicht einmal nicht so weitergehen wie bisher.

Das lauteste Geschnatter verursachte der schwerste Deal des Jahres, der dem „Irishman“, den Martin Scorsese mit Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci drehen wird, 50 Millionen Dollar für den Verkauf der internationalen Rechte bescherte. Es soll um die Ermordung des Teamsterchefs Jimmy Hoffa gehen, und der Bieterkampf soll unerbittlich gewesen sein. Ein Mobster-Film von Scorsese? Immmer noch unwiderstehlich.

Fast so unwiderstehlich, wenn auch deutlich billiger, ist ein Serienmörderfilm von Lars von Trier. Ein Serienmörderfilm, der dem Serienmörder über zehn Jahre auf dem Weg zum perfekten Mord folgen will. Was das kostet? Knapp zehn Millionen, heißt es.

Und noch preiswerter sollte „Sheik Jackson“ von Amr Salama zu haben gewesen sein, ein Film über einen ägyptischen fundamentalistischen Imam, der ein Fan von Michael Jackson ist.

Wollen wir das alles sehen im nächsten, übernächsten Jahr? Unbedingt!

 

 

20. Mai. 2016
von Verena Lueken

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18. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Das unbekannte Mädchen

Die Regisseure Jean-Pierre Dardenne (r.) und Luc Dardenne mit Adèle Haenel in Cannes© ReutersDie Regisseure Jean-Pierre Dardenne (r.) und Luc Dardenne mit Adèle Haenel in Cannes

Nach etwa dreißig Filmen in einer Woche verstellt sich das Wahrnehmungssystem. Es beginnt zu erkennen, was unerkannt bleiben könnte, weil es unwesentlich, nicht erkenntnisfördernd und überhaupt vollkommen nutzlos ist. Zum Beispiel dies:

Wieviele Filme beginnen mit dem Geräusch eines startenden, stoppenden, schlecht geschalteten oder hochdrehten Automotors? Mehr, als Sie denken. Eine Weile kam es mir so vor, alle fingen so an. Bevor es überhaupt ein Bild gibt. Der Rumäne „Sieranevada“, mit dem in Cannes der Wettbewerb begann. Da ging es los. Da hörte man die gesamte erste Szene hindurch dieses Auto, weil der Mann, dem es gehörte, alles mögliche außerhalb des Wagens tat, einen Stau verursachte, was mehr Motorenlärm brachte, und den Motor nicht ausstellte. Gleich der nächste Film, „Rester Vertical“ , ging genauso los. Mann im Auto. Allerdings nicht in Bukarest, sondern auf einer einsamen französischen Landstraße. Ohne Bild hörte es sich aber erstmal genauso an. „Toni Erdmann“: Ein Postwagen ist das erste, was wir hören. Und so ging es weiter, Film für Film, und dabei handelte keiner von Autos.

Und dann dies, heute früh. Dunkle Leinwand, der Film beginnt, der Ton kommt: Ein Atmen. Etwas schwer, aber deutlich erkennbar. Ein Mann atmet. Er hat ein Emphysem und eine Bronchitis oben drauf, so erfahren wird, als der Ton sich von ihm abwendet, die Ärztin ihr Stetoscop niederlegt und ihre Diagnose gibt. Auch das eine vollkommen nutzlose Information, denn der Mann verschwindet und taucht nie wieder auf. Aber immerhin lernen wir auf diese Weise die Ärztin kennen, um die sich der Film dreht.

Adèle Haenel in einer Szene des Films© Festival de CannesAdèle Haenel in einer Szene des Films

„La fille inconnue“ heißt er, gedreht von den Brüdern Dardenne, die hier schon alles mehrfach gewonnen haben in den letzten Jahrzehnten, was es zu gewinnen gibt, darunter zwei Goldene Palmen, und die trotzdem wieder dabei sind. Ich erwarte von ihnen, wenn sie schon wieder da sind, ein Meisterwerk. Etwas in der Liga von „Le gamin au velo“ von 2011 oder „Deux jours, une nuite“ von vorletztem Jahr, warum sonst sollten sie wiederkommen? Aber sie kamen, mit dieser wenig preiswürdigen Arbeit über ein totes Mädchen und die Frage, ob es hätte gerettet werden können und wer es überhaupt ist. Wie immer bei den Dardennes auch diesmal: absolute Reduktion auf eine moralische Frage. Ein Versäumnis, das tödliche Folgen hat. Ist das Schuld? Lässt sie sich wiedergutmachen? Durch ein anderes Leben? Die Examinierung dieser Fragen, das ist alles, was der Film tut. Keine Backstories. Kein Ausweg. Aber auch keine Leidenschaft für die Frage, die er so maliziös betrachtet, keine Wärme für eine der Figuren, eine schematische Übung in dem Fach, das die Brüder Dardenne eigentlich bestens beherrschen.

Die Ärztin hat übrigens auch ein Auto. Ihre Praxis liegt an einer Schnellstraße. Wenn sie das Fenster zum Rauchen öffnet, dröhnt der Motorenlärm herein.

18. Mai. 2016
von Verena Lueken

8
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17. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Protest auf dem roten Teppich

Die Schauspielerinnen Maeve Jinkings (l.) und Sonia Braga, die französische Produzentin Emilie Lesclaux und der brasilianische Regisseur Kleber Mendonca Filho vor der Vorführung von "Aquarius" auf dem roten Teppich© AFPDie Schauspielerinnen Maeve Jinkings (l.) und Sonia Braga, die französische Produzentin Emilie Lesclaux und der brasilianische Regisseur Kleber Mendonca Filho vor der Vorführung von „Aquarius“ auf dem roten Teppich

Heute bin ich über den roten Teppich gelaufen, die Treppen hoch und hinein in den riesigen Saal Lumière. Das ist an sich noch nicht ungewöhnlich, ich laufe da jeden Tag hoch, allerdings morgens um kurz nach acht zur ersten Vorstellung des Wettbewerbs, wenn noch niemand hohe Absätze und Kleider trägt, die aussehen, als seien sie aus den gefalteten, von eingeschnittenen Mustern durchlöcherten Papierbögen genäht, die wir als Kinder zur Dekoration ans Fenster klebten. Wenn noch keine Musik läuft und die Fotografen noch nicht Spalier stehen. Morgens um kurz nach Acht sind selbst der rote Teppich und die Stufen zum Palast hinauf eine glamourfreie Zone. Nicht so am Nachmittag.

Heute Nachmittag aber gab es nicht nur große Roben wie immer und strahlende Sonne wie nicht so oft in diesem Jahr, sondern einen politischen Protest. Das ist ungewöhnlich. Ungewöhnlicher noch, dass er im Saal weiterging und das Festival offenbar nichts dagegen hatte. Ihn vielleicht sogar genehmigte.

Es protestierten nämlich die Brasilianer, genauer das Team hinter dem Film „Aquarius“ von Kleber Mendonca Filho, dem schon vor der Premiere einiges zugetraut wurde, weil der Festivaldirektor ihn ausdrücklich als besonders sehenswert deklariert hatte. Das Team bestand aus zehn oder zwölf Leuten, das ist wegen der Kontrolleure und Sicherheitsleute drumherum nicht so leicht zu sagen, und diese zehn oder zwölf blieben oben auf der Treppe stehen, drehten sich um und hielten weiße Zettel vor die Brust und in die Kameras der Weltpresse. „We will resist“, war darauf zu lesen, oder „Brazil is no democracy“. Im Saal entfalteten sie noch ein Banner mit grüner Schrift, auf dem stand „Stop the coup d’etat in Brazil“. Die Zuschauer applaudierten heftig, weil sie offenbar auch gegen die Absetzung der Präsidentin Dilma Rousseff sind, möglicherweise aber auch, weil Sonia Braga wie eine stolze Königin in den Saal gekommen war.

Szene aus "Aquarius"© Festival de CannesSzene aus „Aquarius“

„Aquarius“ ist ihr Film. Sie ist eine Schönheit, immer gewesen, in Brasilien kennt sie offenbar jedes Kind, und ältere erinnern sich daran, dass sie als Sexsymbol angesehen wurde, was wieder einmal zeigt, wie wenig wir voneinander wissen. Sie spielt Clara, eine fünfundsechzig Jahre alte ehemalige Musikkritikerin, die in einem Haus direkt am Strand wohnt, aus dem eine Immobilienfirma alle anderen Mieter bereits herausgekauft hat. Clara aber will nicht verkaufen. Und während sie sich mit den Schikanen der Immobilienhaie herumschlägt und mit ihren erwachsenen Kindern diskutiert, was zu tun sei, und sich streitet, sickern Erinnerungen in die Erzählung, die gleichzeitig aber auch Elemente enthält, die mit Wohnungskrise und Vorleben nichts zu tun haben, den Besuch eines Gigolos etwa, den sie bezahlt, oder den Geburtstag ihrer Haushälterin. Das Ganze ist lose verwebt, voller Musik, vor allem von Schallplatten, und ist letztlich in erster Linie eine Hommage an diese Darstellerin. Sonia Braga nahm die Ovationen hin, als hätte sie mit nichts anderem gerechnet. Hocherhoben, wie sie durch den Film gegangen war bis zum krönenden Abschluss, wenn sie ihren Peinigern ein Termitennest auf den Konferenztisch kippt, das diese im Dachgeschoss platziert hatten.

Das Lied, das dazu spielte, habe ich nicht erkannt. Aber „Another one bites the dust“ von Queen, das am Anfang über den Strand wummerte, schon. Zum Einmarsch ließen die Künstler vor einem landestypischen Song und vor dem Entfalten ihrer Protestnoten Bob Dylas „Mama you`ve been on my mind“ spielen. Und mittendrin Sonia Braga. Das wird vermutlich nicht die Goldene Palme. Aber ein schöner Abend wurde es.

17. Mai. 2016
von Verena Lueken

8
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16. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Zombies

Man trifft sie spät in der Nacht, in der Nähe des Bahnhofs und der Märkte, die längst geschlossen sind. Zwischen verrottenden Essensresten, überquellenden Mülleimern, ein paar Katzen, ein paar Ratten, huschen sie von Schatten zu Schatten. Manche torkeln ein wenig, andere lassen den Kopf so tief hängen, dass ihre Balance nicht gesichert ist. Sie schwanken. Sie wiegen sich in den Hüften. Aber die Zombies von Cannes, die erst nach Ende der allerletzten Party auf die Straße gekehrt werden, sabbern zwar manchmal, aber sie beißen nicht.

Auf diese Erfahrung muss sich verlassen, wer aus dem Midnightscreening des koreanischen Films kam, in dem ein Virus für die Transformation von Menschen in Zombies sorgt und eine Gruppe von Leuten im Superschnellzug von Seoul nach Busan versucht, am Leben zu bleiben.

Einmal pro Festival muss das sein. Ein Horrorfilm. Vampire nicht so gern, knarrende Türen eher auch nicht, also Zombies. Dieses Jahr geliefert von dem südkoreanischen Trickfilmer Yeon Sang-ho, der aufgrund seines animierten Untoten-Films „Seoul Station“ den Auftrag bekam, eine Fortsetzung zu drehen, allerdings als live action. „Train to Busan“ kam dabei heraus, und die zahlreichen Arten, die er erfindet, wie man in einem Zug davonlaufen und seine blutrünstigen Verfolger aufhalten kann, sind eindrucksvoll. Sich durchs Gepäckfach robben. Handy-Klingeltöne zur Ablenkung benutzen. Baseballschläger einsetzen, denn eine Baseballmannschaft ist mit an Bord, was für bedingte Bewaffnung sorgt. Alles sehr effektiv. Ein Film aus einer einzigen Verfolgungsjagd. Das kriegen so genial nur die Koreaner hin.

Steigen Sie ein, um am Leben zu bleiben! Das war nur die halbe Wahrheit. Denn die Zombies vermehren sich immens und beißen, wen sie kriegen können. Beunruhigender aber noch als diese armen gefräßigen Gestalten sind einige der Passagiere. Sie halten die Türen zu, damit niemand mehr einsteigen kann. Sie werfen sich gegenseitig den Zombies zum Fraß vor, um selbst ein paar Sekunden Vorsprung zu gewinnen. Dagegen leuchten die Helden unter ihnen und solche, die zum Helden werden, umso strahlender. Was nicht heißt, dass sie überleben.

Das Gesellschaftsbild, das hier entworfen wird, ist zum Heulen, da ist es kein Trost, dass der Hedgefonds-Manager, in dessen Portfolie die Biotech-Firma einen großen Posten ausmacht, aus deren Werk dieser Virus entschlüpft ist, am Ende zwar ein guter Vater geworden ist, aber trotzdem seiner gerechten Strafe nicht entgeht.

Ich erzähle Ihnen das, damit Sie nicht denken, das Autorenkino von Cannes hätte nicht auch für guilty pleasures Platz. Manche Besucher und Einkäufer kommen überhaupt nur für guilty pleasures her. Wobei zum Beispiel die Gesetzeslage für käuflichen Sex sehr ungünstig geworden ist, weshalb auf den Straßen um den Bahnhof herum eben nur noch Zombies unterwegs sind. Und Ratten. Manchmal auch ein Hedgefonds-Manager.

 

16. Mai. 2016
von Verena Lueken

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14. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Toni Erdmann

Schallendes Gelächter in der Vorführung eines deutschen Films, das ist schon etwas sehr Ungewöhnliches an der Croisette. Ein deutscher Film überhaupt. Und dann dies: „Toni Erdmann“ von Maren Ade. Giggeln, als zum ersten Mal Peter Simonischek mit seinem falschen Gebiss auftritt, später lauthalses Lachen, wenn er eine Perücke dazunimmt Szenenapplaus für Sandra Hueller, die ein Lied schmettert und kaum einen richtigen Ton trifft. Kein Klamauk. Und am Ende umfassende Begeisterung.

Was ist passiert? Maren Ade hat mit „Toni Erdmann eine Filmkomödie gedreht, in der es um einiges geht, das ernst ist – um Familienbeziehungen und um das, was Leute, die so beschäftigt sind wie die Unternehmensberaterin Ines in Bukarest, die Sandra Hüller spielt, life-work-balance nennen. Um Sex mit Kollegen. Um Sexismus unter Kollegen. Und um Humor. Wann er hilft, wer ihn versteht, und wann auch mal gut ist. Das ist ungewöhnlich. Eine Komödie, die sich um Humor dreht. Viele Überraschungen für einen einzigen Film. Unvorsehbar für alle, die vom deutschen Kino nichts erwarten außer einem neuen Film der Alten oder Fuck ju Göhte 3.

Die Idee ist gewagt, funktioniert aber. Peter Simonische spielt Winfred, einen Vater, der keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter Ines, gespielt von Sandra Hüller, findet und deshalb die Figur des Toni Erdmann erfindet, einen angeberischen Möchtegern-Coach, der überall da auftaucht, wo Ines ihn nicht brauchen kann. Aber eben nicht als ihr Vater, sondern als diese Kunstfigur unter einer lächerlichen Perücke und mit einem Faschingsgebiss, und auch sonst würde er nicht gerade den Preis des Schauspielers des Jahres gewinnen (Peter Simonischek aber schon). Alle durchschauen, dass er nicht ist, wer er vorgibt zu sein, aber das trifft in gewisser Weise, wenn auch ohne falsche Zähne, auf alle anderen zu, die mitspielen. Ines, die einerseits hart verhandelt, sich andererseits aber auch gönnerhaft von einem Geschäftspartner als Einkaufsberaterin von dessen Frau hergibt. Ihr Chef, der sie vermeintlich fördert, aber ihr den Weg abschneidet. Aber auch Winfried, der bald Toni Erdmann wird, ist nicht das Vorbild des richtigen Lebens. Er ist sentimental. Ennervierend. Er kennt die Welt und ihre Härten nicht, in der Ines sich in Bukarest bewegt. Er will etwas mehr Glück für seine Tochter und läßt nicht locker. Und die Augenblicke, in denen sich zwischen den beiden kurz eine Verbindung herstellt, sind von großer Schönheit, wahr, bei alldem, was ihnen vorausgeht.

Wer unbedingt meckern will, kann sagen, ja, der Film ist mit annäherend drei Stunden zu lang. Ja, einige Szenen laufen ins Leere. Aber eine Szene wie die, in der Winfreds alter Hund sich zum Sterben unter einen Busch legt, während sein Herrchen neben dem Napf einschläft, und am nächsten Morgen in unspektakulärer Belechtung, mattem Licht, das nicht viel Kontur schafft, zu der Hundeleiche geht und noch einmal kurz das Fell streichelt, darin liegt vielleicht schon alles, worum es hier auch geht. Was Leben ist. Warum es sich lohnt, mal still zu halten. Ein toller Film. Mit einigen Chancen hier, vermute ich.

 

 

14. Mai. 2016
von Verena Lueken

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13. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Der sture Ken Loach

Die Dichte an Palmengewinnern im offiziellen Programm ist groß in diesem Jahr. Treue zu alten Freunden, könnte man sagen. Rückgriff auf Bewährtes, wobei jeder Film auch von Bewährten natürlich anders ist. Aber nicht unbedingt sehr anders. Bei Ken Loach zum Beispiel weiss man seit Jahrzehnten, was man kriegt.

Ken Loach macht seit fünfzig Jahren Filme. Filme über Ungerechtigkeiten im Leben von Menschen in England, die, meist nicht aus eigenem Verschulden, weit unten im Sozialgefüge angekommen sind, und vom System allein gelassen oder vergessen werden. Seit fünfzig Jahren zeigt uns Ken Loach die Welt, wo sie zum Heulen ist, und sagt immer aufs Neue aus unterschiedlichen Anlässen und zu verschiedenen Schicksalen, das müßte so nicht sein. Wir könnten das ändern. Und nichts geschieht.

Aber Ken Loach, der im Juni achtzig wird, dreht noch einen Film, in dem er das noch einmal sagt. Und wieder läuft er hier in Cannes. Wieder im Wettbewerb. Das ist treu. Stur auch. Bewundernswert.

Und obwohl „I, Daniel Blake“ viele Schwächen hat, eigentlich aus Schwächen und ein paar ergreifenden Augenblicken besteht, ist das schon eine großartige Haltung. „I, Daniel Blake“ dreht sich um einen Mann um die sechzig, der nach einem Herzanfall nicht mehr arbeiten darf und die volle Ladung englischer Bürokratie zur Verhinderung der Auszahlung ihm zustehender Sozialleistungen zu spüren bekommt. Wieder sehen wir den Zusammenhalt der Armen, hier in Gestalt einer alleinerziehenden Mutter mit zwei nervtötend reizenden Kindern. Den schwarzen Nachbarn, die mit Turnschuhen aus China Geschäfte machen, und dem kranken Mann mit den Formularen helfen. Die Tücken des digitalen Zeitalters. Es ist alles sehr vorhersehbar, und selbst das Ende kündigt sich eigentlich im Vorspann schon an.

Aber dennoch. Ken Loach, der schon so oft in Cannes war, dass er die besten Hotels und einige sehr miese Absteigen kennengelernt hat, macht, was er immer gemacht hat, einfach weiter. Und da wir in seinen Filmen Menschen sehen, für die sich nicht nur die englische Bürokratie nicht besonders interessiert, liegt darin eine besondere Würde.

Man könnte natürlich auch sagen: Warum tut er das, mit beinahe achtzig, da er doch seit Jahrzehnten weiß, die Welt ändert sich zwar, aber nicht so, wie er es für vernünftig hält und wie es fraglos auch vernünftig wäre? Vielleicht brauchte er das Kino, immer neue Filme, die wenig Geld kosten und mehr oder weniger um dasselbe Thema kreisen, damit er ohne Absturz ins Zynische über die Zeit kommen konnte. Dagegen sind alle Einwände gegen seine Filme nichts.

 

13. Mai. 2016
von Verena Lueken

6
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12. Mai. 2016
von Verena Lueken

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Donald Trump wird nicht Präsident!

Gewimmel, Geschubse, Ermahnungen, Blitzlichter, strahlende Gesichter, Schmeicheleien. Es ist immer dasselbe bei den Pressekonferenzn. Es wird viel geredet, dafür sind sie da. Meistens ist es leeres Gebrabbel, über die Vorbereitungen auf eine Rolle („viel gelernt“), die Besetzungsentscheidungen („die wichtigsten für einen Film“), die Dreharbeiten („wir hatten so viel Spaß miteinander“) und ähnliches mehr, das es nicht lohnt, dafür Schlange zu stehen. Am Ende wurde nichts gesagt, was Bestand hat.

Bei der Pressekonferenz für Jodi Fosters Kabel-TV-Thriller „Money Monster“ aber war das anders. Da sagte George Clooney, der in dem Film einen schmierigen Börsen-Talkshowmaster spielt, auf die entsprechende Frage: „Donald Trump wird nicht Präsident.“ Machte sich Erleichterung breit? Twitterten alle drauflos, Trump könne nach Hause gehen, er habe keine Chance? Nichts dergleichen. Alles ging weiter als hätte er uns nicht allen eine große Sorge genommen. Clooeny fügte noch hinzu, Amerika werde sich nicht von der Angst regieren lassen, nicht von „der Angst vor Muslimen, vor Einwanderern, vor Frauen“. Vor Frauen! Das war charmant. Und ein Glück, das zu wissen, bevor es richtig losgeht mit dem Wahlkampf, ist es auch, und das ausrechnet an dem Tag, an dem abends die Nachricht kam, die Republikaner und Trump, die bisher nicht so gut miteinander auskamen, würden sich zusammenraufen. Um eine Frau an der Spitze des Landes zu verhindern. Aber offenbar nahm es niemand wirklich ernst.

Wenn sich das Kino und die Leute, die es machen oder sonstwie davon leben, zu wichtig nehmen, wird es peinlich. Selbst wenn sie so aussehen wie George Clooney. Was auch eine Crux ist. Denn wenn er sagt, Teil des Problems Trump sei, was in „Money Monster“ Thema sei (das stimmt nicht so ganz, aber Pressekonferenzen sind ja auch dazu da, den Film, um den es geht, mögichst ins beste Licht zu rücken), nämlich die Tatsache, dass die amerikanischen Nachrichten-Shows keine Informationen mehr unter die Zuschauer brächten, ist das so banal wie richtig. Aber wenn Clooney es sagt, klingt es entweder wie Werbung, salbungsvoll oder anmaßend. Mund halten ist bei Pressekonferenzen keine Option. Es steht ja auch alles auf dem Spiel, wenn die Leute so tun, als könne man ihnen alles sein, der Star und der Clown und der Wahrsager dazu.

 

 

12. Mai. 2016
von Verena Lueken

17
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12. Mai. 2016
von Verena Lueken

8
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Bombig

Wie eine Bombe habe Sharon Stone damals in Cannes eingeschlagen, 1992 war das, als Paul Verhoevens „Basic Instinct“ das Festival eröffnete.

Wie eine Bombe schlug Woody Allens Eröffnungsfilm nicht ein. Aber eine winzige verbale Explosion immerhin gab es, als der Moderator der Eröffnungsgala, Laurant Lafitte, den Regisseur mit dem Satz begrüßte, es sei schön, dass dieser so viel in Europa drehe, obwohl er in den Vereinigten Staaten doch gar nicht wegen Vergewaltigung verurteilt sei. Ein Witz, der natürlich auch auf Roman Polanski zielte und die Galagäste mäßig amüsierte.

Woody Allen, Kristen Stewart und Jesse Eisenberg vor der Premiere von "Café Society"© dpaWoody Allen, Kristen Stewart und Jesse Eisenberg vor der Premiere von „Café Society“

Wie eine Bombe – das klingt nicht nur wegen „Basic Instinct“ wie aus einer anderen Zeit. Verhoeven hat es zwar gerade wieder gesagt, weil er in Interviews für seinen Film „Elle“ wirbt, der zu allerletzt am allerletzten Tag hier im Wettbewerb dran ist, da muss vorher gewirbelt werden, damit nicht schon alle weggucken. Ein Film über eine Vergewaltigung übrigens. Aber bei Bombe denkt niemand mehr an Filmstars.

Am ersten Tag vor der allerersten Vorführung: eine unendlich scheinende Schlange am Eingang zum Festivalpalast. Verschärfte Kontrollen, heißt es, hochgefahrene Sicherheitsvorkehrungen. Mit Absperrungen, in denen die Schlange zum Eingang gewunden wird. Der Festivalpalast, eine Festung?

Immer noch gilt höchste Terrorwarnstufe in Frankreich. Der Bürgermeister von Cannes hat versichert, 500 Beamte mehr als im letzten Jahr seien im Einsatz. Im April gab es eine Terrorabwehr-Übung mit speziellen Einsatzkommandos, an deren Ende, wäre sie Wirklichkeit gewesen, dreißig Tote zu beklagen gewesen wären. Es gab also einiges zu tun. Bedeuten die Schlangen, die Sicherheitslöcher wurden gestopft?

Soldaten in den Straßen von Cannes© AFPSoldaten in den Straßen von Cannes

Schwer zu sagen. Eher nicht. Wer es zum Eingang schafft, soviel scheint sicher, ist fast schon drin. Die Taschen werden wie in den vergangenen Jahren auch betatscht, jede Wasserflasche fliegt raus, aber ein Picknick-Messerset könnte man möglicherweise unerkannt mitbringen. Mit einem Piep-Gerät werden einem dann der Rücken und die Front gestreichelt, das ist auch schon lange so, fertig.

Bleibt die Frage, woher die Schlangen kommen? Man kann übrigens durch einen anderen Eingang in den Palast kommen, ein paar Stufen hoch direkt zum zweitgrößten Kino. Da sind die Sicherheitskontrollen noch lächerlicher. Vielleicht verlassen sich ja alle auf die Bombensuchtruppen, die regelmäßig das Gelände durchkämmen sollen. Unsichtbar, wie es sich für geheime Einsatztruppen gehört.

Das große Eröffnungsdinner fand jedenfalls ebenfalls im Festivalpalast statt. Das Ganze mehr oder weniger in Rot getaucht.Der Blick über den Hafen ist immer noch herrlich. Die Lichter der Yachten, ihrerseits angeblich sämtlich sicherheitstechnisch vollkommen durchgecheckt, blinken, der Regen hat vroübergehend aufgehört. Was könnte einem hier passieren? Vor allem als sich herausstellt, die beiden netten Herren, die die beiden leer gebliebenen Sitze an unserem Tisch enterten, nachdem alle Gäste eingetroffen und die Vorspeisen serviert waren, gehörten zum Service de la protection. Ausgewiesen durch einen Anstecker, den einer von ihnen am Revers trug. Nicht der im Smoking. Der hatte eine „Police“-Binde in der Brusttasche, die er uns fröhlich vorzeigte.

Ablog

Sie aßen mit uns, während sie einen Minister im Auge behielten, und sie sahen so aus, als wären sie direkt von der Leinwand aus einem französischen Kriminalfilm zu uns hinabgestiegen.

 

12. Mai. 2016
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10. Mai. 2016
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A palm tree is seen above an official poster of the 69th Cannes Film Festival on the Festival Palace in Cannes, France, May 10, 2016.  REUTERS/Yves HermanAn diesem Mittwoch geht es los, am 22. Mai geht es zu Ende: Das Filmfestival von Cannes eröffnet mit dem neuen Film „Café Society“ von Woody Allen.  21 Werke, darunter ein deutscher Beitrag, konkurrieren um die Goldene Palme. REUTERS/Yves Herman

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