Food Affair

Food Affair

Wie wir intelligenter essen

Liebe deine Pasta wie dich selbst

| 13 Lesermeinungen

Es war ein Schönheitschirurg, der alles bei mir veränderte. Er brauchte dafür kein Skalpell, sondern nur einen Satz.


Ich war zu einem Abendessen eingeladen, auf das ich wenig Lust hatte, obwohl mir klar war, dass das Essen hervorragend schmecken würde und eine willkommene Abwechslung zu meinen Ernährungsgewohnheiten wäre. Gemüse, das nicht nett drapiert neben einem Stück Fleisch auf meinem Teller lag, schreckte mich ab. Aß ich kein Steak, aß ich Tortellini alla panna vom Italiener nebenan – schon aus Prinzip, weil ich nie zu den Frauen gehören wollte, die in die Salatkategorie fallen, und sich im Restaurant nach den Inhaltsstoffen des Dressings erkundigen. Zum Frühstück gab es  ein Schokocroissant. Wer mehr als sieben verschiedene heimische Kräuter kannte, dem unterstellte ich insgeheim, Opfer des Bio-Irrsinns zu sein. Ideologisch verblendet. Vor meinem inneren Auge schlurften Bio-Jünger, die in ihren Küchen Chia Samen vorrätig hatten, mit Jutetüten in Scharen über Obst- und Gemüsemärkte. Idiotisch! Ich bestellte weiterhin Hamburger Royal TS bei McDonalds.
An jenem Abend also saß neben mir dieser Schönheitschirurg aus New York, was meine Laune beträchtlich steigerte. In freudiger Erwartung fragte ich ihn, welche Anti-Aging-Hautcreme mit Glow-Effekt er mir empfehlen könne. Er sah mich mitleidig an und sagte lächelnd: „Doesn’t matter honey, it’s all inside out.“
Was für ein Schlag ins Gesicht! Zumal von einem Mann, dessen ästhetisches Optimierungsgeschäft schnelle Lösungen verspricht. Er löffelte ungerührt seine Suppe und lobte die Kombination der Kräuter, ich wusste nicht einmal, was Pastinaken sind. Der Idiot, das war in Wahrheit ich.

 

„Ich bin Präsident der Vereinigten Staaten und ich werde keinen Brokkoli essen“

Was also tun? Es wird schließlich niemand mit einer Fast-Food-Obsession geboren. Kann man seinen Geschmack umprogrammieren? Und lernen, Gemüse zu lieben? Ja, kann man, es sei denn, man hält sich für ein traumatisiertes Brokkoli-Opfer wie George H. W. Bush, der einmal bei einer Pressekonferenz sagte: „Ich mag keinen Brokkoli. Und ich mochte ihn nicht, seit ich klein war und meine Mutter mich zwang, ihn zu essen. Ich bin Präsident der Vereinigten Staaten und ich werde keinen Brokkoli mehr essen“.
Was George H. W. Bush vergessen hatte ist die Tatsache, dass nicht nur das Auge mitisst, sondern auch unser Gehirn. Wir können es trainieren, bis es idealerweise beim Anblick von Gemüse Glückshormone ausschüttet. Im vergangenen Jahr ist eine beeindruckende kleine Studie amerikanischer Wissenschaftler – unter anderem der Harvard Medical School – erschienen, die ihre übergewichtigen Probanden sechs Monate auf eine ausgeklügelte Diät gesetzt hatten. Die Vergleichsgruppe durfte sich weiterhin den Bauch vollschlagen. Zu Beginn sowie nach Versuchsablauf wurden von allen Teilnehmern Gehirnscans gemacht, und zwar, während sie Fotos mit hochkalorischem und niedrigkalorischem Essen betrachteten. Das Ergebnis: Das Belohnungszentrum der Diät-Teilnehmer zeigte nach den sechs Monaten eine deutlich erhöhte Aktivität beim Anblick von gesundem Essen. Der Kentucky-Fried-Chicken-Geruch löste keine Heißhungerattacken mehr aus, die sie ins Lokal stürmen ließen, im Gegenteil. „Wir werden nicht mit einer Vorliebe für Pommes und einem Hass auf Vollkornpasta geboren. Diese Konditionierung geschieht mit der Zeit, weil wir immer wieder das essen, was in unserer ungesunden Nahrungswelt angeboten wird“, sagt eine beteiligte Forscherin.
Auch mein Verlangen nach gesundem Essen war nach einigen gemüseintensiven Wochen gestiegen. McDonalds ist für mich trotzdem kein vermintes Terrain, zumal, da hierzulande der Tischservice eingeführt wurde!

Wie laut müssen Chips im Mund brechen, damit wir süchtig werden?

Auch beim Essen ist Wissen Macht. Gemeint sind damit weder die besten Frühlingsrezepte, Pseudo-Detox-Kuren, Küchenmixer noch irgendwelchen Diätenwahnsinn. Entscheidend ist nicht nur, was wir essen, sondern auch wie, in welcher Umgebung, in welcher Stimmung, mit wem. Die Form des Tellers, die Beschaffenheit des Bestecks, die Musik, ja selbst der Körperumfang des Kellners beeinflusst unsere Wahrnehmung und damit unsere Entscheidungen – und unseren Genuss!
Wir fällen täglich zahllose Essensentscheidungen, die kontextabhängiger sind, als wir meinen. Essen ist auch ein Spiel mit Erwartungen, bewussten sowie unbewussten. Ein Spiel, das unser Verhalten viel stärker als jede Kalorientabelle und jeder gute Vorsatz steuert. Die wissenschaftliche Geschmacksentschlüsselung und Optimierung läuft auf Hochtouren. Nicht zufällig zieht das Forschungsfeld seit ein paar Jahren verstärkt Psychologen und Neurowissenschaftler an – Stichwort Neurogastronomie: Warum schmeckt Whiskey bei knarzendem Kaminfeuer besser als in einer bevölkerten Fußgängerzone? Wie laut müssen Chips im Mund brechen, damit wir süchtig werden? Welche Rolle spielen Erinnerungen? Wie sollte man aus neurogastronomischer Sicht seine Küche einrichten? Die Forschungsergebnisse sind Gold wert: Für die Lebensmittelindustrie, die Werbung, Restaurantbetreiber, Spitzenköche. Und für jeden einzelnen von uns. Wissen heißt auch, Manipulationsmechanismen zu durchschauen. Oder eben, sie geschickt im Sinne der Selbstoptimierung auszuprobieren: Wie wir intelligenter essen, darum soll es hier von nun an wöchentlich gehen.

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13 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Die FAZ macht einen Blog zum Thema Food? Großartig! Darüber habe ich mich wirklich gefreut! Ich bin gespannt, was Sie in Zukunft schreiben werden! Mit den besten Grüßen!

  2. Titel eingeben
    Na da bin ich ja mal gespannt!
    Die Interviews sind jedenfalls gut gewählt.!
    Viel Erfolg mit dem Blog!

  3. Koehler im Brasilianischen Urwald koennen auch es, was sie
    wollen, sie werden nicht fett, höchstens muskoloes von der Arbeit. Und Nahrungsfette tragen sich am leichtesten auf dem Weg zur Arbeit, eine Stunde in den Wald, weil sie pro Kalorie am wenigsten wiegen. Und vermutlich beeinflusst der Ausblick auf dem Weg zur Arbeit in der Tat psychologisch des Befinden sehr, falls zu Hause die Frau treu ist und kein Kind sehr krank. Wobei als beschaeftigungsloser Single in Großstädten fett sein und sich falsch ernähren kann auch sehr aufmerksamkeitfoerdernd sein, z.B. anstelle von abwechslungsreicher körperlicher Arbeit auch.

    ‚Ich haette mir aber lieber ein Wurstbrot genommen!‘ der kleine Junge im Kindergarten zum Mädchen mit Keks. Die Statistik erfindet es nicht andersherum.

  4. Schöner Artikel
    Schöner Text, vergnüglich zu lesen. Meckernde Trolle einfach ignorieren.

  5. Wir werden nicht mit einer Vorliebe für Pommes geboren
    Eine Binsenweisheit, wenn ich in China aufgewachsen wäre, schmeckten mir wahrscheinlich Hühnerfüsse, Hund und Katze.So ein Geschmack verändert sich. Kinder mögen meist keine Tomaten, Erwachsene esssen sie fast alle. In der ganzen Welt habe ich immer ergebnisoffen alles probiert. Und ich nutze den ganzen Reichtum der Märkte dieser Welt. Sonst würde mir viel entgehen. Als Hobbykoch gehen mir allerdings Nahrungsspezialisten wie z. B. Veganer auf die Nerven. diese Menschen leben nur noch halb.

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  7. Liebe deine Pasta wie dich selbst...Food Affair.
    Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist?

    „Es war ein Schönheitschirurg, der alles bei mir veränderte. Er brauchte dafür kein Skalpell, sondern nur einen Satz“.

    Arnold Schwarzenegger, bei dem ich Ende der 70er ein „Training und
    Ernährungsseminar“ besuchte, war ja irgendwie auf seine Art auch
    ein „Schönheitschirurg“. Sein Satz, der bei Vielen alles veränderte,
    hieß, soweit ich mich erinnere, „No pain, go gain“. Wobei Fleiß…
    aber vor allem „Body-Schmerz“ von ihm, mit „pain“, zum Ausdruck gebracht werden sollte, damals.
    Zu Anaboli(-smus-)lastig, dieser Gesundheitszweigidealismus.
    Viele Hinterzimmerseminare…Geschäftszweigseminare…
    Viele sind gestorben, in aller Stille. Deswegen wohl kein
    Einsichthandeln bis heute.
    Na ja, Ernährung, Gesundheit, Schönheit…Mode, Kunst…Fasten…
    wird immer wieder gerne genommen.
    Ich laß mich überraschen von Food Affairs, auch bezogen auf
    Ideal(annäherung)…oder „Religionannäherung“, Wissenschafttiefe
    die wir brauchen, oder nicht. Und vielleicht andere erkennbare
    Zusammenhänge…
    vielleicht Parallelgesellschaften…Elitärernährung…Privilegernä…
    Welternährung für alle…Lebenszeitaufwand…Not wenden…?
    Mit dem Magen ist es wie mit dem Geist. Man kann ihm nur Dinge zumuten die er auch verdauen kann?

    MfG
    W.H.

    P.S. Von mir…“Je gesunder der Geist, desto tiefer die Gesundheit“.
    Ich wünschte, ich könnte mit meinem Satz auch Alles
    in Allem verändern…
    bezogen auf 1 unendlich verfügbar gesunde Ernährung für alle:=)

    • Vielleicht...
      gilt ja für „Ernährung(sverkehr)“ auch der Satz von
      „Herrn Tegtmeier“ aus der Fahrschulprüfung…so in etwa…
      „Es ist nicht wichtig den 1. Paragraphen der Straßenverkehrsordnung
      auswendig aufsagen zu können, hauptsache man beherrscht ihn“:=)

  8. Intelligenz vom Schönheitschirurgen
    Verstehe. Die FAZ meint also, dass jemand, der vom Schönheitschirurgen erfahren musste, dass Essen das Hautbild beeinflusst, die richtige Person ist, einen Blog über intelligentes Essen zu schreiben. Super. Weiter so.

    • Seien Sie gewiss, der Zusammenhang zwischen Ernährung und Hautbild ist mir durchaus bekannt… Es geht hier allerdings – es ist ja kein Beauty-Blog – um etwas ganz anderes, wie Sie sicherlich bemerkt haben: nämlich um die Psychologie des Essens und um Neurogastronomie!

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