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Wie wir intelligenter essen

So werden Sie Deutschlands Grillkönig!

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###Iss Schatz, aber misch Dich nicht in meine Arbeit ein.                                      Foto dpa

Grillen, das ging einst so: Die Frau kaufte Bratwürste und Fleisch. Sie machte einen Kartoffelsalat und legte das Fleisch in eine Marinade aus Senf, Zwiebeln, Öl und Bier. Der Mann zündete unter Zuhilfenahme von Zeitungspapier und Gasbrenner die Grillkohle an. Was mitunter nervenaufreibend war und in der großzügigen Verwendung von Spiritus endete. Sobald sich weiße Aschehäufchen auf der flackernden Holzkohle gebildet hatten, wurden die Würste auf den Grill gelegt. Dort war meist zu wenig Platz. Also wurde hektisch gedreht, gewendet und umsortiert. Der Mann benutzte dazu eine Grillzange. Die war neben einer Fleischgabel das einzige Werkzeug. Als Luftwedel diente schon mal ein Stück Pappkarton, oder ein Föhn. Auf einem Beistelltisch stand eine Flasche Bier bereit. Jedes Mal nachdem der Mann aus ihr getrunken hatte, wurden auch die Würste mit Bier bespritzt, was dazu führte, das sie am Ende aussahen wie Biene Maja, mit dicken schwarzen Streifen. Man sollte ordentlich zulangen, weil sie kalt angeblich nicht schmeckten. Während alle am Tisch, mehr oder weniger heimlich, die schwarze Kruste zu entfernen versuchten, verspeiste der Mann am Grill demonstrativ die schwärzeste von allen.

Nach dem Grillen gingen die Kinder in den Garten zum Spielen. Die Erwachsenen begannen, sich zu betrinken. Nachdem alle Gäste gegangen und die Kinder zu Bett gebracht waren, wusch die Frau das fetttriefende Geschirr, der Mann kümmerte sich um den Grill oder um die Reste in den Getränkeflaschen. So war das damals.

Heute geht Grillen so: Die Frau schenkt ihrem Mann die Weber’s Grillbibel. Der Mann recherchiert im Internet und kauft einen Weber Grill. Unter dem englischen Begriff Gadgets findet er allerlei Zubehör, wie Anzündkamin, Kohleschaufel und Kohlezange, Grillschalen, Grillthermometer, Metallspieße, Fischbräter, Geflügelscheren, Messersets und Messerschärfer, digitale Fleischthermometer, Gussroste für das perfekte Brandig auf dem Steak und schließlich eine Grillbox aus Metall, in der sich alles aufbewahren lässt. Er bestellt die komplette Ausrüstung, wenn schon denn schon. Und dann recherchiert er von vorn, diesmal wegen der Zutaten. In diversen Foren sammelt er Tipps, wo es das beste Fleisch und die passenden Gewürze zu kaufen gibt. Auch hier ist das Online-Angebot gigantisch. Sobald das Fleisch, kilo- und nicht grammweise, eingetroffen ist, kann es schließlich losgehen. Der neue Anzündkamin erweist sich als treuer Helfer, nach einer halben Stunde ist die Glut perfekt. Was den Mann sofort zur Hochform auflaufen lässt. Unter anerkennenden Blicken seiner Grillgäste zaubert er ein Drei-Gänge-Menü vom Grill, für den Anfang, später werden es sieben Gänge, oder mehr. Die Frau bekommt glänzende Augen, wenn sie ihren Kollegen am nächsten Tag davon berichtet. Wie ausgewechselt, nicht wieder zu erkennen, nie gedacht, dass…sind Sätze die in diesem Zusammenhang fallen. Gegrillt wird von nun an häufig. So oft, dass es sich bald lohnt, in einen neuen Grill zu investieren. In einen, der noch mehr kann als der alte.

Beliebter als Harry Potter: Weber’s Grillbibel

„Gut und gerne zwei Stunden verbringt ein Hobbygriller vor jedem Grillen im Internet“, sagt Michael Suhr, einst deutscher Grillkönig in der „Kategorie Bratwurst“ und Grilltrainer. Das Internet ist der virtuelle Marktplatz, auf dem man sich über Fleischqualität, Zubereitungsarten und Beilagen austauscht. Viele der Rezepte stammen aus der Weber’s Grillbibel. Die ist eines der meistverkauften Bücher in Deutschland. Und wenn man sich die Rezensionen auf Amazon anschaut, beliebter als der letzte Harry Potter Band. Mittlerweile ist die im Jahr 2010 erschienene Grillbibel in der vierzehnten Auflage erhältlich. Ihr Verfasser stammt aus Amerika, dem Heimatland des Barbecue und heißt Jamie Purviance. Sein Bierdosen-Grillhähnchen, oder „Bierhinternhuhn“, wie es in Insiderkreisen genannt wird, hat es zu umstrittener Popularität gebracht. Über eine geöffnete, halbvolle Bierdose wird ein Huhn gestülpt und gegrillt. Das soll für ein saftiges Bieraroma sorgen, ist laut Verbraucherschutzbund aber gesundheitsschädigend. Da die Bierdose Aluminium enthält, sowie  Lacke und Farben, die sich in der Grillhitze vom Blech lösen und ins Fleisch dringen können. Aber mit oder ohne Bierdose, der Trend geht ohnehin zum Burger. Auch dafür gibt es eine Bibel: Weber´s Burger, mit sage und schreibe 100 Rezeptvarianten. Auch deren Autor ist Jamie Purviance. Der ehemalige Englischlehrer gelangte übrigens über Umwege an den Grill. Er unterrichtete gerade im Ausland, als seine Großeltern erkrankten. Ihnen zuliebe ging er zurück nach Amerika, wo er einen Job bei einem Caterer annahm. Dort entdeckte er nach eigenen Angaben seine wahre Leidenschaft: das Kochen. Er studierte daraufhin am kulinarischen Institut von Amerika (CIA). Nach seinem Abschluss arbeitete er auf einem Weingut als Koch. Gleichzeitig verfasste Purviance Texte über internationale Rezepte und wurde daraufhin von der Firma Weber kontaktiert, die nach einem Autor für die geplante Grill-Bibel suchte. Dass es ein gewinnträchtiger Schachzug der Firma Weber war, auf den attraktiven Purviance als Marketingfigur zu setzen, zeigt die Geschichte. Die Barbecue vernarrten Amerikaner verehren ihn wie einen Gott. Er wirkt bodenständig und sympathisch, und wenn er behauptet 30 (Weber) Grills in seinem Garten stehen zu haben, glaubt man ihm das. Die eigene Grillverrücktheit, die sich im Kauf eines dritten oder vierten Grills ausdrückt, wirkt daneben fast niedlich. Grillen wird zur Wissenschaft stilisiert und nur wer das richtige Werkzeug besitzt, kann auch vernünftig grillen, wird dem Verbraucher suggeriert. Marketingstrategien treffen dabei äußerst erfolgreich auf das Bedürfnis nach Anerkennung. Michael Suhr, der Bratwurstkönig, beschreibt es so: „Ziel ist das perfekte Ergebnis auf dem Grill. Oder eben neue Sachen zu entwickeln, wie den perfekten Burger. Man möchte sich abheben, von McDonalds und Co, und vom 0815 Standard. Und natürlich möchte man das Ergebnis mit möglichst vielen teilen, in den Rezeptforen oder anderswo.“ In seinem Bekanntenkreis werde gerade mit Brotteig experimentiert. Der Renner sei grün oder blau eingefärbter Teig. Das erinnert an Alfred Hitchcock.  Der lud einmal Gäste in ein Londoner Restaurant ein und servierte ihnen blaues Fleisch, das sie allerdings wegen des stark gedimmten Lichts nicht als solches erkannten. Erst bei voller Beleuchtung wurde ihnen klar, dass sie blaues Fleisch zu aßen, woraufhin einige Gäste von heftiger Übelkeit erfasst wurden.

Wenn Hipster unter den Wärmepilz flüchten

Gute Vorbereitung und regelmäßiges Training sind wichtig für den Grillerfolg. Je besser jeder Handgriff sitzt, desto tiefer wird der Flow empfunden: Man(n) geht völlig auf in seiner Tätigkeit. Für Suhr ein perfekter Zustand. Und wenn am Wochenende die deutschen Grillmeisterschaften in Hennef stattfinden, motiviert ihn vor allem die Teamarbeit. „Wenn alle Hand in Hand arbeiten, ist das ein unvergleichlicher Moment“. Dann gelingen auch Kreationen wie Eis-Eischneetörtchen vom Grill.

Für eine andere, derzeit populäre Grillmethode dürften die allerdings nicht geeignet sein: Das Smoken, oder Räuchern, wie es früher genannt wurde. Das dauert nämlich gut und gerne mehrere Stunden. Auch hierfür gibt es das passende Gerät, den sogenannten Smoker. Das ist die gusseiserne, lokomotivähnliche Variante eines Grills. Darin lässt sich das Grillgut behutsam räuchern, bis es auf der Zunge zergeht. Für den einzigartigen Geschmack sollen Zedernholz oder in Whiskey getränkte Buchenholzscheite sorgen. Sofort drängt sich das Bild vom bärtigen Hipster auf, der, in der Hand ein schweres Whiskey-Glas, tiefsinnige Gespräche über das ursprüngliche Leben führt, eines das mit Jagen und Feuer zu tun hat und mit sehr viel Freiheit. In die Grillkurse von Michael Suhr „hat sich allerdings erst einer dieser Hipster verirrt, und der stand als Einziger die ganze Zeit unterm Wärmepilz“. Na ja, vielleicht sitzen die anderen irgendwo in Mecklenburg rund ums Feuer, oder in einer Altbauwohnung in Prenzlauer Berg und blättern im neuen Walden-Magazin.

Auf die Frage, weshalb es nach wie vor die Männer sind, die es an den Grill zieht, hat Jamie Purviance eine einfache Antwort parat: „Sie können Ihre Grillkarriere beginnen, ohne die geringste Koch-Erfahrung zu haben. Das kommt vielen Männern sehr entgegen. Und die Frauen sind froh, dass ihre Männer beschäftigt sind.“ Bei Michael Suhr ist der Backofen übrigens seit fünf Jahren defekt. Daran stört sich aber niemand in seiner Familie, weil ohnehin nur noch draußen gegrillt wird. So ist das eben mit dem emanzipierten Mann, anstatt in der Küche rumzustehen, geht der raus und grillt. Dort darf er nicht nur mit offenem Feuer spielen, sondern bekommt dabei auch noch unaufgefordert ein Bier in die Hand gedrückt. Und die Frauen? Kümmern sich am besten ums Geldverdienen.  Bei der Firma Weber geht der Trend nämlich zur Outdoorküche, mit allem drum und dran, und das wird richtig teuer. Oder man macht es wieder wie früher und grillt einfach.

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6 Lesermeinungen

  1. Beer Butt Chicken ..
    … ist ein weiter Begriff, und wenn man statt einer Bierdose (bäh pfui) ein vom Durchmesser her passendes Glas nimmt und mir richtigem Bier füllt, ist es weder gesundheits- noch geschmacksschädlich.

  2. Weber hat sich zum Fußpilz der Grillerei entwickelt
    Das sieht man schon daran, daß man bei den üblichen Baumarkt-Verdächtigen die besten Grillbriketts auf dem Markt („GRill-Profi“ von Rheinbraun) nicht mehr in den Läden findet; nur noch die total überteuerten Torfmullpillen von Weber, die maximal zehn Prozent dessen halten, was die Werbung verspricht. Der Not gehorchend habe ich mir letzthin 20 kg „Grill-Profi“-Briketts vom Amazonas kommen lassen und sie beim Garen eines – jawohl!!! – Beer Butt Chickens direkt verglichen. In einem 57-cm-Weber! Linke Kohlenschütte Grill-Profi; rechte Kohlenschütte Weber-Sch…; der Hinkel war nach zwei Stunden perfekt; die Weber-Dinger waren ausgeglüht und schon am Erkalten, während die Grill-Profi-Briketts noch über zwei Stunden lang Hitze abstrahlten, die das Grillen einer Anzahl Steaks ermöglichte.

  3. Grillzubehör und Elektronik sind für den modernen Mann eben das,
    was Schuhe und Kleidung für Frauen sind. Ob das gegenüber dem vorherigen Gegenstück (Autozubehör) ein Fortschritt ist, weiss ich nicht. Es zeigt aber klar die angeborene Überlegenheit des männlichen Geschlechtes, das sich innerhalb weniger Jahrzehnte neu sortieren musste, während sich bei Frauen nichts geändet hat :-).

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Bei Frauen hat sich nichts geändert? Wir fliegen doch jetzt Flugzeuge und machen Politik, obwohl wir Schuhe lieben…

    • Kann ich leider, leider nicht gelten lassen, denn das gilt auch für Männer,
      nur mit zeitlichem Versatz nach vorne.

      Schuhe ole,
      Thorsten Haupts

  4. Grillmaßlosigkeit und andere Besessenheiten außerhalb humaner Vernunft.
    Ein roter Lebensfaden…für humanes Vernunftmaß.

    Desiderata

    Freue Dich Deiner eigenen Leistungen

    Viele Menschen ringen um hohe Ideale;
    und überall ist das Leben voller Heldentum.
    Sei Du selbst;…

    Aber beunruhige Dich nicht mit Einbildungen.
    Viele Befürchtungen sind Folgen von Erschöpfung und Einsamkeit.
    Bei einem heilsamen Mass an Selbstdisziplin sei gut zu Dir selbst.

    In der lärmenden Wirrnis des Lebens 
    erhalte Dir den Frieden Deiner Seele.

    Strebe behutsam danach, glücklich zu sein.

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