Food Affair

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Wie wir intelligenter essen

Rosenkohl, Brokkoli, Rosinen: Woher all der Hass?

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###© Picture AllianceRosenkohl. Ausgeburt des Teufels. (Foto Picture Alliance)

Wer Gäste zum Essen einlädt, fragt vorher meist gewisse Lebensmittel ab. Nicht nur wegen all der Nahrungsmittelunverträglichkeiten, deretwegen sich der eine die Nudeln und der nächste den Parmesan versagen muss. Sondern auch, weil einige Speisen und Gewürze beim besten Willen nicht als mehrheitsfähig gelten können. Leber ist so ein Fall, Meeresfrüchte, aber auch Anis, Kümmel und Koriander. Manche Menschen sind im Freundeskreis dafür berüchtigt, dass man ihnen eigentlich nur Schnitzel mit Pommes vorsetzen kann. Andere essen fast alles, hassen dafür aber Zucchini mit einer Inbrunst, die ihresgleichen sucht.

Es gibt vielfältige Erklärungen dafür, warum jemand ein Lebensmittel verabscheut – und es ist überhaupt nicht zu empfehlen, andere Menschen danach zu fragen, wenn man nicht auf Geschichten von schlecht vertragenen Krabbencocktails und verdorbenen Pilzpfannen steht. Dass der traumatisierte Magen sich nach solchen Erlebnissen für beides nicht mehr ohne Weiteres erwärmen kann, versteht sich von selbst. Andere berichten, wie sie als Kind immer dazu gezwungen wurden, grüne Bohnen zu essen. Berühmt wurde ein Ausspruch von George Bush aus dem Jahre 1990, der einem Reporter sagte: „Ich mag Brokkoli nicht! Ich habe ihn nie gemocht. Und als ich klein war, zwang mich meine Mutter immer, ihn zu essen, aber bei Gott, ich bin jetzt der Präsident der Vereinigten Staaten, und ich werde keinen Brokkoli mehr essen!“

Mit dieser Abneigung scheint Bush sich in guter Gesellschaft zu befinden. „Kinder hassen, was ihnen als gesund verkauft wird, weil es ihnen auferlegt wird“, erklärt Ernährungspsychologe Christoph Klotter. „Sie lernen zu unterscheiden zwischen Lebensmitteln, die gesund sind, und Lebensmittel, die gut schmecken.“ Es gibt zwar keine Studien darüber, welche Lebensmittel die meistgehassten sind – aber dafür wird dies bei Twitter lebhaft diskutiert. Während die Instagram-Gemeinde im Akkord schick angerichtete Pancakes postet, disst man auf Twitter lieber polarisierendes Essen. Die Anti-Brokkoli-Bewegung hält sich dabei nicht zurück.

Die legendäre Abneigung gegen Spinat hingegen, die Kindern geradezu angeboren zu sein scheint, hat sich bei den meisten Erwachsenen offenbar verwachsen. Zu den öffentlich am meisten geächteten Nahrungsmitteln gehört allerdings Rosenkohl.

Der Hass auf Rosenkohl liegt womöglich nicht nur am Geschmack. Auch die Konsistenz spielt eine große Rolle, erklärt Christoph Klotter. „Die Textur ist zentral für den Geschmack. Denken Sie nur an Chips, die müssen einfach knacken. Chips als Breisoße würde kein Mensch essen.“ Damit sind eher schleimige Lebensmittel wie Rosenkohl klar im Nachteil.

Am wildesten, und das muss nun doch überraschen, tobt im Internet allerdings der Kampf um die Rosine. Ja, ganz recht: Harmlose getrocknete Weintrauben bringen die Deutschen reihenweise an den Rand des Wahnsinns. Vor allem, wenn sie klammheimlich von böswilligen Tanten beim Familienfest in Käsekuchen versteckt wurden.

Woher kommt bloß diese heftige Abneigung gegen eine vertrocknete Frucht? Christoph Klotter findet deutliche Worte: „Die Rosine ist der Totenkopf der Weintraube. Sie deutet den Übergang in die Verwesung an. Alles, was in Richtung Tod geht, ekelt uns.“ Dass überhaupt jemand Rosinen essen mag, scheint also das größere Wunder zu sein.

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8 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Es gab Zeiten, da wurde gegessen, was auf den Tisch kam – entweder weil es nichts anderes gab oder man die Autorität der Eltern nicht anzweifelte. Heute gibt es keine Autoritäten beim Essen mehr, nicht nur bei US-Präsidenten, und die Vielfalt ist größer. Da kann man es sich leisten, wählerisch zu werden. Und wer die Wahl hat, entwickelt eben auch Antipathien. Zur Änderung des Geschmacks im Laufe des Lebens sei noch erwähnt: die Anzahl der Geschmacks- und Riechknospen nimmt mit dem Alter ab, weshalb weniger geschmeckt wird. Was manchem Kind daher unangenehm, ja widerlich schmeckt, bekommt beim Älteren einen passablen und interessanten Geschmack.

  2. Geheimtip:
    Rosenkohl in steifer Hühnerbrühe oder -Suppe bis an den Rand der Matschigkeit kochen. Könnt‘ ich mich für umbringen!

  3. Die Abneigung gegen Brokkoli & anderes Gemüse nördlich der Alpen
    Ich glaube, es gibt eine ganz einfache Erklärung für diese verbreitete Abneigung gegen Gemüse in Kulturen nördlich der Alpen – die Anglo-Amerikanische Familie Bush gehört dazu: – in unseren Kochtraditionen sind diese Gemüsesorten bis zur heutigen Generation fast nur bis zur Unkenntlichkeit zerkocht auf den Tisch gekommen, gewürzt allenfalls mit etwas Salz.
    Ich hatte als Kind nur italienisch zubereiteten Spinat zu essen bekommen, bevor ich in der Schule mitkriegte, dass meine Mitschüler Spinat hassten.
    Nachdem ich zum ersten Mal deutsch zubereiteten Spinat vorgesetzt bekam, war mir klar, warum.
    Es dürfte noch eine Generation dauern, bis die mediterrane Kochtradition die des deutschen Kleinbürgertums ausreichend durchdrungen hat und wir unser Gemüse „al dente“ zubereiten, in Butter gedünstet und in ein bisschen Weißwein geköchelt. Vielleicht mochte man das früher auch deshalb nicht, weil man schlechtere Zähne hatte als wir heute ….

  4. Rosenkohl ...
    … ist, richtig zubereitet, überhaupt nicht schleimig, sondern fest und knackig. Und hat, was Gemüse angeht, so mit den besten und intensivsten Geschmack überhaupt – vollwürzig, vollmundig mit ganz leichter Süße im „Nachgang“. Ein Hochgenuss!

  5. Woher all der Hass?
    Vielleicht die Gegenenergie des humanen Bildungskerns der in uns ist.
    Überfluß-Nahrung physisch…Kern-Nahrungsmangel psychisch-geistig.
    Wie soll sonst unser auf Humanreife ausgerichtetes Kern-Ich auf sein Nahrungsbedürfnis nach mehr
    humaner Geistnahrung, humanes Maßhalten, phys. und psych. aufmerksam machen, Beachtung finden?
    Es handelt gegen uns, eine gute Möglichkeit.
    Ein Psyche-Seelenhilfeschrei?
    Kennen Länder mit Hungersnot, Wassermangel und/oder Bildungsmangel
    dieses Nahrung-Hassproblem auch?
    Babys können nur schreien…bei Nahrungsmangel und bei
    Überfütterung ausstoßen. Und fasten begreifen sie nicht.
    Die „Schreie“ hören und übersetzen, nicht einfach.
    Müssen wir nur satt werden, geschmacksegal?
    Je mehr Hunger, desto mehr schmeckt…?:=)
    Nur der satte Magen mäkelt?
    Den humanen Nahrung-Maßbereich finden…jeder für sich…
    humanes Gesamt-Gleichgewicht…phys. und psych.-geistig…
    eine für die Gesamt-Gesundheit wertvolle Balance-Aufgabe.
    Vielleicht ist „gut schmeckend zubereitete phys. Nahrung“ Gift für uns.
    Weil wir dann viel zuviel Nahrung aufnehmen.
    Und „schlecht schmeckend zubereitete Psych.-Geist-Bildung-Nahrung“
    macht aus uns Human-Geist-Unterernährte…Babys…Schreihälse?
    Blöker…Blogger…so wie mich auch manchmal:=)

  6. Wer nicht einmal erwachsen genug ist, um den Reichtum und die Vielfältigkeit von...
    …Rosenkohl erkennen lernen zu können, sollte definitiv von seiner erzieherischen Mutter mit Gewalt vom US-Präsidententhron ferngehalten werden. Babs, konzentriere Dich also auf Jeb. Füttere ihn täglich mit Rosenkohl und sperre ihn bis nach der Wahl im Keller ein…
    Wer weiss welche unverarbeiteten Traumata er sonst noch im Amt auslebt. Deinen anderen beiden Männer haben ja bereits gezeigt, wie hart es werden kann…

  7. Rosenkohl schleimig?
    Man muß Gemüse ja nicht mit der „englischen Methode“ kochen: „Wenn die Zutaten gut sind, spielt es keine Rolle, wie lange man sie kocht und viel Wasser ist gesund…“
    In einem abgedeckten Gefäß mit ganz wenig Wasser in der Mikrowelle wird er so knackig wie man möchte.
    Ok – ich weiß, Mikrowelle ist nun wieder ein eigenes Reizthema – aber man kann damit tatsächlich auch kochen, sehr gut sogar!
    Beim Spinat ist es mE ähnlich: „Rahmspinat“ mit seiner typischen Nicht-Konsistenz ist auch bei Erwachsenen immer noch eher wenig beliebt, die Renaissance kam hier mit dem Blattspinat vom Italiener.

  8. Titel eingeben
    Wenn Rosenkohl schleimig ist, hat der Koch keine Ahnung!

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