Food Affair

Food Affair

Wie wir intelligenter essen

Als ich einmal fast einen Embryo aß

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###Nicht jeder Ente ist das Glück vergönnt, über eine grüne Wiese zu watscheln          Foto dpa

 

Die Beleuchtung des kleinen philippinischen Restaurants Maharlika im New Yorker East Village war so schummrig, dass man das Ei für ein ganz gewöhnliches Ei hätte halten können. Auf einem langen, schmalen Holzteller hatte es der freundliche Kellner gebracht und gesagt: „enjoy!“ Es klang, als hätte er die Delikatesse namens Balut am liebsten selbst gegessen.

Empfindliche Gemüter sollten an dieser Stelle besser aufhören zu lesen – denn bei dem Ei handelte es sich um ein angebrütetes Entenei. Auf den Philippinen ist Balut eine Spezialität, für die massenhaft Enten gezüchtet werden und die potenzsteigernde Wirkung entfalten soll, was allerdings wissenschaftlich nicht erwiesen ist. Als perfekt verzehrgeeignet gilt das Ei nach einer siebzehntägigen Bebrütung in einem Brutautomaten oder im warmen Sand bei einer Temperatur von 42 Grad. Zwanzig bis dreißig Minuten wird das Ei dann gekocht, währenddessen stirbt der Embryo. Man kann ihn offenbar aber auch ungekocht essen.

Geschmäcker sind so verschieden wie die kulinarischen Vorlieben unterschiedlicher Kulturen. Um von Ekelgefühlen geschüttelt angewidert das Gesicht zu verziehen – der Gesichtsausdruck für Ekel gleicht sich übrigens in sämtlichen Kulturen -muss niemand in die Ferne reisen, denn Essen, bei dem es einem kalt den Rücken herunterläuft, findet man überall. Es muss ja nicht gleich die mit lebenden Maden bevölkerte Käsespezialität Casu Marzu sein, die auf Sardinien als äußerst köstlich gilt und nur auf dem Schwarzmarkt gehandelt wird. In Vietnam beißt man zum Beispiel auch mal gern herzhaft in eine gegrillte Ratte, in Peru hingegen lieber in ein gefülltes Meerschweinchen. Und in China wird vom Hund bis zum Affenhirn gnadenlos alles verspeist, da kennt der Chinese nichts. Der deutsche Versandhandel „snack insects“ verschickt Schokolade mit gerösteten Mehlwürmern und Insekten-Lollies in verschiedenen Geschmacksrichtungen (Wurm Ameise, Grille, Skorpion). Die Liste ließe sich fortführen.

Aber zurück zum angebrüteten Entenei, das unser moralisches Empfinden auf eine harte Probe stellt: schließlich essen wir hierzulande für gewöhnlich keine Embryos. Das Tier durfte ja noch nicht einmal das Licht der Welt erblicken! Es durfte nie mit seinen Artgenossen spielen! Einen Entenembryo zu essen ist ein Tabubruch. Den Akt des Kochens nannte meine Begleitung entsetzt Abtreibung. Ein New Yorker Balut-Gegner, der den Verzehr als inhuman und abscheulich anprangerte, rief eine Online-Petition ins Leben um die Betreiber des Restaurants Maharlika zu bekehren. Das Ei, dass nur ein paar Dollar kostet, sollte von der Karte gestrichen werden. Mehrere tausend Menschen unterschrieben, was freilich wirkungslos blieb. Weshalb sollte ein philippinisches Restaurant auch eine landesübliche Speise von seiner Speisekarte nehmen? Würden wir einer philippinischen Petition Beachtung schenken, die, mit ähnlicher Begründung, den Verzicht von Lamm einfordert?

Das Ei stand bereits eine Weile vor mir, bis ich wagte, es zu öffnen: mit meinem Löffel klopfe ich zweimal fest auf das Ei, entferne ein Stück Schale und streute eine Brise grobkörniges Salz ins Innere. Ich schlürfe die lauwarme, vor allem salzig schmeckende Flüssigkeit. Ich schälte das Ei. Eine gelb-bräunliche, weiche Masse kam zum Vorschein, die geschmacklich an Eigelb erinnerte. Langsam näherte ich mich dem Embryo. Plötzlich erkannte ich deutlich einen Kopf, den dazugehörigen Schnabel, einen Körper. Behutsam beförderte ich den Embryo aus der Schale. Ich wollte ihn ja nicht gleich zerstückeln. „It`s a baby!“ rief meine Begleitung. Der Embryo fiel von der Gabel, mir wurde schlecht.

Um es kurz zu machen: ich aß die kleine Ente nicht. Vor meinem inneren Auge zog das idealisierte Leben, welches die Ente nicht leben durfte, an mir vorüber. Zügig verließen wir das Restaurant und machten auf dem Nachhauseweg noch einen Abstecher in eine Eisdiele. Selten habe ich mich so sehr über eine Kugel Cookies & Cream gefreut.

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6 Lesermeinungen

  1. Gegrillte Ratte?
    Ich lebe seit geraumer Zeit in Vietnam: ich kenne niemanden, der gegrillte Ratte issst …

  2. Asiaten essen weder Limburger noch Harzer Käse!
    In den Genuss des von Ihnen geschilderten Eßvergnügens bin ich in Kambodscha gekommen. Allerdings befand sich der Embryo nicht ganz in so weit fortgeschrittener Ausbildung. Aber ich habe mein Ei brav ausgelöffelt, schon aus reiner Neugier.
    Die potenzsteigernde Wirkung dürfte sich auf dem Niveau eines normalen Eis beschränken, denn während der Anbrütphase wird dem Eiinhalt ja nichts hinzugefügt.
    In der Dunkelheit leuchten auf den Reisfeldern unzählige Lichterfallen mittels Neonröhren auf. Sie locken Insekten an, die in der Dunkelheit gegen eine Plastefolie fliegen und in kleine wassergefüllte Tröge fallen. Am nächsten Tag werden sie in den zahllosen Straßenküchen geröstet angeboten.
    Im tropischen Afrika durchsuchen Kinder und Frauen Dung- und Komposthaufen nach etwa fingerlangen weißen Maden, die roh oder zubereitet verzehrt werden.
    Der Antrieb zu dieser Ernährung ist der ungestillte Eiweißhunger.

    Mit fielen Grüßen,

    Bernard del Monaco

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  6. Die endlichen Realitätenreifungen in unendlich maßloser Relativität...(Geist-)Universum.
    Es gibt die maßlose (Leben-)Relativität(-Leben-)Philosophie, die mit dem eigenen maßlosen Leben-Geist, in der maßlosen Geist-Relativität,
    auch ihre maßlosen Geist-Leben-Blüten treibt.
    Und es gibt die maßvolle Leben-Realität-Reife-Philosophie, innerhalb der unendlich maßlosen Relativität, die der maßvollen Plausibilität der Schöpfungsideen
    und ihren maßvollen Geistvielfalten dient und damit auch den eigenen Human-Geist ein Leben lang maßvoll blühend, human reifen lassen kann.

    Human-Sein ist nicht einfach und es kann keiner human reifer handeln
    als er…gebildet ist/ißt?

    Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.
    Winston Churchill

    Denken ist schwer, darum urteilen die Meisten.
    Carl Gustav Jung

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