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Wie wir intelligenter essen

So schützen Sie Ihr Gehirn vor Alzheimer

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###Für das Gehirn ein Festessen: frischer Fisch ist reich an ungesättigten Fettsäuren                 Foto dpa

 

Herr Beyreuther, Sie sind einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Alzheimer-Erkrankung und plädierten einmal dafür, selbst aktiv Prävention zu betreiben. Wie wichtig ist die Ernährung für unser Gehirn?

Etwa 25 Prozent des täglichen Energiebedarfs verbraucht das Gehirn. Das ist gigantisch, weil das Gehirn etwa nur 2 Prozent des Körpergewichts ausmacht. Das Gehirn ist ein Räuber, es holt sich die Energie, die es braucht. Andererseits ist das Gehirn aber auch extrem empfindlich. Bei einem hohen Energieumsatz entstehen viele freie Radikale. Es ist also enorm wichtig, ausreichenden Schutz vor freien Sauerstoffmolekülen herzustellen. Den besten Schutz haben Embryonen. Nun kann man schlecht tierische Embryonen essen,  anders sieht es mit „pflanzlichen Embryonen“ aus, sprich Obst, Gemüse, Kerne, Keimlinge und Samen. Letztere enthalten viele optimale und lebensförderliche, schützende Stoffe.

Ernährung dient also nicht nur der Nährstoffversorgung, sondern auch dem Schutz des Gehirns?

Es gibt sehr wenig belastbare Information dazu, was das Gehirn schützt. Belastbar ist, dass wir unbedingt ungesättigte Fette, wie das Fischöl DHA-Säure, brauchen, damit der Informationsaustausch im Gehirn stattfinden kann. DHA-Säure, eine Omega-3 Fettsäure, ist ein essentieller Bestandteil des Gehirns und kann nur selbst hergestellt werden, wenn wir pflanzliche Omega-3 Fette zu uns nehmen. Wir sind also auf eine regelmäßige Omega-3 oder DHA-Säure Zufuhr angewiesen. Es gibt eine weitere Faustregel: möglichst wenig gesättigte Fette essen. Milch ist ein Genussmittel und sollte in Maßen genossen werden, denn insbesondere Vollmilch enthält reichlich gesättigte Fette, die für Gehirn und Herz einfach nicht gut sind. Generell gilt: was für das Herz gut ist, ist auch für das Gehirn gut. Neuere Studien zeigen, dass wer ungesättigte Fette den gesättigten vorzieht, eine 25 Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit hat, an Alzheimer zu erkranken.

Omega-3 als Supplement – lohnt sich die Einnahme?

Ich nehme es, die Alzheimer-Forscher, die ich kenne nehmen es zum großen Teil auch. Es ist nicht eindeutig gesichert, aber es gibt einen Konsens, dass man Omega-3 nehmen soll.

Was passiert mit den freien Radikalen, wenn sie auf ungesättigte Fette treffen?

Sie sollten nie Vitamin E zu sich nehmen ohne Vitamin C, das in der Regel in Obst und Gemüse reichlich vorhanden ist. Was für Vitamin E gilt, gilt auch für Omega-3 Fette aus Leinöl, Kürbiskernöl, Rapsöl, die von Natur aus viel ungesättigte Omega-3 Fette enthalten.  Wenn freie Radikale mit Vitamin E reagieren und kein Vitamin C da ist, zerstört das die Zellhüllen, das hat man in Versuchen mit Ratten festgestellt. Bei gleichzeitiger Gabe von Vitamin C findet dieser Prozess nicht statt. Vitamin C wirkt schützend.

Frisches Obst ist also schützend?

Zum Obst gibt es neue interessante Ergebnisse, dass insbesondere die Fructose schädliche Nebenwirkungen hat. Fructose reagiert mit Eiweißen. Wenn Sie zu viele Äpfel essen, altern ihre Eiweiße. Auch hier ist der Konsum in Maßen geboten. Gerade beim Apfel, den ich persönlich sehr schätze. Einer am Tag reicht aus. Das gilt für alle Obstsorten, die reichlich Fructose enthalten. Hoher Fructosekonsum korreliert mit kognitiven Problemen im Alter. Gemüse dagegen ist problemlos.

Gemüse kann man also unbedenklich in großen Mengen verzehren?

Im Gemüse sind viele wichtige Spurenelemente.  Im Großen und Ganzen liegt man nicht falsch, wenn man den mediterranen Ernährungsempfehlungen folgt. Das ist eine von Ärzten entwickelte Empfehlung, die für kardiovaskuläre Erkrankungen empfohlen wurde und die man auch für das Gehirn empfehlen kann.

###Prof. Dr. Dr. h.c. Konrad Beyreuther   Foto:privat

Was halten Sie von Nahrungsergänzungsmitteln?

Es gibt Substanzen, die leider in vielen Supplementen enthalten sind, die man besser nicht nehmen sollte, es sei denn man hat einen Mangel. Dazu zählen Eisen und Kupfer. Schädlich ist vor allem auch Aluminium. Die Nervenzellen mögen keine Aluminiumsalze, sie gehen daran zugrunde. Nun ist der Mensch ja keine Nervenzelle in der Petrischale. Aluminiumsalze werden im gesunden menschlichen Gehirn nicht angereichert. Wir Alzheimerforscher allerdings sind vorsichtig und sagen, ein Alzheimer-Patient sollte wenn möglich nicht mit Aluminiumsalzen traktiert werden. Denn bei Alzheimer Patienten ist die Blut-Hirn Schranke gestört.

Gilt das erst im Alter oder mit Auftreten der Alzheimer-Krankheit?

Nein, wenn Sie heute eine Grippe, einen Kater haben oder eine Migräne, funktioniert ihre Blut-Hirn-Schranke möglicherweise auch nicht.

Zurück zur Ernährung, welche Rolle spielen Proteine?

Sie haben bestimmte Eiweißbausteine, die Sie nicht selbst herstellen können. Das heißt, Sie sollten auf ausreichende Proteinzufuhr achten. Wenn Sie einen Mangel an Eiweißen haben, ist das nicht gut. 60 Gramm pro Tag, 15 Prozent des täglichen Energiebedarfs sollte über Proteine gedeckt werden. Geeignete Eiweißquellen sind Hülsenfrüchte, Fisch, fettarmer Käse und Fleisch. Ich bin ein starker Verfechter der vernünftigen Eiweißzufuhr, weil ich nicht will, dass ich Muskeln abbaue. Aber auch hier gilt: Alles Extreme entspricht nicht der menschlichen Physiologie. Egal ob Eiweiße oder Zucker, zu viel ist einfach nicht gut. Das Gehirn braucht Zucker, in Form von Kohlenhydraten. Man sollte aber nur soviel Zucker aufnehmen, wie man auch täglich verbrennt. Zuviel Zucker schädigt die Nervenzellen. Ich glaube, das Problem liegt nicht darin, dass wir uns falsch ernähren, sondern zu viel oder zu einseitig essen. Einseitige Ernährung ist das große Problem.

 Welche Rolle spielt die Ernährung bei der Entstehung von Alzheimer?

Die Ernährung spielt zu 25 Prozent eine Rolle bei der Entstehung von Alzheimer. Mehr nicht. Viel wichtiger ist Bewegung. Dafür gibt es einen einfachen und plausiblen Grund. Wenn sie sich bewegen, aktivieren Sie Ortszellen und Zeitzellen im Gehirn. Ihr gesamtes biografisches Gedächtnis geht nur über Ort und Zeit. Und deshalb ist Bewegung so wahnsinnig wichtig. Bewegung ist das A und O für das Gehirn überhaupt. Wer sich bewegt, produziert mehr Nervenwachstumsfaktor im Blut und Gehirn. Das regt die Merkfähigkeit durch Bildung neuer Nervenkontakte an. Und wenn Sie sich dazu noch geistig stimulieren, Musik hören, unterhalten, lesen, haben sie den größten Schutz.

Und wie verhält es sich mit Übergewicht? 

Leichtes Übergewicht ist bei älteren Menschen protektiv. Ich sage immer, wenn ihr alt werden wollt, esst Euch einen „Ranzen“ an. Alzheimer hat etwas mit Mangelernährung zu tun. Wir sehen sehr viel Mangelernährung bei älteren Menschen beim Vitamin-B Komplex. Es gibt keinen Automatismus, dass im Alter die Leistung des Gehirns nachlässt. Das ist ein weitverbreitetes Märchen. Alte Menschen mit kognitiven Ausfällen haben dies aufgrund neurodegenerativer Erkrankungen. Das weiß man heute mit Sicherheit. Es gibt Menschen, die kein Alzheimer entwickeln können. Die leben in Island und werden hundert Jahre alt, ohne kognitive Ausfälle. Bis ins hohe Alter ist das Gehirn in der Lage, neue Informationen zu speichern. Es gibt Menschen, die sind anfällig, andere können tun und lassen was sie wollen, und werden steinalt.

Das klingt, als müsse man sich weniger Gedanken um die Ernährung machen, als gemeinhin angenommen wird?

Natürlich ist es auch wichtig, dass man Maß hält! Wenn Sie spät abends üppige Mahlzeiten zu sich nehmen, beeinträchtigt dass Ihren Schlaf. Wir wissen, dass im Schlaf das Volumen der interzellulären Gehirnflüssigkeit um 70 Prozent zunimmt. Das Gehirn wird in diesem Zustand regelrecht geflutet mit Gehirnflüssigkeit. Dieser Reinigungs- und Filtermechanismus ist extrem wichtig. Toxisches Alzheimer Eiweiß wird im Schlaf stärker ausgewaschen.

Wir können zuversichtlich dem Alter entgegensehen, sollten aber nicht vergessen, dass der emotionale Input auch eine große Rolle spielt. Es geht bei alledem ja auch um das Genießen. Das Glücksgefühl beim Essen ist genauso wichtig wie das Lachen und das Zufriedensein mit sich selbst. Aber, wir sollten uns auch nichts vormachen, die letzten Lebenstage können schwierig werden, auch wenn wir uns noch so gut ernähren.

Konrad Beyreuther leitet seit 2006 das Netzwerk Alternsforschung an der Universität Heidelberg. Von 1987 bis 2007 forschte er dort am Zentrum für Molekulare Biologie. 1988 entdeckte er gemeinsam mit britischen Wissenschaftlern den BSE-Erreger. Konrad Beyreuther war entscheidend an der Entdeckung der chemischen Struktur der charakteristischen Amyloid-Ablagerungen der Alzheimer Krankheit und dessen Gen beteiligt.

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9 Lesermeinungen

  1. PD. Dr. med. Michael Nehls
    Alzheimer ist eine Mangelkrankheit, die von einem gestörten Hirnwachstum im Hippocampus ausgeht. Wie bei allem Wachstum gilt hier das Gesetz des Minimums, d.h. die knappste Resource limitiert das Wachstum. Das kann bei jedem ein anderer Mangel sein, weshalb Prävention aber auch Therapie individuell gestaltet werden muss. Wenn man das einmal begriffen hat, erklärt sich auch, weshalb ein Folsäuremangel, aber auch ein Mangel an Bewegung oder jeglicher andere dieselbe Krankheit verursacht. Es erklärt, weshalb montherapeutische Versuche scheitern, und groß angelegte Interventionen, die nur einen Mangel angehen, die Krankheit nicht komplett aufhalten. In „Alzheimer ist heilbar“ habe ich diesen evolutionsbiologischen Denkansatz nun für jeden zum Nachlesen bis zum logischen Ende gedacht.

  2. Hype um Omega 3
    mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind oxidationsanfällig, darunter auch Omega 3, insbesondere aber Omega 6. Hoher Konsum letzterer ist wohl mind. genauso schädlich, wie gesättigte Fettsäuren. Also Mangelerscheinungen zu beseitigen bei Omega 3 mit zugleich oxidativem Schutz, macht Sinn, bei Hochdosierung geht der Schuss nach hinten Los. Relativ unproblematisch sind einfach ungesättigte Fettsäuren. Wieso Omega 3 ein Wundermittel sein soll, erschließt sich nicht. Alles was für den Körper essentiell und in Maßen verträglich ist, wäre demnach ein Wundermittel.

  3. Meine geliebte Apfelkiste ...
    aber ein hervorragender Artikel, dem ich nichts hinzufügen könnte.

    Mit fielen Grüßen,

    Bernhard del Monaco

  4. :=)
    Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat.
    Winston Churchill

    Mein Six-Pack im zarten Alter von 64 ist kein Beweis für Mangelernährung sondern für 300 Sit-Ups pro Woche…hoffe ich.
    Und ein Bäuchlein im Alter ? kein
    Mangelernährung-Gegenbeweis…denke ich.

  5. Titel eingeben
    Endlich macht sich jemand für die omega-3 Fettsäuren stark. Nach unseren Zahlen haben etwa 3/4 der Bevölkerung suboptimale Spiegel von EPA und DHA (von Schacky C, PLEFA 2015;92:41-7, oder J Lab Med 2014;38:167-78) . Allerdings – und hier irrt Herr Beyreuther – lässt sich ein Mangel an DHA nicht durch pflanzliche omega-3 Fettsäuren beheben. Und EPA wird auch kaum gebildet. Deshalb muss man EPA und DHA direkt zuführen, um das Gehirn gesund zu halten. Während Zufuhr und Spiegel von EPA und DHA kaum im Zusammenhang stehen, ist der Zusammenhang zwischen Spiegeln und Hirnleistungen recht eng (z.B. Tan et al Neurology 2012;78:658-64).

  6. Auch interessant, aber wer läuft schon mit einem derartigen Ernährungslexikon herum?
    Tatsächlich kenne ich eine ganze Menge von Menschen, die gegen nahezu alle der hier aufgestellten Regeln verstoßen haben und trotzdem sehr alt geworden sind ohne an Alzheimer erkrankt zu sein. Und auch ich selbst ernähre mich nur nach dem sogenannten gesunden Menschenverstand und worauf ich Appetit habe und komme damit gut zurecht. Ich habe gelernt, dass alle derartigen „Ernährungsregeln“ bestenfalls für den Müll sind, weil sie niemand befolgen kann und auch nicht sollte. Eine gute gut ausgewogene Ernährung und ausreichende körperliche Bewegung dürften wohl eher ein Rezept für Gesundheit sein. Alles andere kommt wie es kommt, weil es wohl eher genetisch bedingt ist.

  7. Ich finde dieses Arikel auch sehr gut weil er wirklich einen Infowert hat
    Bewegung ist natürlich auch ein zentrales Kern der Geist und Körper gesund hält.

  8. Das schöne:
    Diese Empfehlungen gelten bezüglich fast aller Krankheiten. Dieser Artikel bezieht sich auf das Gehirn. Und hier kann dem klassisch westlichen mediziner klar werden, dass viele unserer aktuellen Methoden bei Krankheiten zu extreme sind. Was hilft es einem menschen kurzfristig gerettet zu sein, wenn der Eingriff aufgrund der Tiefe zu weiteren Schäden führt. Wer dick ist z.B. sollte einfach versuchen des Gewicht zu halten und daran arbeiten es langsam zu reduzieren. Im Sport ist es ja genau so. Beim Einstieg in den Sport ist es durchaus nachhaltiger erstmal nur 1 Einheit pro Woche zu trainieren. Der Körper meldet sich automatisch, wenn er mehr haben möchte.

    Der Artikel sendet auf jeden Fall die richtigen Signale. Mehr davon.

  9. Nicht nur Folsäuremangel
    90 % der Deutschen haben Folsäuremangel, das gilt auch für die Älteren. Und Folsäuremangel und Alzheimer hängen zusammen, denn ohne Folsäure wird Homocystein nicht angebaut. Das schädigt Arterien und Nerven. Zu Alzheimer und Folsäure gibt es auch Untersuchungen. Jede Menge Mangelernährung auch bei anderen Vitaminen, laut „Nationale Verzehrsstudie 2008“. Ich verstehe nicht, wie man da von Nahrungsergänzung abraten kann.

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