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Wie wir intelligenter essen

Warum Diäten nicht funktionieren

| 16 Lesermeinungen

###Zeichnung Sonja Hansen

Spätestens nach Weihnachten werden wir wieder mit absurden Tipps fürs schnelle Abnehmen überschwemmt werden. Dieser Diätenirrsinn wird sich dann zuverlässig bis zum Sommer auf einem hohen Niveau halten, so wie jedes Jahr. Bei wem dann weder die „Schlank-in-30-Tagen-Bikini-Diät“ noch die „Low-Carb-Diät“ funktionieren, darf sich dann wie ein Versager fühlen – und das völlig zu Unrecht!

Warum, können wir nun schwarz auf weiß nachlesen. Eine aufwendige Studie von Wissenschaftlern des Weizmann Instituts im israelischen Rehovor, an der 800 Probanden teilnahmen, sorgte unlängst für Aufsehen.

Eine Woche lang wurde der Blutzuckerspiegel der Teilnehmer alle fünf Minuten gemessen. Per App informierten sie die Forscher zudem detailliert über ihr Schlaf- und Essverhalten, Stressmomenten, sportliche Betätigung und sonstige Aktivitäten.

Die Erkenntnis: „Allgemeine Ratschläge zur Ernährung und Diätempfehlungen für die Bevölkerung sind ziemlich fragwürdig und nur von begrenzter Wirksamkeit“, so der Wissenschaftler Eran Segal. Was für den einen gesund ist, muss es noch lange nicht für den anderen sein. Jeder Mensch ist anders. Das klingt banal, doch die Ernährungswissenschaft tendiert dazu, alle über einen Kamm zu scheren. „Manchmal haben die Teilnehmer komplett gegensätzlich auf eine Mahlzeit reagiert.“ Dass die Unterschiede zwischen den Individuen so groß seien, sei von der Ernährungswissenschaft noch viel zu wenig berücksichtigt worden. Segal konstatiert riesige Lücken in der Forschung. Bei einer Teilnehmerin ließen zum Beispiel Tomaten den Blutzuckerspiegel dramatisch in die Höhe schießen, bei anderen Teilnehmern stieg der Blutzuckerspiegel nach dem Verzehr von Sushi stärker als nach einem Eis. Möglicherweise ist ein Marzipancroissant am Morgen eben doch genau das Richtige. Weshalb? Laut Wissenschaftlern spielt die Darmbakterienflora eine Rolle, ebenso das Alter, der Body-Mass-Index und die Bewegungsgewohnheiten. Benötigt würden deshalb keine allgemeinen Diät-Empfehlungen, sondern individuell maßgeschneiderte Ernährungsratschläge, um einen erhöhten Blutzucker zu kontrollieren. „Vielleicht gehen wir ganz falsch an die Epidemien Übergewicht und Diabetes heran. Wir tun so, als ob wir wüssten, was wir dagegen tun können und dass es nur daran liege, weil die Leute nicht auf uns hören und weiter unkontrolliert essen. Vielleicht hören uns die Leute schon zu, aber wir geben ihnen die falschen Ratschläge.“

Einerseits ist das eine ungeheuerliche Aussage, andererseits illustriert sie nur die Geschichte der Wissenschaft. Erkenntnisse sind niemals in Stein gemeißelt. Was gestern noch schädlich war und auf der Tabuliste stand, kann heute problemlos konsumiert werden. Immer wieder kommt es vor, dass Lebensmittel plötzlich in völlig neuem Licht erscheinen – Stichwort Flüssigkeitsräuber Kaffee. Beim Spinat zum Beispiel wurde schlicht die Kommastelle beim Eisengehalt falsch gesetzt, was ihn auf dem wissenschaftlichen Papier gesünder machte, als er in Wahrheit auf dem Teller ist.

Dicke Eltern, dicke Kinder?

Diätratgeber bedienen zwar die Bedürfnisse einer Optimierungsgesellschaft perfekt,  transportieren aber inhaltlich oft Humbug. Diesen Humbug zerlegt unter anderem die Psychologin Traci Mann in ihrem Buch „Secrets froom the eating lab“ in seine Einzelteile. Eine Attacke, mit der sie sich unter Diät-Experten etliche Feinde gemacht haben dürfte. Traci Mann schätzt klare Ansagen und beginnt ihr erstes Kapitel mit den Worten: „Diäten funktionieren nicht.“ Dafür gibt es ein paar einleuchtende Erklärungen, zum Beispiel unsere Gene: die Beziehung zwischen ihnen und dem (Über-) Gewicht ist eng. Sind die eigenen Eltern dick, ist die Wahrscheinlichkeit, selbst füllig durchs Leben zu gehen, größer als bei schlanken Eltern. Gene , so Traci Mann spielten eine unbestreitbare Rolle bei der Regulierung des Gewichts. „Die meisten von uns haben ein genetisch festgelegt Gewichtsbereich. Wenn wir versuchen, über oder unter diesem Bereich zu leben, kämpft unser Körper mächtig damit , sich anzupassen.“

Auch unsere Willenskraft macht uns einen Strich durch die Abnehmrechnung. Schließlich leben wir in einer paradiesischen Nahrungsmittellandschaft. Der Garten Eden ist dagegen ein Witz. Wir sind von Verlockungen umstellt. Diät halten bedeutet, diesen Verlockungen permanent zu widerstehen und ein Meister der Selbstkasteiung zu werden. Plätzchen und Lebekuchen? Gestrichen! Frische Pasta mit Steinpilzen? Gestrichen! Weißbrot mit Nutella? Gestrichen! Belgische Waffeln? Gestrichen! Je mehr wir uns versagen, je verbissener wir unsere Essgelüste kontrollieren, desto stärker wird allerdings unser Verlangen. Selbst asketisch veranlagte Menschen ziehen bei der Dauerverführung irgendwann den Kürzeren. Ingrid Fedoroff von der University of British Columbia konnte bereits vor Jahren in einem Versuch zeigen, dass die kraftzehrende Selbstkontrolle Gefahren birgt. Die Probanden wurden erst zehn Minuten lang Pizzaduft ausgesetzt, danach durften sie essen – so viel sie wollten. Das Ergebnis: Die im Alltag bewussten, bemüht kontrollierten Esser aßen besonders viel.

Fazit: Jetzt sämtliche guten Ernährungsvorsätze über Bord zu werfen wäre freilich zu kurz gegriffen. Das Verzichtsgerede, mit dem wir dauerbeschallt werden, hilft allerdings auch nicht weiter. Am besten, man hält sich an folgende japanische Weisheit: Hara hachi bun me, was so viel bedeutet wie, „iss, aber nur so viel, dass du zu 80 Prozent voll bist.“

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16 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Ich kann leider die Studie nicht finden, auf die hier Bezug genommen wird; weder Eran Segal noch das Weizmann Institut als Information reichen aus, um eine Veröffentlichung zu finden, in der genau das beschrieben wird – es wäre sehr hilfreich, Originalliteratur auch korrekt zu zitieren.

    Die vorgestellten Daten lassen sich nämlich in vieler Hinsicht interpretieren: natürlich gibt es inter-individuelle Unterschiede, ohne deren Größe zu kennen kann man sie jedoch nicht interpretieren.

    Und auch die Interpretation von genetischen Faktoren, lassen einige Fakten außer acht: insbesondere die, daß der Einfluß genetischer Faktoren ziemlich überschätzt wird. FTO – eines der Gene, das für Adipositas verantwortlich gemacht wird – kann zwar zu einem erhöhten Körpergewicht führen, aber nur bei fehlender körperlicher Aktivität. Bei Menschen, die aktiv sind, spielt FTP kaum eine Rolle (Kilpeläinen et al, PLOS Medicine 2011). Man geht auch davon aus, daß Übergewicht in sehr vielen Fällen dadurch entsteht, daß die Kontrolle der Nahrungsaufnahme (vulgo das Sattwerden) nicht richtig funktioniert und deutlich mehr konsumiert wird als wahrgenommen wurde. Dazu gibt es eine Plethora von Studien (z.B. die Bottomless Bowl Studie).

    Letztendlich kommt es zur Gewichtszunahme, wenn mehr Energie konsumiert als verbraucht wird und Diäten sollen dabei helfen, dieses Gleichgewicht zu halten (daher gibt es auch große Unterschiede, denn manche Diäten lassen sich leichter einhalten).

  2. Frage: wie gefällt die Illustration? Eine gute Art der Bebilderung?

    • Dazu fällt mir ein
      „Ich darf nicht“(-Bildtext)…Verbot führt eher zu „Rückfall“…als
      „Ich brauche nicht“…Vernunfteinsicht als gute Langzeitbasis von Verhaltenmusteränderung, statt auf „Intelligenz-Logik“ aufgebaute,
      aber eben nicht auf (Vernunft-)Einsicht beruhende, V.-M.-Änderung.
      Das eigentlich gleiche und auch gewünschte Ergebnis wird somit als „Verbot“ empfunden, vom emotionalen Ich…keine gute Langzeitbasis;
      denn die dafür ständig gebrauchte „Gegenenergie“, gegen das
      „übergangene“ Emotion-ich, macht „schlapp“…langzeitmäßig.
      Besser, „Ich brauche nicht“…bindet sowohl das intelligente Ich, als auch das emotionale Ich als Vernunft-Entscheidungsträger.
      Kostet mit steigender V.-M.-Änderung fallende „Loslassenergie“…
      macht „stark“…langzeitmäßig.

      Ach so, ja…gute Idee die „Bebilderung“, zum Zweck der Be(freiung) Bildung. Bildung kommt vielleicht von Bild?:=)

  3. Diäten funktionieren
    Dieses Diät-Bashing ist inzwischen ein alter Hut. Die Wahrheit bleibt trotzdem, dass jeder Mensch abnimmt, wenn seine Kalorienbilanz negativ ist, und jeder sein Gewicht hält, wenn seine Kalorienbilanz ausgeglichen ist. Wenn eine Diät nicht funktioniert, dann liegt das also nicht an der Diät, sondern daran, dass sie nicht eingehalten wird.

  4. Quatsch
    Ich hab vor Jahren 50 Kilo abgespeckt und kein Problem damit mein Gewicht zu halten. Sport ist ein Muss, 2 Stunden pro Tag sind mein Ding, sonst fühl ich mich nicht wohl.
    Trotzdem ess ich keine Karbs, kein Mensch braucht das, dann hat auch der Blutzuckerspiegel keine Probleme und Hunger kommt auch keiner auf.

    100 Gramm Nudeln und Reis haben ganz genau dieselben Kalorien wie 100 Gramm Pommes, nämlich 350, da ess ich lieber ein Omelett mit 3 Eiern.

  5. Diäten
    Die Diäten funktionieren nicht, weil die Abgeordneten sie sich selbst verschreiben.
    Jürgen Plambeck

  6. +Spocht, -Völlerei
    Wir essen, bis wir voll sind. Das japanische Sprichwort enthält also viel Wahrheit. Dass wir außerdem zu wenig Sport treiben, tut sein Übriges.

    Was die Zusammensetzung der Nahrung angeht, lasse ich mir gar nichts vorschreiben. Manchmal esse ich mittags eine Tafel Schokolade, wenn mir danach ist. Dick bin ich trotzdem nicht.

  7. Letztlich ist der Mensch auch nur eine Maschine...
    Letztlich ist der Mensch auch nur eine Maschine mit einer Energiebilanz: Kalorien, die man zu sich nimmt, werden entweder über Bewegung oder Lebenserhaltung verbraucht. Was nicht verbraucht wird, wird entweder wie auch immer ausgeschieden (in Normalfall vernachlässigbar), oder aber in Fett umgewandelt und gespeichert.

    Also: Fett = Kalorienaufnahme abzüglich Verbrauch.

    Der Aufbau von einem 100g Körperfett benötigt ca. 700 kKal. Also: 700 kKal mehr zu sich genommen als verbraucht: 100g Fett zugelegt. 700kKal weniger zu sich genommen als verbraucht: 100g Fett verbrannt und entsprechender Gewichtsverlust.

    Somit gibt es zwei Möglichkeiten abzunehmen: entweder weniger essen, was aber auf Dauer (angeblich) den Grundumsatz reduziert, was wiederum den Erfolg der Aktion vermindert. Oder mehr Kalorien verbrauchen, vulgo: sich bewegen (was auch noch zum Muskelaufbau und damit erhöhtem Grundumsatz führt). Oder (und am Realistischten): eine Kombination aus beidem.

    Alles andere ist esotherisches Geschwurbel und Geldmacherei.

  8. Es ist nicht die Frage "was darf ich essen" sondern...
    wie komme ich an mein Körperfett (=Übergewicht). Hierzu gibt es eine sehr einfache und verläßliche Methode: Morgens, noch nüchtern pures Fett (einen Eßlöffel Schweineschmalz oder Olivenöl) zu sich nehmen und ein Glas warmes Wasser trinken. Nach einer halben Stunde normal (aber etwas weniger als gewohnt) Frühstücken. Der Körper bekommt auf diese Weise wieder beigebracht, Fett als Energiequelle zu erkennen. Wer Näheres wissen will: E-Mail an r.schlimm@gmx.de.

  9. amerikanisches Sprichwort
    flat rate – iss so viel wie reingeht.

    Die Asiaten sind wesentlich schlanker. Nur wenn sie westliche industrielle Nahrungsmittel zu sich nehmen, dann sieht man es ihnen an.

    Auch korreliert das Gewicht in westlichen Gesellschaften umgekehrt zum Einkommen.

    Beim letzten Dinner Buffet schlugen die stark Uebergewichtigen besonders stark zu.

    Gewicht lässt sich nur durch langfristige Umstellung in den Griff bekommen. Da muss jede Person ihren eigenen Weg finden. Saison Diäten bringen nichts.

    Belgische Waffeln und Pizza lasse ich gerne links liegen, so wie Fertiggerichte, Säfte, Fruchtyogurth und vieles anderes.

    Frueher habe ich täglich Säfte getrunken und mindestens einen Frucht Yogurt.

    Alles eine Frage der Gewohnheit.

    Falsche Trink und (Fr)Essgewohnheiten bedeuten Übergewicht, Diabetes 2, Demenz, Gelenkprobleme.

    Das ist für die Meisten nur eine Frage der Zeit und dann fängt das individuelle Leiden an.

    Lesetipp: Batmanghelidj – Sie sind nicht krank sondern durstig. Genug und richtig Wasser trinken und der Hunger lässt nach.

  10. Diskrepanz zwischen Titel und Inhalt?
    Die Überschrift konstatiert, dass Diäten nicht funktionieren. Zumindest liegt diese Lesart auch nach den ersten Absätzen noch nahe.

    Was danach folgt, ist ein geordnetes Rückzugsgefecht, im Zuge dessen konstatiert wird, dass
    a) der Blutzuckerspiegel eine wesentliche Rolle spielt,
    b) es eine mentale Herausforderung darstellt, dem Angebot unserer Warenwelt zu widerstehen und last but not least
    c) es sinnvoll ist, sich nicht vollzustopfen.

    Ohne die Hintergründe zu diskutieren (Isulinresistenz, Fettstoffwechsel der Leber, Aktivitätsniveau, Muskelmasse etc.) bleibt die zitierte japanische Regel: Nicht mehr essen, als der Hunger verlangt.

    Ich möchte hinzufügen: Und sich bewusst machen, ob und wann man aus Langeweile, Frust oder Geselligkeit isst. Genetisch bedingt mag ja eine gewisse Stoffwechseldisposition sein – aber über das Erbgut werden meines Wissens keine Kalorien transportiert. Da funktioniert erfahrungsgemäß immer noch die Zufuhr über Mund, Magen, Darm.

    Das Zitat von Traci Mann ist ohnehin entlarvend genug. Der Körper kämpft demzufolge mächtig damit, sich anzupassen. Was aber im Umkehrschluss offenkundig möglich ist.

    Das Fazit – und die „richtige“ Überschrift dieses Artikels – müsste dann heißen: „Diäten funktionieren – wenn man sich Mühe gibt und das Hirn einschaltet“.

    • Da haben Sie sicherlich Recht, nur wäre sie dann leider zu lang gewesen… das Hirn einschalten trifft die Sache aber genau auf den Punkt. Essen mit Verstand eben, anstatt unter Qualen zu verzichten….

    • Diäten
      Diäten machen langfristig dicker. Alle Diäten wirken gleich – der anfängliche Gewichtsverlust beruht meist auf der Ausscheidung von Wasser, anschließend setzt der Abbau der Muskel- und Knochenmasse ein. Fett greift der Körper in der Regel als allerletztes an, weil es der Wärmeisolation dient und damit dem Körper hilft, in Hungerphasen Kalorien zu sparen. und nach der Gewichtsreduktion holt er sich seine verlorenen Kilos zurück – und zwar mit Sicherheitszuschlag, um gegen künftige Hungersnöte gewappnet zu sein: Die Diätler werden dabei nicht nur dicker, sondern vor allem fetter als vorher, denn die Muskelmasse kommt nicht zurück, sie wird durch Fett ersetzt.Drei aktuelle 2014er-Studien in den renommierten internationalen Medizinjournals JAMA, CIRCULATION und THE LANCET bestätigen die vergleichbare Nutzlosigkeit verschiedener Abspeckkuren auf´s Neue: Alle Diäten sind gleich unwirksam, denn die Kilos kommen wieder – dabei ist es auch egal, ob schnell oder langsam abgespeckt wird, JoJo lässt grüßen

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