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Food Affair

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Wie wir intelligenter essen

Das ist die perfekte Ernährung

| 10 Lesermeinungen

###Reis, Thunfisch, Algen: muss ja nicht täglich sei, aber oft       Foto dpa

Ein Rhetorik-Seminar für Angestellte. Auf einem Tisch liegen, gleich neben dem Obstkorb, mit Puderzucker bestäubte Schokocroissants. Die Seminarteilnehmer, mit einem mehr oder weniger großen Verzichtswillen ausgestattet, begnügten sich mit Kaffee. Vorerst. In der ersten Pause, nach der Vorstellungsrunde und einer nicht sonderlich kräftezehrenden Aufwärmübung, warf der Erste seine Zurückhaltung über Bord und genehmigte sich ein Croissant. Und die Umstehenden?

Kommentierten das Verhalten: Frau D. fand das Croissant „verführerisch“, Herr M. winkte sofort ab, er mache Weight Watchers– ein einziges Croissant zu essen bedeute, bereits ein Drittel der erlaubten Tagesdosis an Kalorien aufgebraucht zu haben. Frau A. nickte heftig, laut ihrem Fitnessband müsse sie sich dafür zwei Stunden quälen, worauf sie keine Lust habe. Der allgemeine Konsens: „man muss auch mal verzichten können“.

Soweit die Theorie. Praktisch war es unmöglich den warmen Zuckerduft im Raum zu ignorieren. Weight Watchers hin oder her, in der nächsten Pause war es um Herrn M. geschehen. Und plötzlich fand auch Frau D., dass es zum Kaffee einfach dazu gehöre – das Croissant auf ihrem Teller zerlegte sie umständlich in mehrere Teile, von denen sie die Hälfte in den Müll warf. Frau A. besaß nicht nur ein Fitnessband, sondern offenbar auch umfangreiche Ernährungskenntnisse. Die Zutaten des Croissants fand sie bedenklich.

Um es kurz zu machen: am Ende des Tages waren schließlich trotz aller guten Vorsätze beinahe sämtliche Seminarteilnehmer eingeknickt.

Das ist insofern kurios, weil unverhältnismäßig viel Energie in eine bestimmte Frage (ja oder nein) fließt, die im Grunde ganz simpel zu beantworten ist. Doch Rationalität und Essen (gemeint sind Gelüste, nicht Ernährungsweisheiten) sind wie Feuer und Wasser. Bewusst und unbewusst kämpfen wir unentwegt an der Verführungsfront. Manchmal gewinnen wir, manchmal nicht. Mit Blick auf den Körperumfang und die Gesundheit verlieren die Amerikaner offensichtlich besonders häufig, was auch an der Fast Food Kultur liegt, die das Land fest im Griff hat. Kein Wunder, dass dort der Dokumentarfilm „Super Size Me“ gedreht wurde, in dem der Regisseur Morgan Spurlock seinen Körper in einem Selbstversuch mit Fast Food mästet. Ganz anders die (zengeschulten) Japaner. In keiner Stadt weltweit gibt es mehr Sternerestaurants als in Tokio, insgesamt verfügt Japan derzeit über 29 Restaurants mit drei Michelin Sternen. In den Vereinigten Staaten sind es 13.

Dass laut einer soeben veröffentlichten großen Studie des „National Center for Global Health and Medicine“ in Tokio, Japaner nach wie vor eine der höchsten Lebenserwartungen haben, liegt zwar nicht an der hohen Zahl ihrer Sternerestaurants. Aber die Zahl zeigt, dass Japan ein kulinarisches Ausnahmeland mit einer besonderen Esskultur ist. Die Ernährungsweise der Japaner ist körner- und sojabohnenreich, sie essen viel frischen Fisch, vergleichsweise wenig verarbeitete Lebensmittel und wenig Fett. Interessant ist: Die offiziellen Ernährungsrichtlinien geben keine allgemeingültige, „korrekte“ Ernährungsweise vor. Illustriert werden die Richtlinien nicht als Pyramide, sondern als Kreisel, auf dem keine einzelnen Nahrungsmittel abgebildet sind, sondern Gerichte. Warum? „Diese auf Gerichte basierende Darstellungsweise, so der Hauptautor der Studie Kayo Kuratani in einem Interview, „ist nicht nur leicht von jenen zu verstehen, die die Speisen kochen, sondern auch von jenen, die sie essen.“ Unmissverständlich wird auch die Bedeutung sportlicher Betätigung klargemacht: um den als Glas illustrierten Griff des Kreisels spurtet eine Figur.

An der Studie (http://www.bmj.com/content/352/bmj.i1209) waren 80 000 Probanden im Alter zwischen 45 und 75 beteiligt, die über einen Zeitraum von 15 Jahren detaillierte Angaben über ihre Ernährung und ihren Lebensstil machten. Das Ergebnis: eine sich an den japanischen Ernährungsrichtlinien orientierende Lebensweise ließ die Gesamtmortalität signifikant, nämlich um 15 Prozent, sinken. Auch das Risiko von Herz-Kreislauf -Erkrankungen sank. Zusammenfassend heißt es: „Unsere Ergebnisse legen nahe , dass ein ausgewogener Konsum von Getreide, Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Eier, Sojaprodukte, Milchprodukte, Süßwaren und alkoholische Getränke zur Langlebigkeit durch die Verringerung der Gefahr des Todes beitragen kann, vor allem von Herz-Kreislauf- Erkrankungen.“

An Ausgewogenheit dachte vermutlich auch Frau A., jedenfalls wurde sie später noch mit einem Apfel in der Hand gesichtet. Gesundes beruhigt das Gewissen nach einem kalorienreichen Ausrutscher, was man in der Psychologie Dissonanz mindernde Strategie nennt. Wobei schon der als Ausrutscher empfundene Griff zum Croissant unser angespanntes Verhältnis zum Essen zeigt. Vielleicht schulen wir uns demnächst besser alle ein bisschen im Zen-Buddhismus.

 

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10 Lesermeinungen

  1. Googeln Sie mal Robert H. Lustig (Pädiater und Neuroendokrinologe)
    Fructose. HCFS 55. Verdichtete, hochkalorische Lebensmittel. Gesüsste Getränke. Der Zusammenhang mit metabolischem Syndrom und Typ II Diabetes. Die erdrückende Beweislast. Ich bin’s satt. Immer wieder werden die gleichen halbgaren Texte verbreitet, ohne auf den Punkt zu kommen: Industriezucker. Prozessierte Lebensmittel. Ballaststoffarmut. Armut an Antioxidantien. Hoher Fleischkonsum. Zuviel einfache, ungesättigte Fettsäuren. Es ist ganz einfach: EAT REAL FOOD. Die Lancet bringt es auf den Punkt: es ist die Nahrungsmittelindustrie, die aus Profitinteresse, der Verpflichtung gegenüber der Shareholder Value das Gemeinwesen zur Geisel nimmt. Jede Volkswirtschaft, die eine moderne westliche Diat adaptiert, verzeichnet signifikante Anstiege beim metabolischen Syndrom und Typ II Diabetes. Das ist mittlerweile unhintergehbar. Der Hauptvektor für NCD’s (non communicable deseases) ist die liebe Industrie. Sie hat die erste große Welle, die Infektionskrankheiten, abgelöst, auch was die Dringlichkeit des Handelns betrifft. In der BRD werden bereits 25% der Kosten des Gesundheitswesens für Metabolisches Syndrom und Typ II Diabetes ausgegeben. Rechnet man Herz-, Gefäß- und Kreislauferkrankungen sowie Krebs hinzu, kann man ohne große Mühe auf bis zu 75% der Kosten kommen, die Fehlernährung verursachen kann. Es ist keine Lifestylefrage mehr, es ist eine Frage der Lebensqualität und des Überlebens überhaupt geworden. Die Faktenlage ist überwältigend. Deren Ignoranz aber auch. Und der Tenor: ’nichts genaues weiss man schon‘ ist schlicht und ergreifend so dumm, dass man es fast schon als böse bezeichnen kann: es ist nämlich Handeln wider besseren Wissens. Unsere Kinder werden, wenn es so weiter geht, eine weitaus geringere Lebenserwartung haben, mit einer weitaus schlechteren, krankheitsbedingten Lebensqualität. DAS sollte uns zu denken geben. Nicht das Verhältnis von Sterne-Restaurants.

  2. Unbestreitbar ist allerdings ....
    „Unbestreitbar ist allerdings, dass eine gesunde Ernährung mit wenig industriell verarbeiteten Produkten sich positiv auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirkt.“

    In der Ernährungsforschung ist nichts unbestreitbar, respektive gesichert. Außer vielleicht: Wenn Sie nichts essen, dann sterben Sie.

    Ansonsten ist & bleibt alles Spekulation, auch wenn man sich von „lieb gewonnen Wunschtatsachen“ schwer trennen möchte …

    Posten Sie gerne mal eine Studie, die Ihre o.a. These kausal beweist/belegt (nicht mit wackelingen Korrelationen).

    Hier noch ein paar interessante Grundsatzstatements:

    Prof. Peter Stehle, Präsidiumsmitglied der DGE e.V. (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) offenbarte öffentlich im Feb 2016, dass die Ernährungsforscher ein Problem haben: „Wir können nicht genügend wissenschaftliche Evidenz liefern.“ Denn das sei „tatsächlich schwierig, das Liefern von Belegen.“ Die beobachteten Ergebnisse der Ernährungsforschung seien daher „argumentativ natürlich sehr, sehr schwach. Aber das war immer so und wird so bleiben.“ Denn zu diesen Studien, die harte Evidenz, also Beweise für beispielsweise gesunde Ernährung liefern, erklärt Stehle: „Solche Interventionsstudien wird es nie geben.“ Auch auf die Frage, wie hoch der Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit (Verfassung) ist, spricht Stehle Klartext: „Das lässt sich nicht quantifizieren. Niemand weiß das“

    http://www.general-anzeiger-bonn.de/besser-leben/gesund/%E2%80%9EDer-Verbraucher-versteht-das-Wort-Risiko-nicht%E2%80%9C-article3164271.html

    • Ich denke, die im Beitrag erwähnte Studie ist angesichts der schieren Anzahl der Probanden (+ Zeitraum) durchaus relevant… Natürlich spielen so viele Faktoren eine Rolle – Bewegung, genetische Dispositionen, wie man isst, etc. – zumindest, da schein sich auch die Wissenschaft einig zu sein – ist eine Esskultur, die stark auf industriell verarbeitete Lebensmittel setzt, nicht gerade optimal:) werfen Sie doch vielleicht mal einen Blick in das Interview im Blog vom September mit einem der führenden Forscher auf dem Gebiet der Alzheimer-Erkrankung, Herrn Beyreuther. Oder (August) mit Herrn Kleinridders, der Molekularbiologe ist und in Potsdam zum Thema Ernährung für ein gesundes Altern forscht!

    • Googeln Sie mal Robert H. Lustig
      Fructose, das ist der Beelzebub. Und die hormonelle Verfasstheit des menschlichen Körpers. Die wird gnadenlos ausgebeutet. Der Zuckerkonsum korreliert eindeutig mit den Zuwachsraten für das metabolische Syndrom und Typ II Diabetes. Wenn wir warten, bis die Medizin und die Ernährungswissenschaften nur evidenzbasiert handelt, dann wird unser Gesundheitssytem pleite sein, lange vor der Herstellung dieses Wissen. Ihre Argumente sind die Argumente der Tabakindustrie, die sich die Zuckerindustrie zu eigen gemacht hat. Die Tabakindustrie und ihre Spin Doctors sind entlarvt, das wird auch der Zuckerindustrie passieren, hoffentlich. Ernährungstechnisch spielt Fructose keine große Rolle. Nur die Leber kann ihn aufgrund der Glut 5 Carrier aufnehmen und verstoffwechseln. Sind die Glykogenspeicher gefüllt (nur etwa 200g), dann wird der verbiebene Zucker zu LDL’s umgebaut, zu Fett. Morphologisch unterscheiden sich nichtalkoholtoxische und alkoholtoxische Fettleber nicht, weil: Ethanol eben nur fermentierte Fructose ist. In einem second hit sorgen unter anderen ROS-Formationen, die beim Aufbau von LDL’s entstehen, zur Verletzung und Fibrosierung von Leberzellen, die schließlich in die Zirrhose münden. Die hormonelle Verfasstheit des Menschen und seine Reaktion auf Zucker veranlasst viele Wisenschaftler, Zucker als einen Suchtstoff zu betrachten. Informieren sie sich, bevor Sie unausgegorene Halbwahrheiten verbreiten, die andere davon abhalten könnten, sich angemessen zu ernähren. das ist schlichtweg jebensgefährlich.

  3. Das ist die perfekte Ernährung?!
    Gott fand seine Schöpfung gut…nicht perfekt…das gibt mir zu denken…
    weil die Schöpfung Spiegel der Weisheit ist…
    oder ist gut = perfekt?
    Aber was ist dann mit Ihrem Ergebnis?
    Paßt es sich gut=perfekt…symbiotisch? in die Vielfaltrealität und Idee
    der guten Schöpfung Erde?
    Wenn gut=perfekt ist, warum gibt es beide Begriffe?
    Perfekt schon „kranker“ Idealismus…Begriff(e) als Warnung
    vor Besessenheit, Freiheitverlust, Eitelkeit, Dogma, etc.?
    Gesundes, gutes? streben nach…sich bemühen?
    Für sich, für andere, beides, zuerst für sich, dann für…wann für?
    Selbsterkenntnis und Einsicht…der Spiegel der Weisheit?
    Alles ist relativ…das humane Maß, das gute Maß…
    jeder für sich selbst finden?…die („Reife“-)Freiheit die wir meinen…
    und Zweck des Lebens…vorsagen gildet nicht?…aber Bildungshilfe
    gildet?:=)

  4. Korrelationen bleiben Korrelationen
    Wie hoch der Einfluss der Ernährung auf Gesundheit oder Krankheit ist weiß niemand – geschweige denn welchen Einfluss Essen/Trinken auf die Lebenslänge hat. Es gibt auf der Welt zahlreiche „+100-Hotspots“, wo die Leute ungewöhnlich alt werden, so zB in Japan, Italien und Ecuador – die Gründe scheinen demnach nicht auf dem Teller zu liegen, denn alle essen anders – und leben anders … u.a. „Rauchen von Chamico – das sind getrocknete Blätter vom Stechapfel. Die Wirkung ist ähnlich wie bei Marihuana, bei hoher Dosis sogar wie bei Kokain. Mit anderen Worten: eine Droge. Viele im Dorf rauchen Chamico, auch die Alten. Sie trinken zudem Alkohol, und nicht zu knapp.“

    http://www.welt.de/wissenschaft/article9151705/Das-raetselhafte-Tal-der-hochagilen-Greise.html

    • Unbestreitbar ist allerdings, dass eine gesunde Ernährung mit wenig industriell verarbeiteten Produkten sich positiv auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirkt. In seinem sehr spannenden Buch „Lebens-Mittel. Eine Verteidigung gegen die industrielle Nahrung und den Diätenwahn“ schreibt der Bestsellerautor Michael Pollan: „Ungeachtet aller Störfaktoren sind Menschen, die sich nach den Regeln einer traditionellen Esskultur ernähren, gewöhnlich sehr viel gesünder als Menschen, die ein moderne westliche Kost zu sich nehmen. Das gilt für die japanische und andere asiatische Ernährungsformen genauso wie für die traditionellen Ernährungsformen in Mexiko, Indien und dem Mittelmeerraum (Frankreich, Italien, Griechenland).“

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  6. Vielleicht sind's ja einfach bloß die "Gene"!?
    Es ist naiv oder einfach nur unwissenschaftlich, bloß nur von einer beobachteten bestimmten „Ernährungskultur“ (garniert mit suggestivem Verweis auf die hohe Anzahl von „Sterne“-Restaurants) ursächlich auf die höhere Lebenserwartung (in Japan) zu schließen. Bekanntlich sind die Verträglichkeiten von Speisen zwischen Asiaten und Europäern sehr unterschiedlich (besonders ausgeprägt bei Alkohol und Milch). Da zu kommt der unterschiedliche Lebensstil (hohe gegenseitige Rücksichtnahme in Japan, viel stärkere Angepasstheit des Einzelnen, Konfliktarmut, äußerst niedriges Kriminalitätsniveau), um nur einige Aspekte zu nennen. Die frische Verfügbarkeit der Meeresfrüchte, wie sie auf der Insel Japan üblich ist, lässt sich in Europa im übrigen auch gar nicht duplizieren. Ein weites Feld, das im Beitrag banal auf einen einzelnen Zeitgeist-Aspekt reduziert wird …

    • Ob es einfach nur die Gene sind? Das wäre schön (für die Japaner)! Ob das allerdings die Leiter der Studie vom „National Center for Global Health and Medicine“ in Tokio, die immerhin über 15 Jahre die Umweltbedingungen inkl. Ernährung und körperlicher Ertüchtigung ihrer Probanden untersucht haben, genauso sehen, bleibt zu bezweifeln.

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