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Food Affair

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Wie wir intelligenter essen

Es geht um die Wurst

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ILLUSTRATION - Eine Currywurst mit Aufschrift "Volkswagen Originalteil" und ein VW-Logo liegen am 19.02.2016 auf einem Teller in Hannover (Niedersachsen). Die Currywurst-Produktion bei Volkswagen hat 2015 erneut den Autoabsatz der Hausmarke abgehängt. In seiner Fleischerei in Wolfsburg produzierte das Unternehmen im vergangenen Jahr über 7,2 Millionen Currywürste. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu dpa "VW verkauft erneut mehr Currywürste als Autos" vom 19.02.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++VW verkauft mehr Currywürste als Autos                                                                                    Foto dpa

Ist derzeit von Volkswagen die Rede, denkt jeder automatisch an den Abgasskandal – dabei ist Volkswagen mehr als dieser Skandal, denn seit Jahrzehnten gehört neben den Autos ein anderes Produkt zum Kerngeschäft. Und dessen Erfolgsgeschichte kann keine noch so schlechte Unternehmensnachricht etwas anhaben: die Wurst. Mehr als  sieben Millionen Stück sind 2015 verkauft worden, das ist mehr als ein VW-Golf Käufer findet.

Im Jahr 1973 kreierten Fleischer der werkseigenen Fleischerei erstmals die Curry-Bockwurst. Sie besteht aus Schweinebacke, -speck und -bauch, wird über Buchenholz geräuchert und gar gebrüht. In eine Kunststoffpelle gepresst (die vor dem Braten zu entfernen ist), gibt es sie samt hauseigenem Ketchup der Marke Kraft im Werksverkauf. Und da die Wurst  ein Volkswagen-Originalteil ist, mit einer eigenen Teilenummer (199 398 500 A), kann sie  jeder lizensierte VW-Händler über das VW-Bestellwesen ordern.

20160501_180212Heaven and Hell: Currywurst extrascharf Foto privat

In der Wolfsburger VW-Kantine heißt es traditionell zum Frühstück ab acht Uhr morgens: „Kommste vonne Schicht, wat schönret gibt et nich, als wie Currywurst“. Die Zeile stammt aus einem Grönemeyer Song aus dem Jahr 1982. Seither hat die Wurst erheblich an Reputation eingebüßt. Vor einigen Monaten ergab die wissenschaftliche Auswertung von mehr als 800 Studien, dass bei der Verarbeitung von Fleisch, darunter Schwein, Rind und Lamm krebserregende Stoffe entstehen können. Verarbeitet bedeutet, dass Fleisch zum Beispiel gepökelt oder geräuchert wurde. Laut WHO steigt das Darmkrebs-Risiko je 50 Gramm Wurst pro Tag um 18 Prozent. Verbraucher, so heißt es bei der WHO, sollten ihren Konsum einschränken.

Ein Rat, den man bei Daimler offenbar umgesetzt hat. Auf der diesjährigen Aktionärsversammlung wurde jedenfalls ein Mangel an Wurst beanstandet. Zwei Aktionäre stritten sich so heftig, dass die Polizei gerufen wurde. Offiziellen Äußerungen zufolge ließ ein Besucher mehrfach „Saitenwürschtle“ vom Buffet mitgehen und war von einer Besucherin gemaßregelt worden, wogegen er protestierte. Der Kampf sei absehbar gewesen, so der Wall Street Internetdienst „Dealbreaker“, schließlich kämen die 5500 Aktionäre bei 12500 Würstchen auf nur 2,7 Würste pro Person. Selbst wenn man die Zahl der Würste pro Besucher abzüglich der Vegetarier auf 3 aufrunde, könne man, so Senior Editor Thornton McEnery, seine Aktionäre nicht „wie Griechen“ behandeln.

Es könnte sich bei der Verknappung der Würstchen allerdings auch um Nudging handeln, um einen sanften Stups in Richtung einer gesünderen Lebensweise – als Reaktion auf die Studie der WHO. Nudging liegt im Trend. Die Bundesregierung stellte im vergangenen Jahr drei Referenten ein, die sich damit beschäftigen, wie sich Menschen sanft in eine bestimmte Richtung bewegen lassen, der jüngste Erlass der Elektroauto-Prämie kann als Beispiel für Nudging verstanden werden. Der Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz Heiko Maas hält Nudging „für ein interessantes Instrument“. Konsequent angewandt könne es dazu führen, dass man die gleichen Ziele erreiche, die man bisher mit Gesetzen und Verordnungen erreicht habe.

 Vegane Curry-Wurst, Obstsalat und Spiegel: ist das bald der neue Kantinenalltag? 

Doch nicht nur Regierungen, sondern auch Unternehmen greifen immer häufiger zum Nudging, beispielsweise in Betriebskantinen. Mitarbeiter entscheiden sich häufiger für Obst wenn es in Sichtweite plaziert ist, oder wenn ein Spiegel über dem Buffet hängt. Ob ein Spiegel allerdings den Wurstklau bei Daimler verhindert hätte? Haben die Menschen die „sanfte Steuerung“ nämlich erst einmal durchschaut, kommt ein psychologisches Phänomen ins Spiel, das sich Reaktanz nennt. Vereinfacht könnte man es als Trotz beschreiben oder als die innere Haltung „jetzt erst recht“. Als in der Volkswagen Betriebskantine 2010 die fleischlose Wurst eingeführt und vegane sowie vegetarische Produkte intensiv beworben wurden, witterten die Currywurst-Liebhaber Verrat. Regionale Bauernverbände, die das Fleisch zur Wurst liefern, sahen ihre Existenz von den neuen „Vegan Warriors“ bedroht. Wer trotzig ist, handelt nicht mehr rational. Das Spektrum reicht von Verweigerung der gewünschten Handlung bis hin zu Hamsterkäufen oder Diebstahl der bedrohten Alternative.

Zurück zur Aktionärsversammlung von Daimler: Zwei Shareholder, die um Gratiswürste streiten, sei das deutschtypischste überhaupt, kommentierte der amerikanische Nachrichtendienst „Bux“ den „Food Fight“. Das ist zu kurz gegriffen, denn ein Hang zur Reaktanz steckt kulturübergreifend in jedem Menschen. Als der ehemalige New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, um die zunehmende Fettleibigkeit der Bevölkerung zu bekämpfen, XXL-Softdrinkbehältnisse verbieten wollte, warnten Ökonomen vor Reaktanzeffekten. „Die Menschen bekommen, was sie wollen“, beklagte David Just, Verhaltensökonom der Cornell University. Wer einen XXL-Softdrink kaufe, tue das mit einer bestimmten Absicht – und werde Wege finden, an genau diese Menge zu gelangen. Notfalls, so Just, kaufe er von der kleineren Größe zwei.

Wie die Currywurst- und Fußballfans im Stadion des VfL Wolfsburg. Dort gibt es die VW-Currywurst im Kleinformat – wohl, um den Verkauf in die Höhe zu treiben.

„Man kann ohne Gesetze und Verordnungen seine Ziele erreichen“, so der Wirtschaftsprofessor und Autor Cass Sunstein in seinem gemeinsam mit Richard H. Thaler verfassten Bestseller „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“. Welches Ziel Daimler verfolgt, ist noch unklar. Entweder wolle man die Wurst zukünftig streichen oder aber für eine ausreichende Menge sorgen. In einem Tweet  stellt der Konzern zumindest folgendes klar: hungrig bleiben!

Ist das jetzt eine Drohung (die Wurst wird gestrichen) oder nimmt sich Daimler VW’s florierendes Geschäftsmodell zum Vorbild und produziert zukünftig Würste am laufenden Band?

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2 Lesermeinungen

  1. "Jetzt erst recht"...Phänomen Reaktanz.
    Die meisten Menschen sind bereit zu lernen, aber nur die wenigsten, sich belehren zu lassen.
    Winston Churchill

    d.h. bezogen auf…
    Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: durch Nachdenken ist der edelste, durch Nachahmen der einfachste, durch Erfahrung der bitterste.
    Konfuzius

    …die meisten Menschen wählen!, handeln Reaktanz gesteuert,
    den bittersten Weg klug zu handeln, human zu reifen…

    Das, was Sie Phänomen nennen, entspringt als Wesenheit der
    Energie ihrer dualen Wurzel, oder, ist Energie-Wurzel-Dualität.
    In der Elektrotechnik bekannt als EMK und Gegen-EMK…
    E(lektro-)M(otorische)K(raft)…Spannung.
    Gegen-E(elektro-)M(otorische)K(raft)…Gegenspannung.
    Übersetzt auf Intelligenz und Emotion…Verhaltenmuster,
    E(motional-)M(otorische)K(raft)= Aktion und Gegen…Reaktanz.
    Aktion-Reaktion…allgem. Wissenschaft.
    In der E-Technik wird die Gegen-EMK, ich nenn sie mal
    GegenE(nergie-)M(otorische)K(raft) nach einer Zeit überwunden
    und wirkt nicht mehr „gegen“…oder als „Gegen“.
    Die Gegenenergie ist sowohl Einschalt-als auch Ausschalt-Energie-Effekt…Phänomen…begründet aus der Dualität aller Dinge im
    gesamten Universum.
    Das „Wehren“, die „Angst vor dem Tod“, das „Drehen“ vor der Geburt.
    Es gibt unzählige Beispiele…wir nehmen sie nur nicht immer
    als „Gegen“ wahr.
    Die von mir angesprochene „Überwindung“ nach einer „Zeit“
    bedeutet für uns Menschen „Geistreifezeit“, oder „humane
    Vernunftreifezeit“…der, oder einer „humanen Weisheit“ entgegen…
    oder nach Konfuzius: Klugheit und kluges handeln durch „Denken“
    und das mit Klugheitwachstum gekoppelte Bereitschaftswachstum
    sich auch zu jeder Zeit „belehren“…be=sein lehren zu lassen…
    zulassen.
    Evolution…Reifeweg auf Basis Dualität.
    Das „Böse“ ist nicht abzuschütteln, oder zu vernichten im
    herkömmlichen Verständnis, sondern bedeutet „Both“, das
    „Gut““E“(nergie), „BOTH“, „BEIDE“…im Mensch.
    Die Wirkung, das Handeln, „GUT“-„BÖSE“, ist vom humanen Geistreifegrad. der humanen Vernunftbildungsfähigkeit abhängig.
    Vernunft = Herz und Verstand…“both“ im Gleichgewicht
    und graduiert Vernunft-Level reifend…das „Gegen“…das „Böse“
    das „Unbelehrbare“ kann zusätzlich zur Grundevolution,
    durch gezielt lebenslange Vernunftbildung(szeit) „überwunden“, „eliminiert“ werden…schneller und „unblutiger“…“unbitterer“.
    Das „ICH“ und das „Gegen-ICH“…ICH-DU…“ICH-CHI“…
    Tai-CHI…CHI-Gong…D(ual)(S)CHI-had…das „Bewußte“…
    das „Un-Bewußte“…“Bewußt-Sein“…“Unbewußt-Sein“…
    der Weg zur „Bewußt-Heit“…“Mensch-Heit“…
    Leben…REIF“E“(nergie)…Tod…RIP“E“(ace)…Reife-Ripe…
    Energie-Dualitäten-Vernetzungen.
    Human…Reifelevel-Differenzen=Spannungen…GUT-BÖSE?

    Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat 2, gut, Gut, Both, Dualität…
    Intelligenz-Emotion…EMK und Gegen-Intelligenz-Gegenemotion…Gegen-EMK?…die Wurst…langes „Oval“ mit
    2 sich gegenüber liegenden Radien-Mittelpunkten…Centren.
    Liebe-Gegenliebe…Liebe-Hass…Hass-Gegehass…graduierte
    Reifesynthese…Integration durch Synthese?…Reifesynthese?

  2. Pingback: Laleph : Actualite alternative

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