Food Affair

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Wie wir intelligenter essen

Woher kommt mein Boeuf Bourguignon?

Auch niedliche Tiere schmecken gut Foto dpaAuch niedliche Tiere schmecken gut                                                                                  Foto dpa

Als ich neulich meinen Vater, der auf dem Land lebt, besuchte, fragte ich ihn, woher er und seine Frau ihre Nahrungsmittel beziehen. Er guckte mich verdutzt an, als sei meine Frage an Banalität nicht zu überbieten und sagte: „Na, aus dem Kühlschrank!“

Vor kurzem hat die Heinrich Böll Stiftung ein hervorragendes Buch unter dem Titel „Iss was?! Tiere, Fleisch & ich“ herausgegeben, das die Massentierhaltung und die global miteinander verknüpften Verwertungsketten anhand von Piktogrammen, Bildchen und kurzen Texten erklärt. Im Vorwort blickt die Autorin Barbara Unmüßig auf ihre eigene Kindheit zurück: „Ich erinnere mich an die Vielfalt der Pflanzen, an Weizen, Gerste und Hafer, an Rüben, Kartoffeln und sogar Tabak – alles habe ich auf den Feldern wachsen sehen. Ich war stolz darauf, all die Namen zu kennen, und erstaunt, was damals meine Freundinnen aus der Stadt alles nicht wussten. Wo das Essen herkommt, wie es gelagert, verarbeitet und zubereitet wird, habe ich in allen Einzelheiten erfahren.“

Heute lebt Barbara Unmüßig in Berlin, einer Umgebung, die hinsichtlich ihres kulinarischen Angebots die Wahl zur Qual macht. In urbanen Gegenden ist es ein Kinderspiel, seine Essenssehnsüchte und Gelüste zu stillen, und das im Grunde zu jeder Uhrzeit. Was trotz Bio-Siegel dabei verloren geht, ist die Frage, die eigentlich die Grundlage jeder vernünftigen Entscheidung für oder gegen ein Nahrungsmittel sein sollte. Woher kommt die Milch tatsächlich? Woher die Eier? Und woher das Fleisch? Oder: Wie werden eigentlich Schweine geschlachtet? Die maschinelle Tötung & Zerlegung funktioniert folgendermaßen: „Mit einem Fahrstuhl werden die Schweine hinunter in einen Schacht gefahren, der mit CO2 gefüllt ist. Das Gas betäubt die Tiere. Die Schweine sind bewusstlos und werden kopfüber an einer Kette durch die Schlachtstraße gezogen. Durch einen Messerstich in Herznähe verlieren die Tiere Blut und sterben daran.“ Im nächsten Schritt kommen sie in eine heiße Brühtonne, was die Borsten von der Haut löst. Danach werden „Schwanz, Ohren und Beine abgetrennt, die Haut abgezogen und die Organe entnommen.“ Die Geflügeltötung läuft auch nicht besser ab: „Geflügel wird meistens kopfüber durch ein Elektrobad gezogen und betäubt. Nur: zieht das Tier den Kopf ein, wird es nicht betäubt, bevor ihm die Halsschlagader durchtrennt wird und es schließlich verblutet. Der Hühnerkonsum ist hierzulande jedenfalls kontinuierlich gestiegen. 1970 betrug er pro Person jährlich 6,8 Kilogramm, 2014 waren es 21,4. Da wir nur das beste, zarteste Stück vom verarbeiteten Tier essen, nämlich das Brustfilet, wird der ganze unverkäufliche Rest – Schenkel, Flügel, Hälse – außer Landes nach Afrika gebracht, wo er den afrikanischen Bauern das Geschäftsleben zur Hölle macht. Denn wenn das deutsche Billigfleisch nur die Hälfte koste, gingen die Bauern pleite, „weil viele Menschen, die wenig Geld haben, lieber das billige Fleisch kaufen.“

Die Kette der industriellen Tierverarbeitung ist brutal. Dass trotzdem die allermeisten von uns ganz gern mal ein Stück Fleisch essen, hat insbesondere damit zu tun, dass wir das Fleisch als Wiener Schnitzel genießen und das Lebewesen dahinter sowie den Weg des Tieres auf den Teller verleugnen. Die amerikanische Psychologin Melanie Joy nennt es Karnismus. Es handele es sich dabei um ein Glaubenssystem, eine Ideologie, sagte sie in einem „Spiegel“-Interview. „Wir sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass es richtig ist, Tiere zu essen. Das ist eine soziale Norm, an der kaum gerüttelt wird. Der Karnismus hält uns davon ab, diese Norm zu hinterfragen. Wir haben also die Logik eines höchst unlogischen Systems verinnerlicht.“

Es wäre trotzdem falsch, den Fleischkonsum an sich zu verteufeln – aber die Fragen nach dem Woher sowie dem richtigen Maß könnten wir uns ruhig häufiger stellen.

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