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Food Affair

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Wie wir intelligenter essen

Haben gestillte Kinder bessere Chancen?

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IMG_0232 copyHm, später Mathe-Leistungskurs oder doch lieber Physik? Foto: privat

„Breastfed at Tiffany´s“ lautet der Titel eines aktuellen wissenschaftlichen Artikels, verfasst wurde er von Thierry Hennet von der medizinischen Fakultät der Universität Zürich.

Anmutig wie ein Frühstück im Abendkleid, wie es die bezaubernde Audrey Hepburn in dem gleichnamigen Film zelebriert, ist Stillen freilich nicht immer. Jedenfalls nicht gleich. Mal fließt zu viel Milch, mal zu wenig, mal zum falschen Zeitpunkt. Glücklich ist diejenige, die Quark im Kühlschrank hat, um die Schwellungen bei Milchstau zu kühlen.

Letztendlich hilft wohl nur das Glücks- und Bindungshormon Oxytozin, das während des Stillens massenhaft ausgeschüttet wird, den Optimismus zu bewahren.

Wer allerdings aussehen will wie Audrey Hepburn, gibt lieber gleich das Fläschchen. Doch halt! Schließlich gibt es die unbestreitbaren Vorteile der Muttermilch. In dem Bericht im Wissenschaftsmagazin „Trends in Biochemical Sciences“ heißt es: „Stillen verringert die Zahl der Säuglingssterblichkeit und verhindert Infektionen. Neben den bekannten Faktoren, ist vor allem die strukturelle Reichhaltigkeit der Muttermilch und deren flexible Anpassung an die kindlichen Bedürfnisse enorm.“ Was aber bedeutet strukturelle Reichhaltigkeit im Detail?

Da wären beispielsweise 200 verschiedene Zuckermoleküle, das sind etwa viermal soviel wie in Kuhmilch. Die meisten dieser Zuckermoleküle ernähren jedoch nicht den Säugling, sondern dessen Darmflora. Dort gibt es „gute“ und „schlechte“ Darmbakterien – solche, die das Immunsystem stärken, oder schwächen. Im Darm eines Neugeborenen befinden sich bereits wenige Tage nach der Geburt Millionen von Mikroben, nach wenigen Wochen sind es Billionen. „Ein wichtiger Impakt von Muttermilch ist jener, die Ansiedlung von spezifischen Bakteriengruppen zu fördern, die von den unterschiedlichsten Zuckermolekülen genährt werden“, so Thiery Hennet im Interview gegenüber dieser Zeitung.

Das Immunsystem des Säuglings profitiert darüber hinaus von einem weiteren Mechanismus. Kurz nach der Geburt ist die Milch reich an Antikörpern und Molekülen, die das Wachstum von schädlichen Bakterien eindämmen und die Immunantwort des infantilen Immunsystems stärken. 830 000 Todesfälle jährlich könnten vermieden werden, wenn Neugeborene unmittelbar nach der Geburt gestillt würden, ergab eine Studie der Nichtregierungsorganisation Save the Children aus dem Jahr 2013.

Ersatznahrung hat keinerlei Schutzfunktion 

Demgegenüber steht ein gigantischer Wirtschaftsmarkt – jener für Ersatznahrung. 44,8 Milliarden Dollar Umsatz werden derzeit mit Säuglingsnahrung erzielt. Bis zum Jahr 2019 wird (einem alarmierenden Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO und UNICEF zufolge) ein Wachstum auf 70,9 Milliarden erwartet. Kein einziges Produkt ist dabei auch nur annähernd von vergleichbarer Qualität wie Muttermilch. „Künstliche Säuglingsmilch ist eine extreme Vereinfachung, da sie lediglich Nährstoffe enthält und keinerlei Schutzfunktion“, so Hennet. Die aggressive Werbung für Säuglingsnahrung sieht er kritisch. Besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern greifen Frauen vermehrt auf Fertigprodukte zurück um ihren Nachwuchs zu ernähren. So führte in Mexiko die massive Werbung für Säuglingsnahrung und Verteilung Gratisproben zu einem enormen Anstieg an artifiziell gefütterten Säuglingen – und gleichzeitig häuften sich Brustkrebserkrankungen und stieg die Säuglingssterblichkeit dramatisch.

Doch was, wenn der Säugling nicht satt wird? Laut Hennet ist das quasi ausgeschlossen. „Nährstoffe sind immer vorhanden. Muttermilch ist wie maßgeschneidert für die Entwicklung des Kindes.“ Die enorme Komplexität an Molekülen sei das Ergebnis eines evolutionären Anpassungsprozesses von Millionen Jahren. Der hohe Anteil von Omega-3 Fettsäuren beispielsweise unterstütze die Hirnreifung. Das Baby bekomme immer genau den Nährstoffmix, den es gerade braucht. Theoretisch sogar über mehrere Jahre, so Hennet. Allerdings entwickle sich bei den meisten Menschen, vor allem bei jenen asiatischer Herkunft nach 2-3 Jahren eine Laktose-Intoleranz, gewissermaßen als natürliche Abstillhilfe. Das Kind beginnt, keine Milch mehr zu vertragen und wendet sich anderen Nahrungsmitteln zu.

Die WHO empfiehlt, Säuglinge bis zum 6. Monat voll zu stillen und dann mit Beikost zu beginnen. Wer möchte, dass sein Kind Karottenbrei mag, kann schon früh damit beginnen. Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft oder während des Stillens Karottensaft tranken, zeigten Experimenten zufolge eine Vorliebe für einen mit Karottensaft angerührten Haferbrei. Neben Karotten weisen übrigens auch Vanille, Knoblauch, Anis, Blauschimmelkäse und Minze intensive Geschmacksnoten auf, die sich den Weg in die Muttermilch bahnen.

Also doch Breastfeed at Tiffany’s? Immerhin ist Stillen ein kostenloser Luxus. Man muss dazu nicht Millionärin sein, wie das Model Gisele Bündchen, die ihren Nachwuchs übrigens in aller Öffentlichkeit stillte. Wo auch sonst?

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