Food Affair

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Wie wir intelligenter essen

Wie gefährlich sind Kuhmilch und Rindfleisch?

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ARCHIV - ILLUSTRATION - Ein Burger mit Hackfleisch, Zwiebeln, Käse, Salat, Speck und Sauce, aufgenommen am 09.03.2015 in einem Burger-Restaurant. Foto: Daniel Karmann/dpa (zu dpa «Restaurants in New York müssen vor zu salzigen Speisen warnen» vom 01.12.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++Burger mit Rindfleisch: köstlich, aber auch gefährlich?                         Foto dpa

Herr Professor zur Hausen, Sie vermuten einen Zusammenhang zwischen Milch- und Fleischkonsum und bestimmten Krebsarten. Was führte Sie zu dieser Annahme?

Die globale epidemiologische Analyse des Auftretens von Brust- und Dickdarmkrebs gibt Anlass zu der Vermutung, dass der Konsum von Fleisch- und Milchprodukten der hiesigen Milchrinder zum Risiko dieser Erkrankungen beiträgt. Die Häufigkeit des Auftretens dieser Krebsarten korreliert signifikant mit der Verbreitung der hiesigen Milchrinderrassen.

Was heißt das konkret?

Dort wo kein Rindfleisch verzehrt wird, bzw. das Fleisch einer anderen Rasse wie den Yaks oder Zebus, gibt es auch weniger Dickdarmkrebserkrankungen. So haben beispielsweise Hindus, die den Konsum von Rindfleisch aus religiösen Gründen vermeiden, weltweit die niedrigste Dickdarmkrebsrate. Ähnliches gilt für die Mongolei, wo zwar viel rotes Fleisch verzehrt wird, allerdings stammt dieses Fleisch von anderen Rinderarten und –rassen, den Yaks und Zebus. Dagegen sind in Japan und Südkorea mit steigendem Verzehr von (oft rohem!) Rindfleisch die Dickdarmkrebsraten deutlich angestiegen und erreichen mittlerweile das Niveau der Hochrisikoländer Europas und Amerikas, deren Rindfleisch sie importieren.

Wie unterscheidet sich das Brustkrebsrisiko in den einzelnen Ländern?

Die Verbreitung von Brustkrebs ist in Japan und Korea vergleichsweise niedrig und korreliert mit einem geringen Milchkonsum. Indien galt lange Zeit als veganes Land, mittlerweile ist auch hier der Milchkonsum gestiegen, Pädiater empfehlen gar ein Abstillen nach dem 3. Monat und auf Kuhmilch umzusteigen. Seit etwa 15 Jahre steigt die Brustkrebsrate. Was den Verdacht nahe legt, dass Brustkrebs weniger auf den Fleischkonsum, sondern eher auf den Konsum von Milchprodukten zurückzuführen ist.

Gelten Ihre Erkenntnisse nur für die beiden genannten Krebsarten, oder gibt es auch Hinweise auf andere Erkrankungen, die durch einen hohen Konsum von Milch- und Fleischprodukte hervorgerufen werden können?

Ganz konkret sehen wir eine Verbindung zwischen einer neurodegenerativen Erkrankung, der Multiplen Sklerose, und dem Konsum von Kuhmilch und Molkereiprodukten.

zur_Hausen_2016_1Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen

Wir darf man sich als Laie die wissenschaftliche Arbeit an diesem hochkomplexen Thema vorstellen?

Unserer Forschungsgruppe gelang es, eine Reihe virusähnlicher Einzelstrang-DNAs aus Serum und Milch zu isolieren und zu analysieren. Nach Übertragung in menschliche Zellen ist diese DNA genetisch aktiv. In Läsionen von 2 Patienten mit Multipler Sklerose konnten verwandte Isolate nachgewiesen werden. Bei gesunden Probanden dagegen wurden die Viren, die wir im Blut der Rinder und in der Milch finden, bisher nicht gefunden. Das alles sind indirekte Hinweise, das heißt, wir können im Moment zwar die Isolate charakterisieren, aber wir können keine klare Aussage machen, welches dieser Isolate eine konkrete Rolle spielt. Was wir bislang sehen ist, dass einige wesentlich aktiver in menschlichen Zellen sind als andere. Alle der gefundenen Agenzien, das sei noch erwähnt, sind nicht in die menschlichen Chromosomen eingebunden, sondern sie liegen frei vor, als sogenannte Episome – trotzdem sind sie in der Lage, die Gene in den Zellen zu beeinflussen. Die Rolle der gefundenen Sequenzen bei Krebs und neurologischen Erkrankungen wird zurzeit intensiv untersucht. Für uns ist es ein hoch interessantes Thema, an dem wir seit etlichen Jahren arbeiten und das wir hartnäckig weiterverfolgen. 

Wie stark schätzen Sie die Verbreitung der Agenzien in den Rinderbeständen ein?

Wir haben 130 Rinder untersucht und in sehr vielen haben wir diese virusähnlichen Moleküle gefunden. Ich würde davon ausgehen, dass diese Agenzien weit verbreitet sind, das hat sich dann auch gezeigt, als wir Joghurt untersuchten und Crème fraiche.

Ist das Infektionsrisiko bei Produkten von Bio-Rindern möglicherweise geringer?

Die Infektionen in den Rinderbeständen sind vermutlich schon seit Auerochsenzeit vorhanden und wurden permanent weitergegeben und möglicherweise sogar über die Gebärmutter intrauterin übertragen. Man muss davon ausgehen, dass sie weitest verbreitet waren und sind. Überall dort, wo sich die Ernährungsgewohnheiten stark ändern, sprich der Konsum von Rindfleisch angestiegen ist, hat sich das Dickdarm-Krebsrisiko erhöht.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, mit diesen Viren infiziert zu sein?

Die Wahrscheinlichkeit in Deutschland mit diesen Viren infiziert zu sein ist hoch, da wir alle seit frühester Kindheit Milchprodukte zu uns nehmen. Die Gefahr, die von diesen tierischen Viren ausgeht, ist a priori allerdings vergleichsweise gering.

Unter welchen Umständen wird aus einem Virusbefall ein Tumor?

Zwischen der Aufnahme des Virus und dem Ausbruch der Krankheit vergehen mitunter Jahrzehnte. Das ist das Heimtückische daran, weil in dieser Zeit oft keine erkennbaren Anzeichen vorhanden sind. Das Hauptrisiko für Brustkrebs könnte aus einer frühen Infektion in den ersten beiden Lebensjahren durch einen Rindermilchfaktor resultieren. Ob es letztendlich zu einer Aktivierung kommt, hängt von zusätzlichen Faktoren ab, etwa einer angeborenen Schädigung des Gens, oder schädigenden Ereignissen welche die gleichen Zellen im Laufe des Lebens treffen.

Raten Sie zu einem Verzicht von Rindfleisch und Milchprodukten?

Auf Milch und Fleisch zu verzichten, macht unter diesen Gesichtspunkten wenig Sinn, da wir davon ausgehen, dass bereits jeder infiziert ist.

Was empfehlen Sie präventiv?

Konkret sind das zwei Maßnahmen: Die erste ist, Neugeborene lange zu stillen, also über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten hinweg. Weil sich gezeigt hat, dass Stillen für eine Vielzahl von Erkrankungen einen Schutzeffekt hat. Das gilt übrigens auch für eine ganze Reihe von Krebserkrankungen, wie die akute lymphatische Leukämie oder Neuroblastome. Während des Stillens reift das Immunsystem der Kinder vernünftig heran und kann nach langsamem Abstillen hereinkommende Infektionen leichter neutralisieren. Die zweite Maßnahme ist, kein rohes Fleisch zu essen. Rohes, wie auch luftgetrocknetes und halbgares Rindfleisch birgt nach bisherigen Erkenntnissen mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Risiko für Infektionen. Obwohl wir nicht wirklich beurteilen können, inwiefern Braten oder Kochen von Fleisch das Risiko wirklich reduziert.

Welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit Ihrer zukünftigen Forschung?

Final gilt es zweifelsfrei nachzuweisen, dass die identifizierten Agenzien für Darm- und Brustkrebs verantwortlich sind. Wenn ja, können wir diagnostische Tests entwickeln. Das entscheidende und wichtigste aber ist: können wir eine Immunisierung, einen Impfschutz entwickeln, der verhindert, das die Kühe infiziert werden? Eine andere Möglichkeit wäre, die Menschen direkt zu impfen, wobei mir die Impfung der Kühe der sympathischere Weg ist.

 

Zur Person: Professor Harald zur Hausen, der langjährige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg entdeckte, dass humane Papillomviren Gebärmutterhalskrebs verursachen. Für seine Forschung erhielt er im Jahr 2008 den Nobelpreis für Medizin.

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8 Lesermeinungen

  1. Heimtücke, auch bei Viren
    „Das ist das Heimtückische daran, weil in dieser Zeit oft keine erkennbaren Anzeichen vorhanden sind.“

    Ich finde dies eher barmherzig als heimtückisch. Man merkt über Jahrzehnte nichts und das ist gut so. Aber vielleicht haben all die schönen Korrelationen auch gar nichts etwas mit Ursache und Wirkung zu tun?

    Es fällt auf. Je mehr der Glaube an ein Leben nach dem Tod schwindet, umso mehr konzentriert sich die Wissenschaft auf Zusammenhänge bezüglich einer möglichen Lebensverlängerung. Und umso heimtückischer werden Viren, die nun wirklich nichts dafür können.

  2. Und wieder wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben...
    … und aus zufälligen Korrelationen ein Zusammenhang „bewiesen“. Ich halte es wir Dr. von Hirschhausen: Ich esse das, was mir schmeckt. Wenn ich merke, daß ich zunehme esse ich weniger von dem was mir schmeckt.

  3. Vorläufige Daten
    Bestimmte Fettsäuren, wie C15:0, C17:0 oder C16:1n-7t gelten als Marker für den Konsum von Milch, Milchprodukten und Rindfleisch. Gemessen in roten Blutkörperchen oder im Plasma sind hohe Spiegel der genannten Fettsäuren mit einer erhöhten Überlebenswahrscheinlichkeit assoziiert, im Vergleich zu niedrigeren Spiegeln (Kleber et al, Eur Heart J 2016;37:1072, Chowdhury et al, Ann Int Med 2014;160:398). Bei allem Respekt vor Herrn von Hausen: Seine weitgehend spekulative Argumentation wird hierdurch stark relativiert.

    • Warum spekulativ?
      Was Professor Harald zur Hausen anführt, basiert offensichtlich auf konkreten Forschungsergebnissen. Natürlich ist jede Interpretation wissenschaftlicher Ergebnisse ein wenig spekulativ. Auch das von Ihnen angeführte Beispiel stellt eine Korrelation her, die verschiedene Interpretationen zulässt.

  4. Keine schnellen Folgerungen und andere Korrelationen gibt es auch
    Vielen Dank für diesen interessanten Text. Dass Stillen bis zu sechs Monaten das Beste für Säuglinge ist, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Dass Bio bei viralen Infektionen auch nicht gesünder ist, eigentlich auch. Interessanter wäre eine Untersuchung über den Zusammenhang von Lebenserwartung mit dem Konsum von Rindprodukten.

    Es ist ja gut möglich, dass Populationen mit hohem Verzehr von Rindfleisch ein höheres Risiko von Dickdarmkrebs aufweisen. Wenn dies aber auch mit einer allgemein höheren Lebenserwartung einhergeht, dann „lohnt“ sich das Risiko allemal. oder vereinfacht gesagt: Lieber mit 95 an Dickdarmkrebs sterben, als mit 65 wegen Mangelernährung an Proteinen.
    Schönes Beispiel ist das vielzitierte Indien: 1960 betrug die Lebenserwartung in Indien unter 41 Jahre, heute liegt sie bei über 66 Jahren.
    Vom Standpunkt der Ernährungsphysiologie von Populationen ist Proteinmangel besonders in der Jugend ein grösseres Risiko als Darmkrebs. Und, auch wenn wir es vielleicht nicht gern hören und lesen, Rinder sind ein ökonomisch relativ effizienter Transformator von Zellulose und Nicht-Protein-Stickstoff in hochwertige Nahrungsmittel. Ganze Weltregionen könnten ohne Wiederkäuer, zu denen das Rind gehört, nahrungsmässig genutzt werden. Effizient auch wegen des Grüsseneffekts. Eine Kuh oder eine Ziege mit der Maschine zu melken, verursacht gleich viel Arbeit, nur gibt eine Kuh zehnmal mehr Milch. So können viele besonders junge Menschen in den Genuss erschwinglicher hochwertiger Proteine gelangen. Ja, Yak Milch oder BioSchafmilch wären vielleicht noch gesünder, aber wenn sich Otto Normalverbraucher das gesunde Essen nicht leisten kann, nützt es auch nichts.
    Was wir brauchen sind ganzhetliche Ansätze

    P.S.: Der Verfasser ist promovierter Nutztierwissenschafter mit Dissertation über Nutzen und Risiken in der Kleinviehzucht

    • Proteinbedarf und Lebenserwartung
      Als Nutztierwissenschaftler sind Sie auch in Ihrer Meinung befangen. Zugegeben bin ich das als Vegetarier auch. Den globalen Proteinbedarf kann man sehr gut über pflanzliche Produkte abdecken, was meist auch ökologischer ist. Dass die Inder eine höhere Lebenserwartung haben, liegt sicher nicht an Ihrem Rindfleischkonsum, sondern vor allem am medizinischen Fortschritt. Möglicherweise wäre die Lebenserwartung der Inder noch höher, würden sie ihre Essensgewohnheiten nicht denen der westlichen Welt anpassen. Und Krebs bekommt man üblicherweise leider nicht erst mit 95.

  5. Steigendes Brustkrebsrisiko, gerade auch bei jungen Frauen
    Ich stelle mir die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen dem steigenden Alter der Frauen zum Zeitpunkt der Geburt und einem statistisch relevanten Anstieg der Krebsrate der Kinder gibt.

  6. Pingback: Viren als Lebensmittel | Quantenhomöopathie nach Hahnemann

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